Familie Schuster flieht 1935 aus Seligenstadt nach Argentinien

Max und Erna Schuster betrieben in der Aschaffenburger Straße 65 eine Bäckerei. Zwei Monate nach den Nürnberger Gesetzen verließen sie mit ihrem Sohn Ernst und Neffe Artur Deutschland per Schiff.

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Familie Schuster flieht 1935 aus Seligenstadt nach Argentinien

Stand: 25.07.2026, 05:33 Uhr

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 Jüdisches Leben_Aschaffenburger Straße 65 Seligenstadt; ehemaliges Wohnhaus Familie Schuster

Im Haus Aschaffenburger Straße 65 betrieb die Familie Schuster bis 1935 eine Bäckerei und lebte dort auch. © Laura Oehl

Max und Erna Schuster betrieben in der Aschaffenburger Straße 65 eine Bäckerei. Zwei Monate nach den Nürnberger Gesetzen verließen sie mit ihrem Sohn Ernst und Neffe Artur Deutschland per Schiff.

Seligenstadt – Mit einer Bäckerei wollten sich Max und Erna Schuster in Seligenstadt eine Existenz aufbauen. Im Oktober 1932 zogen die beiden aus Alzenau in die Aschaffenburger Straße 65. Im Untergeschoss, wo heute ein Immobilienunternehmen sitzt, befand sich der Laden. „Der Ofen war im Hinterhof. Oben hat die Familie gewohnt“, erzählt Andrea Mock-Haas, die heute in dem Haus in der Seligenstädter Altstadt lebt.

Lange währte das erhoffte Glück der Familie Schuster dort nicht. Zwar bekam sie vom ersten Nazi-Boykott im April 1933 wohl noch wenig mit, wie Hildegard Haas und Thorwald Ritter in ihrem Buch „Stolpersteine in Seligenstadt“ schreiben. Je mehr sich die Nationalsozialisten etablierten, desto mehr Kunden seien allerdings weggeblieben. Von der Stadt habe Erna Schuster kaum etwas gesehen, wie ihre Tochter Karoline viele Jahre später bei einem Besuch erzählte. „Vor etwa 20 Jahren hat es bei uns an der Tür geklingelt und Dietrich Fichtner und Karoline Schuster standen davor“, berichtet Andrea Mock-Haas. „Ich habe damals erst mal abgeblockt, weil ich von der Geschichte des Hauses nichts wusste.“

Emotionaler Besuch in Seligenstadt

Schließlich lud sie die Tochter der jüdischen Familie, die einst in dem Haus lebte und arbeitete, doch noch ein. „Wir haben ihr unter anderem den Backofen der Bäckerei gezeigt. Es war ein sehr emotionaler Moment, weil sie zum ersten Mal die Wirkungsstätte ihrer Eltern gesehen hat“, erinnert sich Mock-Haas. Ihre Mutter, habe Karoline Schuster beim Besuch erzählt, sei von Montag bis Sonntag im Geschäft gestanden. Nicht einmal den Main habe sie in ihrer Zeit dort zu Gesicht bekommen.

Karoline Schuster selbst hat die Zeit ihrer Familie in Seligenstadt nicht mitbekommen. Ihr älterer Bruder Ernst kam 1933 dort zur Welt. Im November 1935 – zwei Monate nach der Verabschiedung der Nürnberger Gesetze, die die Rechte der Juden weiter einschränkten – verließ die Familie Seligenstadt und wanderte nach Argentinien aus. Mit dem Schiff machten sich Max, Erna und Ernst Schuster zusammen mit dem Neffen Artur auf die lange Reise. Karoline Schuster wurde im Oktober 1936 in Buenos Aires geboren.

 Jüdisches Leben_Erna Schuster mit ihren Brüdern 1998

Erna Schuster mit ihren Brüdern Walter und Erich an ihrem 90. Geburstag im Jahr 1998 in Buenos Aires. © Stadtarchiv Seligenstadt

Schätzungsweise mehr als 300.000 Juden verließen zwischen 1933 und 1945 das Land, um den Repressalien der Nazis zu entkommen, die letztlich im Holocaust mündeten. Die Flucht ins Ausland war nicht leicht. „Um beispielsweise in die USA zu kommen, brauchte man dort jemanden, der für einen bürgt“, erklärt Hildegard Haas. „Unabhängig davon mussten die Familien auch ein Transportmittel finden, das sie erreichen und auch bezahlen konnten.“ Darüber hinaus sank in vielen Staaten die Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen. Nach der Annexion Österreichs im März 1938, die viele jüdische Österreicher aus dem Land vertrieb, spitzte sich die Situation weiter zu.

Im Juli 1938 berief der damalige amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt eine internationale Konferenz über das Flüchtlingsproblem ein. Die zehntägige Konferenz von Évian brachte allerdings keine Lösung. Fast alle Vertreter der 32 teilnehmenden Staaten erklärten, keine weiteren jüdischen Flüchtlinge aufnehmen oder die Quote für deutsche Einwanderer nur unmerklich erhöhen zu wollen. Lediglich mehrere Hundert Juden fanden schließlich in Haiti und der Dominikanischen Republik – unter Diktator Rafael Trujillo, der als Bewunderer Hitlers galt – Zuflucht. Der Großteil der fliehenden Juden wurde sich selbst überlassen.

„Zu diesem Zeitpunkt gab es zwar schon Judenverfolgung in Deutschland, von der man sicher auch im Ausland wusste, allerdings noch keine Deportationen“, erklärt Hildegard Haas im Gespräch mit unserer Redaktion. „Das hätte sich damals wohl niemand ausmalen können.“ Umso wichtiger sei es, sich heute damit zu befassen, dass die Deportationen und die Vernichtung der Juden im Holocaust tatsächlich stattgefunden haben.

Jüdisches Leben_Max Schuster um 1975 in Buenos Aires

Max Schuster um 1975 in Buenos Aires. © Stadtarchiv Seligenstadt

Grund für heutiges Asylrecht

Auch einige Staaten zogen aus der Konferenz von Évian nach dem Zweiten Weltkrieg Konsequenzen. So entstand laut Bundeszentrale für politische Bildung unter anderem die Genfer Flüchtlingskonvention 1951 „als Reaktion auf die Erfahrung der nationalsozialistischen Diktatur, des Zweiten Weltkriegs und der mit ihm verbundenen Flüchtlingsbewegungen“. Bereits 1948/49 schuf die Bundesrepublik Deutschland mit dem Satz „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ im Grundgesetz ein Grundrecht auf dauerhaften Schutz, das bis heute besteht.

Für die Seligenstädter Familie Schuster war das Leben in der neuen Heimat Argentinien offenbar schwierig. „Einerseits ist es natürlich ein Riesenglück, dass sie der Deportation entkommen sind. Andererseits bringt eine Flucht nicht automatisch das große Glück“, sagt Andrea Mock-Haas. Mutter Erna Schuster sei in Argentinien nicht glücklich gewesen, wie ihre Tochter Karoline beim Besuch in Seligenstadt erzählt habe. Zwei von Ernas Brüdern, Walter und Erich Israel, flohen 1938 ebenfalls nach Argentinien, ihr dritter Bruder Leo Israel wurde in Auschwitz ermordet. Ehemann Max Schuster arbeitete in Buenos Aires zunächst als Bäcker, später bei der Stadt. Von seinen fünf Schwestern überlebten nur zwei den Holocaust. Drei von ihnen wurden ermordet. (Laura Oehl)