Gertrude Bell - Die Britin, die den Nahen Osten mitgestaltete – und spaltete

Sie war Abenteurerin, Diplomatin und Strippenzieherin: In «Die Welt in ihren Händen» zeichnet Olivier Guez ein ambivalentes Bild der «Architektin des modernen Irak». 11...

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Gertrude Bell - Die Britin, die den Nahen Osten mitgestaltete – und spaltete

Sie war Abenteurerin, Diplomatin und Strippenzieherin: In «Die Welt in ihren Händen» zeichnet Olivier Guez ein ambivalentes Bild der «Architektin des modernen Irak».

11.07.2026, 14:23

Gertrude Bell sei «eine perfekte Figur» für einen Roman. «Sie hat so viele Seiten: Archäologin, Spionin, Gründerin des modernen Irak», so der französische Bestsellerautor Olivier Guez.

Vier Jahre Recherche habe sein Roman gebraucht, sagt der Autor. Und viel Ausdauer. In «Die Welt in ihren Händen» erzählt er das schillernde Leben einer der einflussreichsten Frauen ihrer Zeit.

Vor der Kulisse der Welthistorie

Der Roman spielt zur Zeit des Ersten Weltkriegs in Mesopotamien, dem heutigen Irak. Das Gebiet ist bis 1914 Teil des Osmanischen Reichs. Dann marschieren britische Truppen ein. 1921 wird der Irak zum Königreich, bleibt aber abhängig vom britischen Imperium. Bei diesen Umwälzungen dabei ist die Britin Gertrude Bell.

Person auf einem weissen Pferd sitzend, umgeben von Menschen in Uniformen auf einem Feld.
Legende:

Gertrude Bell, die politisch einflussreiche Linguistin und Arabistin, in Bagdad.

IMAGO / Gemini

Bell wird 1868 geboren, studiert als eine der ersten Frauen an der Eliteuniversität Oxford und lernt eine Vielzahl von Sprachen, darunter Persisch und Arabisch.

Spionin im Dienst ihrer Majestät

Sie lässt sich vom britischen Geheimdienst anwerben. Man schickt sie in den Orient, nach Bagdad. Sie verschafft sich Einfluss auf dem politischen Parkett – auch bei der Gründung des Königreichs Irak. Der erste irakische König, Faisal, ist das Resultat ihres Strippenziehens im Hintergrund.

Gruppe von Menschen in Outdoor-Kleidung bei einem Picknick auf Felsen.
Legende:

Getrude Bell beim Picknick mit König Faisal (zweite Person von rechts) im Jahre 1922.

IMAGO / Gemini

Olivier Guez' Buch ist ein Roman. Doch er hält sich an die Fakten. Er beruht auf der Originalkorrespondenz von Gertrude Bell. Auf bereits bestehenden Biografien. Auf historischen Darstellungen. Auch habe er viel «Literatur von damals gelesen, um die Mentalität von Frauen in der damaligen Zeit zu verstehen», erzählt Guez.

Buchhinweis:

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Olivier Guez: «Die Welt in ihren Händen». Übersetzt von Nicola Denis. Kiepenheuer und Witsch, 2026.

Der Roman schildert die historischen Zeitumstände plastisch. Nie papieren. Zudem entwirft er ein glaubwürdiges Porträt dieser Figur, die so gar nicht ins Frauenbild des viktorianischen Zeitalters passt.

Gruppenfoto einer grossen Gruppe von Männern und Frauen in historischer Kleidung mit Uniformen.
Legende:

Eine Frau, viele Männer: Gertrude Bell (links im Bild) bei der Kairo-Konferenz von 1921 zur Festlegung der britischen Politik für den Nahen Osten.

IMAGO / World History

Gertrude Bell heiratet nie. Bekommt keine Kinder. Und sie steht – als Frau – in entscheidenden Momenten an den Scharnieren der Weltgeschichte. Etwas vom Stärksten in diesem Roman sind die atmosphärisch dichten Schilderungen des Alltags der Diplomatin – etwa wenn sie auf dem Rücken eines Kamels durch die Wüste reitet.

Zwiespältiger Charakter

Doch Olivier Guez benennt auch die problematischen Seiten dieser Figur. Etwa ihre prüde Körperfeindlichkeit. Oder dass sie im Innern zerrissen ist.

Als Frau geht sie zwar persönlich unbeirrbar ihren Weg. Doch gleichzeitig profiliert sie sich als Gegnerin des Frauenwahlrechts – und erweist sich damit als durchschnittliches Kind ihrer Epoche.

Person in Kleidung steht vor einem Zelt mit Palmen im Hintergrund.
Legende:

Gertrude Bell starb vor 100 Jahren am 12. Juli 1926 in Bagdad. Die Todesursache ist bis heute nicht ganz geklärt, möglicherweise durch Missbrauch von Schlaftabletten.

IMAGO / UIG

Der Roman ruft nicht nur die vergessene Gertrude Bell in Erinnerung. Sondern auch eine historische Weichenstellung, die bis heute die Welt prägt: Im Ersten Weltkrieg setzte sich die Weltmacht Grossbritannien in der Region fest, die wegen ihrer Rohstoffe wie Erdöl entscheidend war für die globale Wirtschaft – und es bis heute geblieben ist.

Grenzen ohne Rücksicht

Die Europäer zogen Grenzen von neuen Staaten im Nahen Osten und ignorierten dabei nur zu oft die Gegebenheiten vor Ort. Etwa dass es im neuen Staat Irak Konflikte geben könnte zwischen verschiedenen Volksgruppen wie Schiiten, Sunniten oder Kurden.

Von dieser fatalen Kurzsichtigkeit war Gertrude Bell nicht ausgenommen. Das Vermächtnis dieser Frau – auch dies zeigt der Roman – ist zutiefst ambivalent.