H. G. Adler in der Frankfurter Anthologie

Viele seiner Gedichte entstanden im Ghetto, im Lager oder im Exil:  Dieser Dichter wusste aus leidvoller Erfahrung, dass man sich seinen Aufgaben stellen muss – und für Trost besser selbst sorgen sollte.

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H. G. Adler in der Frankfurter Anthologie

Kein Ich, kein Du, nur ein Gedicht, das mit sich selbst spricht und mit uns. Ein Jemand scheint schemenhaft anwesend; zu ihm gehören die gefrorenen Hände, das Kinn, die beiseitegelegte Näharbeit. Diesem Jemand ist ein Zufall zugefallen. Doch was kann er anfangen mit diesem ihm Zugefallenen? Die frost- und alterssteifen Hände sind nicht wirklich dazu in der Lage, es aufzufangen; höchstens, dass sie das ihnen Zugefallene noch spüren. Der in den Winter verwelkte Herbst sieht seine Blätter naturwidrig verrosten. Etwas Leben verheißt die Anwesenheit der Jugend in den Gassen. Nicht dass sie lärmten; sie regen sich nur in diesem architektonisch verunstalteten Stadtbild.

In der Schwemme, dem Gasthaus, findet diese Jugend keine Unterhaltung vor, sondern Bedrohliches: keine Harmonien, sondern „Stachelklang“; keine Tanzmusik, sondern „entleibte Drahtmusik“ – eine entmenschlichte Kultur. Dabei wüsste man, was gefordert ist: mit dem Zugefallenen umzugehen, die entstellten Blätter aufzusammeln, die Näharbeit zu beenden, was immer sie sein mag: zu flicken, zu umsäumen, zu kürzen. Aber es bleibt nur der Blick in die Höhe, den dieser Jemand wagt. Doch auch von dort kommt keine Hilfe. Selbst die Wolken, gerade sie, symbolisieren das Unbehauste, frieren wie die Hände im ersten Vers. Das Endgültige, mit dem dieses Gedicht schließt, ist das Ferne, das Entrückte.

Vierfache Ernüchterung über den Stand der Dinge

Nein, diese Zeilen können auf keinen Reim hoffen, auf nichts Bindendes. Trostloser nie – und das, obgleich sie mitten im Juni geschrieben wurden, im Jahr 1954, in London. Es ist das Jahr, in dem Adler die ausgewählten Gedichte seines tragisch früh in Oxford verstorbenen Freundes Franz Baermann Steiner unter dem Titel „Unruhe ohne Uhr“ als Veröffentlichung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung erscheinen lassen konnte. Vielleicht aber war dieser Frühsommer anno 1954 wieder einmal verregnet und damit eine spätherbst-winterliche Kälte bereits spürbar. Vielleicht waren es auch die letzten Korrekturarbeiten an Adlers dokumentarischer Soziologie des absoluten Grauens, „Theresienstadt. Antlitz einer Zwangsgemeinschaft“, die im Folgejahr erscheinen sollte, die dieses Gedicht seinem Urheber, H. G. Adler, abverlangten.

Das Gedicht „Ein Zufall“ war kein Nebenprodukt, wie es im literarisch-wissenschaftlichen Werk dieses bedeutenden Autors ohnedies keine Nebenerzeugnisse gab, sondern meist nur existenzielle, immer genau belegte Aussagen. Sie suchten und fanden ihre diversen Formen wie hier: vier in sich abgeschlossene Strophen, abwechselnd vier- und dreizeilig, kein Enjambement, nur eine vierfache Ernüchterung über den Stand der Dinge. Dieses lyrische Gesamtwerk, seit 2010 auf über tausend Seiten vollständig dokumentiert, aber kaum beachtet, gehört zum, zugegeben, Komplexesten, was die deutschsprachige Lyrik in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aufzuweisen hat.

Zunächst in Prag, dann während der Zwangsarbeit sowie in den Konzentrationslagern Theresienstadt und Auschwitz und danach hauptsächlich in London entstanden, fordern Adlers Gedichte das Verstehen in vielfältigen Nuancen heraus. Ohne sich hermetisch zu verschließen, ist es gerade diese Schwierigkeit, die sprachliche Werte gegen alle Bedrohung und vermeintlichen Zufälle, Geschichtsvergessenheit und Selbstgerechtigkeiten wahrt und mehrt. Was wäre gerade heute dringlicher; denn einmal mehr sind auch unsere „Aufgaben gestellt“ – und das überdeutlich; der Menetekel sind bereits zu viele. Von den Zeit-Wänden fallen sie uns zu. Unsere Hände dürfen deswegen jedoch nicht in Schockstarre verharren, sondern müssen ihre „Näharbeit“ leisten, damit Nähte entstehen und keine Risse. Himmlisch-metaphysischen Trost, so das Gedicht zuletzt, können wir nicht erhoffen; für ihn müssen wir schon selbst sorgen.

H. G. Adler: „Ein Zufall“

Ein Zufall in gefrorenen Händen;
Weh, daß die Blätter rosten.
Die alte Hand, ins Kinn gestützt,
Vergißt die Näharbeit.

Gefächert aus den alten Vorstadthäusern
Steigt abendlich die Jugend
In breit gequetschte Gassen aus.

Der Herbst verwelkt;
Selbst das verschwemmte Gasthaus
Weiß es im Stachelklang
Seiner fast entleibten Drahtmusik.

Ein Zufall, Blätter, Näharbeit.
Die Aufgaben sind gestellt:
Die Wolken frieren im Himmel. So fern.

H. G. Adler: „Andere Wege. Gesammelte Gedichte“. Hrsg. von Katrin Kohl und Franz Hocheneder unter Mitwirkung von Jeremy Adler. Mit einem Geleitwort von Michael Krüger. Drava Verlag, Klagenfurt 2010. Vergriffen.

Von Rüdiger Görner ist zuletzt erschienen: „Lucile Werden“. Roman. Löcker Verlag, Wien 2026. 316 S., geb., 29,80 €.

Redaktion Hubert Spiegel

Gedichtlesung Thomas Huber