Was hat Deutschland von Friedrich Merz noch zu erwarten?
GastkommentarHans-Hermann TiedjeDie Iden des Merz – wie sich der deutsche Kanzler um Kopf und Kragen redetFriedrich Merz hat Millionen Wähler getäuscht. Es stellt sich zudem die dringliche Frage: Wie kommt er i...
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Gastkommentar
Hans-Hermann Tiedje
Die Iden des Merz – wie sich der deutsche Kanzler um Kopf und Kragen redet
Friedrich Merz hat Millionen Wähler getäuscht. Es stellt sich zudem die dringliche Frage: Wie kommt er irgendwann zu stabilen politischen Mehrheiten?
25.07.2026, 05.42 Uhr
8 Leseminuten

Was hat Deutschland von Friedrich Merz noch zu erwarten? Die Kernfrage der Nation. Tatsache ist: Der Kanzler sitzt im finsteren Umfragekeller. Von 28,5 Prozent bei der Bundestagswahl 2025 sind die Unionsparteien auf zurzeit 22 Prozent abgestürzt, bei 28 Prozent liegt jetzt die AfD. Und schuld daran ist nicht der abservierte CDU-Fraktionschef Jens Spahn. Der hatte wenigstens die Zügel in der Hand.
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Spahns Sturz wird die Union zwar weitere Wählerstimmen kosten, in Richtung AfD. Aber dorthin strömen ja schon länger konservative Wähler, nachdem diese Partei schon vorher einen Grossteil der Arbeiterschaft von der SPD eingesammelt hatte. Ganz offenkundig interessiert es diese Leute nicht, ob der Verfassungsschutz gegen die AfD ermittelt, ob er über kritische Erkenntnisse verfügt oder nicht. Merz hatte 2018 das Ziel ausgegeben, die AfD zu halbieren.
Folgerichtig gab es Überlegungen, den Nonvaleur im Kanzleramt gegen den beliebten NRW-Ministerpräsidenten Hendrik Josef Wüst auszutauschen. Eine freie Erfindung der Medien, tönte es aus der Union. Die Riege Carsten Linnemann, Wüst selbst, damals noch Spahn und Markus Söder beteuerte einhellig: Wir stehen hinter dem Kanzler. Das erinnert an den römischen Senat im Jahre 44 vor Christi Geburt. Die Herren schworen Cäsar die Treue, und dann stach einer zu. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Die Iden des März.
Aber in unserem Fall würde es keine Bluttat geben, die Zeiten haben sich Gott sei Dank geändert. Prognose: Wenn es so weit ist, in jedem Fall nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, stellt sich die Merz-Frage erneut, in Sachsen-Anhalt angesichts der dort drohenden Wahlkatastrophe in voller Schärfe. Vielleicht wird alles auch noch ein paar Monate länger dauern, aber es wird passieren. Warum? Weil sich die Granden der Union natürlich Gedanken machen (müssen) über diesen Kanzler und dessen Performance. Es wäre geradezu fahrlässig, wenn die Führungen der Unionsparteien keine Alternativen prüfen würden. Denn auch sie haben, wie Merz für sich selbst formulierte, «kein Mandat, die CDU abzuschaffen». Mit Sicherheit schwant dem CDU-Chef und Kanzler, dass es personelle Erwägungen gibt. Die CDU stand bisher für strategische Realpolitik. Jeder führende Unionspolitiker weiss noch, wie Italiens einstige Staatspartei Democrazia Cristiana unterging.
Friedrich Merz hat Millionen Wähler getäuscht, man könnte auch sagen: angeschwindelt. Sein Mantra vor der Bundestagswahl: Die Schuldenbremse bleibt! In dieser Sache hat er jahrelang seinen Vorgänger Olaf Scholz attackiert. Deswegen haben ihn sehr viele Menschen gewählt, auch ich. Kaum im Amt, machte seine Regierung Neuschulden von einer Billion Euro, das sind 1000 Milliarden. Seither wächst der Schuldenberg immer höher. Schon heute kann man Merz den Kanzler der gebrochenen Versprechen nennen. Dabei glaubte man, ihn zu kennen: Rechtsanwalt, Blackrock-Aufsichtsrat, Pilot, eigenes Flugzeug, Selfmade-Millionär, Wirtschaftspolitiker, der englischen Sprache vorzüglich mächtig, talentierter Redner, einst beliebter Fraktionschef.
Und nun die bittere Wirklichkeit. Alle paar Wochen redet er sich aufs Neue um Kopf und Kragen; Führung im Kanzleramt hatte man sich auch anders vorgestellt.
Merz liess es sich gefallen, dass die Sozialministerin Bärbel Bas (SPD) seinen zutreffenden Befund, Deutschland könne sich die teuren Sozialsysteme nicht mehr leisten, öffentlich als «Bullshit» abtat. Wer hat hier eigentlich die Richtlinienkompetenz: er oder sie? Dann stellte Bas im Bundestag fest: «Es gibt keine Einwanderung in unsere Sozialsysteme.» Allein in Bas’ Heimatstadt Duisburg leben 22 000 Rumänen und Bulgaren, die Hälfte von deutschem Bürgergeld. Alsdann phantasierte die Frontfrau der SPD von «Einheitsbraun», wonach sich angeblich manche im Lande sehnten. Aber Merz rügte nicht Bas, sondern seine fachkundige Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Die hatte die SPD angezählt. Der Kanzler gab sich «befremdet». Falsche Welt.
Derzeit spricht er oft vom «grossen Sprung nach vorn», der da nun bald passieren soll. Leider handelt es sich dabei um das Wording von Mao Zedong, dessen Grosser Sprung nach vorn Ursache für Chinas grosse Hungersnot war, an der 20 bis 50 Millionen Menschen zugrunde gingen.
Die persönliche Tragik des Joachim-Friedrich Martin Josef Merz beginnt mit der Grösse seiner Ankündigungen. Der fatalen Gendersprache hat er den Kampf angesagt. Bravo! Und nun? Hat er ihn aufgegeben? Wenn ja, warum? Themenwechsel: Kleine Anfrage der Union im Wahlkampf 2025, genau 551 Fragen zur Finanzierung von NGO. Hintergrund: CDU und CSU planen, den meisten dieser linken Abzockvereine die staatliche Förderung zu entziehen. Der Staat braucht Geld, NGO braucht niemand. Ergebnis: Bisher ist eigentlich nichts passiert.
Womit wir beim Marschflugkörper Taurus wären. Dessen Lieferung an die Ukraine zum Einsatz gegen Russlands Angriffsarmee hatte Merz beständig und lautstark gefordert, solange Olaf Scholz Kanzler war. Seither ist Taurus kein Thema mehr. Nun überrascht Merz mit der Anschaffung von Tomahawks, aber für Deutschland. Was hat Selenski davon? Man darf ja einmal fragen.
AfD-Wähler duzen
Zur Brandmauer gegen die AfD: In dieser Frage stehe er felsenfest, sagt er. Dabei hat er höchstpersönlich im Januar 2025 von ebendieser AfD im Bundestag Unterstützung für die Änderung des Ausländerrechts in Kauf genommen. Jetzt, 2026, schwingt Merz gegen die AfD die schwere Keule. Jüngst nannte er sie eine Partei, die «in der Tradition des schlimmsten Unrechts unseres Landes steht, das es in der Geschichte jemals gegeben hat». Die AfD in der Tradition von Auschwitz? Geht’s, was diese Partei anbelangt, auch eine Nummer kleiner?
Der Kanzler steht zur Brandmauer, die er aber, seit er im Amt ist, nicht mehr so nennt. Stattdessen duzt er neuerdings AfD-Wähler, die er ja zur Union zurückholen will. Merz wörtlich: «Schaut genau hin, lasst euch nicht von Social-Media-Aktivitäten, egal wo sie stattfinden, allein informieren, sondern guckt hin, was die Bundesregierung versucht, auf den Weg zu bringen.»
Das Duzen von AfD-Wählern wird dabei nicht hilfreich sein. Vermutlich stellt sich die Brandmauer-Frage spätestens im September, nach der Wahl in Sachsen-Anhalt, neu.
Für Merz in seiner fragilen Koalition stellt sich zurzeit noch eine andere Frage: Wie kommt er irgendwann zu stabilen politischen Mehrheiten? Die FDP fällt ja aus, das hat ihr der Kanzler im März bescheinigt: «Sie wird keine Rolle mehr spielen.» Wenn da mal Genschers Enkel Wolfgang Kubicki nicht schlauer ist. Der FDP-Chef hat vor, sich in grösserem Stil bei der frustrierten liberalen Unionsklientel zu bedienen.
Kubickis Erwartung: je grösser der Überdruss wegen Merz, desto stärker die FDP. Zum Jahresende erwartet Kubicki 7 Prozent für seine Partei. Kommt es so, fällt die Union unter 20 Prozent. Dann bliebe CDU und CSU auf Sicht nur, sich in strittigen Situationen, zum Beispiel in Bundesländern, mit der Linkspartei zu arrangieren. Das ist bekanntlich die dreimal umbenannte DDR-SED, in ihrer grossen Zeit die Schiessbefehl-Partei, jetzt eine in weiten Teilen gesichert antisemitische Neo-SED, die sich als Lifestyle-Linke inszeniert. Diese Partei betreffend, gibt es einen beinharten Unvereinbarkeitsbeschluss der Union. Und was passiert, falls Merz das ändern möchte oder muss? Es wäre das Ende der Union, wie wir sie kannten.
Wie kommt es eigentlich, dass Friedrich Merz, der früher als guter Redner galt und die Menschen mit smarten Ideen wie der Steuererklärung auf dem Bierdeckel faszinierte, heute oft so schräg formuliert? Nehmen wir seine Themen «Paschas» und das «Stadtbild»: In beiden Fällen hatte er komplett recht, hatte die Sorgen der Mehrheit auf den Punkt gebracht, ja, und dann tauchte er ab.
In Erinnerung bleibt er mit dem Thema «Zahnarzttermine»: «Auch die Bevölkerung, die werden doch wahnsinnig, die Leute, wenn die sehen, dass 300 000 Asylbewerber abgelehnt sind, nicht ausreisen, die vollen Leistungen bekommen, die volle Heilfürsorge bekommen. Die sitzen beim Arzt und lassen sich die Zähne neu machen, und die deutschen Bürger nebendran kriegen keine Termine.» Dazu äusserte sich mein Zahnarzt wie folgt: «An diesem Satz stimmt nichts, ausser, dass es in Deutschland Zahnärzte gibt.»
«Wir sind stolz auf euch»
Wahlen werden üblicherweise über die Innenpolitik entschieden. Merz hat nichts dagegen, wenn man ihn «Aussenkanzler» nennt. Auf der internationalen Bühne macht er bella figura, ausser er gerät an Trump. Als Merz beklagt hatte, die iranische Führung habe Amerika «gedemütigt», kam prompt der Konter. Merz habe «keine Ahnung, wovon er spricht», er solle lieber sein «kaputtes Land» in Ordnung bringen.
Viele fragen sich: Wer berät Merz, auf wen hört er? Wer war zum Beispiel verantwortlich für seine herzliche Gratulation zum angeblich grossartigen Auftritt der deutschen Fussballnationalmannschaft bei der WM in Amerika? «Wir sind stolz auf euch.» Mir ist in Deutschland niemand bekannt, ausser Merz natürlich, der öffentlich stolz auf diese Nationalelf der Rumpelfüssler war.
Und dann gibt es da noch den wehleidigen Kanzler. Im «Spiegel» über Social Media: «Wenn Sie mal schauen, was dort über mich verbreitet wird, wie ich da angegriffen und herabgewürdigt werde – kein Kanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.» Oh weh oh weh oh weh. Willy Brandt (Deckname im Kampf gegen die NSDAP) wurde zwanzig Jahre als Herbert Frahm (das war sein Geburtsname) diffamiert und denunziert. Er hat alles verkraftet. An Helmut Kohl prallte zwanzig Jahre jede Variante von «Birne» ab. Hat er sich je darüber öffentlich beschwert? Franz Josef Strauss und Axel Springer, beide ausdrücklich keine Nazis, wurden über Jahre von links aussen öffentlich und fortwährend als «neue SS» geschmäht . . . die haben das nicht einmal ignoriert.
Friedrich Merz hingegen, der bedauernswerte Staatsmann in spe, hat im Zusammenhang mit §188 StGB (Politikerbeleidigung) wie auch Baerbock, Habeck und Strack-Zimmermann einen beachtlichen Teil der 4000 Strafanzeigen auf den Weg gebracht, mit denen sich wahlweise Staatsanwälte und/oder Richter befassen mussten. Seit er Kanzler sei, tue er das nicht mehr, hat er erklärt. Da kann man nur sagen: Danke, Fritz!
Stattdessen bescheinigt sich der Bundeskanzler selbst die ungeheure Schwere der eigenen Aufgabe. Originalzitat: «Ich sage das ohne jede Larmoyanz: Eine wohlhabende Gesellschaft zu verändern, ist viel schwieriger, als ein Land nach Krieg und Zerstörung wieder aufzubauen.» Wenn ich das jetzt richtig verstehe, meint er: 1945, als Deutschland in Schutt und Asche lag, und mein Vater war kriegsblind und meine Mutter soeben noch aus Ostpreussen in den Westen vertrieben worden, und Berlin war eine Trümmerwüste und Hamburg und Frankfurt und Köln und München auch, und alles war zerstört, erledigt, am Ende. Da war es ja deutlich leichter zu regieren als heute, wo die Gesellschaft wohlhabend ist und Deutschland die drittstärkste Industrienation der Welt. Konrad Adenauer und Ludwig Erhard hatten es demnach deutlich leichter als Merz heute. Auf diese Idee muss man erst einmal kommen.
Die Frage steht im Raum: Woher rührt dieser fortwährend selbstgerechte Ton, der Merz immer wieder auf die Füsse fällt? Ist es sein Redenschreiber? Sind es die Affirmationen, die er sich morgens vor dem Spiegel erzählt? Oder ist es das, was er beim Frühstück aufschnappt? Was immer es sein mag: Er hat die Treusten der Treuen enttäuscht. In der Unionsfraktion im Bundestag dominieren Missmut, Frust, Zorn. Und die Zahl derer, die sich heute schon um ihr Mandat bei der nächsten Bundestagswahl, wann immer sie sein mag, sorgen, wächst und wächst.
Prognose: Merz hat den längeren Teil seiner Amtszeit hinter sich. Nur noch jeder Achte ist laut einer Umfrage mit seiner Amtsführung zufrieden, bei den Frauen ist er unbeliebt, ein Ladies’ Man wird er nicht mehr. Er ist schon jetzt, nach eineinviertel Jahren, Kanzler auf Abruf. Ein gedemütigter Amerikaner würde sagen: «dead man walking».
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Hans-Hermann Tiedje war Chefredaktor von «Bild» und persönlicher Berater des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl. Er ist Anteilseigner der Kommunikationsagentur WMP EuroCom AG in Berlin.
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