EU kippt Kennzeichnungspflicht für Gen-Food: Auswirkungen auf die Schweiz
Publiziert12. Juli 2026, 07:13Die Folgen für dichGen-Food und Pestizide: EU, Kanada und USA senken die HürdenDie Industrie jubelt, Umweltschützer warnen. Das musst du zu den neuen Vorgaben der wichtigen Schweiz...
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Publiziert12. Juli 2026, 07:13
Die Folgen für dichGen-Food und Pestizide: EU, Kanada und USA senken die Hürden
Die Industrie jubelt, Umweltschützer warnen. Das musst du zu den neuen Vorgaben der wichtigen Schweizer Handelspartner wissen.

Darum gehts
- Kanada, die EU und der Oberste US-Gerichtshof haben innert kurzer Zeit drei Entscheide zugunsten der Agrar- und Chemieindustrie gefällt.
- Die EU will ab 2028 die Kennzeichnungspflicht für bestimmte Gentech-Produkte abschaffen.
- Die Allianz Gentechfrei warnt, der Wirtschaftsverband Scienceindustries fordert, dass die Schweiz nachzieht.
Die Chemie-, Agrar- und die Lebensmittelindustrie konnten gerade innerhalb von kurzer Zeit dreimal die Korken knallen lassen:
Kanadas Regierung verabschiedete Mitte Juni ein Gesetz, das die Zulassung von Pestiziden ermöglicht, selbst wenn diese vorher vom Gesundheitsministerium als unsicher eingestuft wurden. Der Gesetzesentwurf räumt dem Kabinett von Premierminister Mark Carney die Befugnis ein, jedes Pestizid zu genehmigen, das im Interesse der Wirtschaft oder der nationalen Ernährungssicherheit liegt, wie der kanadische Rundfunk «CBC» berichtet.
Ebenfalls Mitte Juni stimmte das EU-Parlament dafür, dass es ab 2028 für Produkte aus bestimmten gentechnisch veränderten Pflanzen im Laden keine Kennzeichnung mehr braucht. Das soll etwa für Eingriffe mit der Genschere Crispr gelten (siehe Box).
Das ist Crispr-Cas
Crispr steht für «Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats». Damit lässt sich DNA gezielt schneiden und verändern. Gene können eingefügt, entfernt oder ausgeschaltet werden. Das funktioniert bei einzelnen Basen und ganzen Genabschnitten, auch an mehreren Stellen zugleich.
Entdeckt hat das Potenzial von Crispr 2012 die französische Biologin Emmanuelle Charpentier, als sie scharlachauslösende Bakterien untersuchte. Diese besitzen einen Mechanismus, um sich gegen Viren zu verteidigen: ein Molekül, das wie eine Art Schere funktioniert und Erbmaterial mit zuvor unerreichter Genauigkeit manipulieren kann. Gemeinsam mit Jennifer A. Doudna entwickelte Charpentier daraufhin die Gen-Schere Crispr-Cas9. Mit dieser lässt sich die DNA von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen mit verändern. Im Oktober 2020 wurden die beiden Frauen dafür mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet.
Ende Juni entschied dann der Oberste US-Gerichtshof in einem Urteil zugunsten des Chemieunternehmens Monsanto, das seit einigen Jahren zum deutschen Konzern Bayer gehört. Dabei ging es um die Frage, ob Monsanto es versäumt hat, die Anwender seines Unkrautvernichters Roundup vor dessen Risiken zu warnen. Eine Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation stufte den Wirkstoff Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend ein, die US-Gesundheitsbehörde allerdings nicht. Bayer argumentiert, das Unternehmen dürfe nicht für das Fehlen eines Warnhinweises haftbar gemacht werden, wenn das von der Behörde nicht verlangt wird. Sieben der neun Richter stimmten für Bayer. Das Urteil dürfte nun Tausende Klagen gegen Monsanto blockieren, wie der «Guardian» schreibt.
Was sind die Folgen?
Während es für die Entscheidungen Lob von der Industrie gibt, kritisieren Umwelt- und Gesundheitsorganisationen diese scharf. Auf Tiktok heisst es in einem Video dazu, diese drei Entscheidungen seien kein Zufall, die Unternehmen schützten sich damit. «Kanada erlaubt den Einsatz giftiger Chemikalien bei exportierten Erzeugnissen, Europa entfernt die Etiketten, sodass man sie nicht zurückverfolgen kann, und Amerika legt fest: Wer keine Kennzeichnung hat, kann nicht verklagt werden.»
20 Minuten fragte Marionna Schlatter von der Schweizer Allianz Gentechfrei (SAG) und Nadine Lumme vom Wirtschaftsverband Scienceindustries nach ihrer Einschätzung ...
... zu den Entscheidungen
Nadine Lumme sagt, Scienceindustries lege den Fokus auf die Schweiz. Politische und rechtliche Entwicklungen in anderen Ländern kommentiere sie nicht.
Marionna Schlatter sagt, mit der Gesetzesänderung in der EU werde das Vorsorgeprinzip ausgehebelt. Dieses besagt, dass wer eine Technologie einsetzen will, zuerst nachweisen muss, dass sie keine unzumutbaren Risiken birgt. Sie warnt, dass jeder gentechnische Eingriff unbeabsichtigte Nebeneffekte haben könne. Profiteure seien die Unternehmen.
Das sind die Expertinnen


... zu den Folgen für die Menschen in der Schweiz
Lumme sieht kurzfristig keine Folgen. Langfristig gehe es darum, ob die Schweiz Zugang zu innovativen Pflanzensorten erhalte, die widerstandsfähiger gegen Krankheiten und den Klimawandel sind und einen nachhaltigeren Anbau ermöglichten.
Schlatter sagt, wenn die Kennzeichnungspflicht in der EU wegfällt, werde der Vollzug der Schweizer Gesetzgebung mangels Transparenz deutlich erschwert. «Der Import von nicht deklarierten gentechnisch veränderten Produkten unterläuft die Schweizer Gesetzgebung – und mit ihr die Wahlfreiheit der Konsumentinnen und Konsumenten.»
Das gilt in der Schweiz
Das Schweizer Parlament hat das Gentech-Moratorium für die Landwirtschaft bis Ende 2030 verlängert. Damit ist der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen und Tieren sowie der Verkauf von gentechnisch verändertem Saatgut verboten. Ausnahmen gelten ausschliesslich für die Forschung.
Ihre Forderungen an die Politik
Scienceindustries fordert, dass sich die Schweiz an den Entwicklungen in Europa ausrichtet. Während die wichtigsten Handelspartner ihre Regeln modernisieren, drohe die Schweiz mit einer übermässig restriktiven Regulierung die Forschung, Innovation und Landwirtschaft auszubremsen. «Stand heute riskiert die Schweiz, bei neuen Züchtungsverfahren zum Schlusslicht Europas zu werden», warnt Lumme.
Die SAG fordert vom Bundesrat Vorsorgemassnahmen, damit keine undeklarierten gentechnisch veränderten Produkte in die Schweiz gelangen. «Die Importkontrollen müssen verstärkt werden und die Entwicklung von Nachweisverfahren muss gefördert werden.» Mitte-Ständerat Peter Hegglin reichte dazu eine Interpellation ein. Die SAG lancierte einen Appell an Bundesrat und Parlament, um das Recht auf Wahlfreiheit zu schützen.
Was bedeuten die neuen Regeln für Gen-Food und Pestizide für dich persönlich?
Ich finde es gut, wenn neue Technologien die Landwirtschaft effizienter machen.
Ich mache mir Sorgen um meine Gesundheit und die Umwelt.
Mir ist wichtig, dass ich immer weiss, was ich esse.
Solange es sicher ist, ist es mir egal, wie es hergestellt wurde.
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Fabian Pöschl (fpo) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Verantwortlicher Wirtschaftsnews im Ressort Wirtschaft