Reserveoffizier und Bundeswehr-Influencer im Interview: „Seid ihr nicht alle Nazis? Habt ihr alle Bock zu töten?“

StartseitePolitikEx-Soldat und Bundeswehr-Influencer erklärt: Deshalb bin ich gegen die WehrpflichtStand: 13.07.2026, 20:55 UhrKommentareUns auf Google folgenDavid Matei hat geschworen für Deutschland zu kämpfe...

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Reserveoffizier und Bundeswehr-Influencer im Interview: „Seid ihr nicht alle Nazis? Habt ihr alle Bock zu töten?“

Ex-Soldat und Bundeswehr-Influencer erklärt: Deshalb bin ich gegen die Wehrpflicht

Stand: 13.07.2026, 20:55 Uhr

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David Matei hat geschworen für Deutschland zu kämpfen. Im Interview gibt der Ex-Soldat Einblicke in die Bundeswehrausbildung und erklärt, warum er die Regierungsziele kritisch sieht.

Der 17. März 2025 hat David Matei bundesweit bekannt gemacht: Hart aber fair in der ARD. Thema: „Milliarden für die Bundeswehr – ist Aufrüsten alternativlos?“ Der ehemalige Gebirgsjägeroffizier ist eine Art Bundeswehr-Influencer, seine Videos erreichen Millionen Menschen. In der Talkshow hielt er ein Plädoyer dafür, warum er Deutschland jederzeit verteidigen würde. Mittlerweile hat er seine Gedanken aufgeschrieben. In „Deutschland ist es wert“ (Herder Verlag, 18 Euro) beschreibt der 33-Jährige, „warum ich geschworen habe, für mein Land zu kämpfen“. Im Interview spricht er über seine Zeit beim Bund, den Blick der Jugend und erklärt, warum er an den aktuellen Zielen der Bundesregierung so seine Zweifel hat.

David Matei (rechts) war Offizier bei der Bundeswehr. Heute ist er Reservist und Influencer.

David Matei (rechts) war Offizier bei der Bundeswehr. Heute ist er Reservist und Influencer. © picture alliance/dpa | Kay Nietfeld/Heinz Heiss

Herr Matei, wie kamen Sie zur Bundeswehr?

Als ich Anfang 2011 18 war, gab es noch die Wehrpflicht. Alle in meiner Klasse waren dagegen, wir wollten uns nichts vorschreiben lassen. Ich ging also zur Bundeswehr und erfand eine Geschichte über einen eingewachsenen Zehennagel. Der Stabsfeldwebel erwiderte trocken: nette Geschichte, aber die Wehrpflicht gibt es nicht mehr.

Sie wurde zum Juli 2011 ausgesetzt.

Ja, der Mann gab mir noch Infomaterial mit, aber ich dachte eigentlich, die Sache ist erledigt. Ich schaute den Flyer erst wieder an, als ich merkte, dass alle außer mir wussten, was sie nach dem Abi machen. Dann sah ich das Gehalt. Ich dachte: Abenteuer, Geld, weg von zu Hause, geil. Und fuhr wieder hin.

Sie absolvierten dann die Ausbildung zum Gebirgsjägeroffizier. Was haben Sie erwartet?

Ich kannte den Bund nur aus Filmen: Kadavergehorsam, Anschreien, stumpfer Befehlsempfang. Die Realität war anders. Die Ausbilder erwarteten mitdenkende Offiziere: Solche, die rechtswidrige Anweisungen klar missachten. Das hat mich gepackt. Ich bin wegen des Geldes gekommen und wegen der Werte geblieben.

Ex-Soldat über Bundeswehr: „Man muss vielleicht ein bisschen komisch sein“

Sie schreiben, Gebirgsjäger ist eine der härtesten Aufgaben im deutschen Heer. Warum?

Es war schon sehr hart. Als ich zum Bund kam, war ich ein Emo mit langen schwarzen Haaren, Kajal und Untergewicht. Das permanente Marschieren mit Gepäck und Höhenmetern war anfangs zu viel, Kameraden mussten mich schieben und meinen Rucksack tragen. Es hieß immer: „Jaja Matei, wird eh bald aufgeben“ Aber ich habe durchgezogen, wurde immer besser. Extrem war der Einzelkämpferlehrgang: eine Woche nichts essen, eine Woche nicht schlafen. 

Denken Sie, die heutige Jugend ist gemacht für diesen körperlich harten Dienst?

Ich war körperlich deutlich ungeeigneter als andere und habe es auch geschafft. Außerdem ist die Bundeswehr nicht nur Marschieren. Ein weniger fitter Soldat im Cyberraum ist genauso wichtig. Bei der kämpfenden Truppe muss man aber vielleicht ein bisschen komisch sein. 

Inwiefern?

Man teilt den Schlafsack, pinkelt in eine Flasche zum Wärmen im Iglu, robbt durch Schlamm. Das gefällt nicht jedem. 

David Matei in einem Klassenzimmer.

David Matei war erst Gebirgsjäger, dann Jugendoffizier. Als solcher trat er auch an Schulen auf und sprach vor Jugendlichen. © fkn

Wie blicken junge Menschen auf die Bundeswehr?

Das Bild hat sich verändert. Laut aktueller Shell-Jugendstudie sind 54 Prozent junger Menschen politisch interessiert, zu meiner Zeit waren es 30 Prozent. In Klassenzimmern bekomme ich konkrete Fragen zum Nato-Artikel 5. Beim Begriff „Zeitenwende“ gehen dagegen kaum Hände hoch. Das ist eine klare Diskrepanz zwischen dem politischen Berlin und der breiten Bevölkerung.

Und trotzdem lehnt eine Mehrheit der Jugend eine Wehrpflicht nach Umfragen nach wie vor ab.

Das stimmt, aber die Ablehnung ist nicht mehr so klar wie vor einigen Jahren. Eine knappe Mehrheit befürwortet zudem einen allgemeinen Pflichtdienst mit freier Wahl des Einsatzbereichs. Klar ist aber auch: Bereit, Deutschland mit der Waffe zu verteidigen, sind bei den Männern nur rund zwölf Prozent, bei den Frauen ist es einstellig.

Das klingt nach wenig.

Ist es aber gar nicht. Auch andere Studien sagen, 12 Prozent der Deutschen wären bereit, ihr Land mit der Waffe zu verteidigen. Bei konservativ geschätzten 40 Millionen Wehrfähigen sind das über vier Millionen Menschen. So viele Socken haben wir gar nicht. Beim Blick auf die Bundeswehr fällt aber auch auf: Laut der Bevölkerungsumfrage war der Soldatenberuf für junge Menschen noch nie so unattraktiv wie heute. 

Warum ist das so?

Das Bild, das bei jungen Menschen ankommt, ist ganz anders als die Realität. Die ersten Fragen in Klassenzimmern lauten: „Seid ihr nicht alle Nazis? Habt ihr alle Bock zu töten? Ist bei euch nicht alles kaputt?“ Ich finde es gut, dass die junge Generation das offen fragt. Was mir wehtut: Kommunikationspannen wie die Auslandsgenehmigungspflicht, die Anfang des Jahres auf Social Media als Skandal hochkochte: mit Aufrufen, Deutschland jetzt endlich zu verlassen. Da kommt etwas anderes an, als in Berlin besprochen wird.

Berlin bespricht derzeit vor allem das Wehrdienstmodernisierungsgesetz. Die aktiven Soldaten sollen bis 2035 von derzeit gut 184.000 auf 255.000 bis 270.000 erhöht werden, die Reservisten von 80.000 auf 200.000 steigen. Realistisch?

Es ist extrem schwer vorstellbar, dass wir das schaffen. Seit Januar erhalten alle 18-jährigen Männer verpflichtend einen Fragebogen, Frauen freiwillig. Von 300.000 verschickten Briefen antworteten 96 Prozent der Männer. Rund 40.000 kreuzten Interesse an. Mit 25.000 wurde telefoniert. Danach halbierte sich das Interesse auf 12.500. Ich frage mich, was in den Telefonaten passiert. Zur Musterung eingeladen wurden 1.500, verpflichtet haben sich 530. 

Eine Quote von 0,18 Prozent.

Ja, und hier geht halt das große Interpretieren los. Manche sagen, das ist viel zu wenig. Das Ministerium argumentiert, dass die verpflichtende Musterung für alle 18-Jährigen erst ab nächstem Jahr gelten soll. Das wären dann aber 150.000 Menschen. Das will man also verhundertfachen. Seitdem der Minister (Boris Pistorius, Anm. d. Red.) übernommen hat, sind wir zwar gewachsen, aber immer nur um 2000 bis 4000 Soldaten. Und da war schon Krieg. 

Bundesverteidigungsminister Pistorius besucht "Freedom Shield"

Boris Pistorius (SPD) wurde im Januar 2023 in der Ampel-Koalition Verteidigungsminister und ist das auch in der Regierung aus CDU/CSU und SPD. © Kay Nietfeld/dpa

Also braucht es doch die Wehrpflicht?

Ich bin großer Verfechter der Freiwilligkeit, auch mit Blick auf meine Tochter. Ich hoffe, wir kommen ohne Wehrpflicht aus. Die Bundesregierung will es ja auch auch freiwillig lösen. Aber es wird mir immer schwerer fallen, das bei diesen Zahlen zu sehen. 

Sie gehen in Ihrem Buch der Frage nach, warum man Deutschland überhaupt verteidigen sollte. Ihre Antwort?

Ich könnte jetzt irgendwelche Begriffe aus dem Leistungskurs Gemeinschaftskunde vorlesen. Sozialstaat, Demokratie, Freiheit und so weiter. Aber das löst nichts aus bei den jungen Leuten. Es braucht konkrete Beispiele: Bei Freiheit etwa die Geschichte meines Vaters… 

… der aus Rumänien nach Bad Reichenhall in Oberbayern geflohen ist …

… Genau. Als Kind hat er viel davon erzählt. Er ist als Nichtschwimmer mit dem Schlauchboot über die Donau gekommen, wäre fast gestorben. Er sagte mir immer, er habe das für die Freiheit getan. Ich wusste nicht, was diese Freiheit bedeutet. Aber ich wusste, was sie wert ist, weil mein Vater dafür alles riskiert hat. Wenn man mich festnagelt: Es sind die Menschen: Sie, Ihre Leser, meine Frau, meine Tochter, meine Nachbarn. Die sind es wert, verteidigt zu werden.

Wann wäre Deutschland es nicht mehr wert?

Es gibt Probleme, die man nicht ausblenden sollte, aber ich habe geschworen, Deutschland als Ganzes zu verteidigen, mit allen Problemen.

Würden Sie auch unter einem AfD-Verteidigungsminister dienen?

Ich habe das Gefühl, man will mich mit der Frage in eine Schublade stecken. Für mich zählt keine Parteipolitik. Mein Eid würde genauso greifen. Ich würde tun, was das Parlament mir sagt. Und dann haben wir immer noch das Grundgesetz, das den Einsatz der Bundeswehr dann ziemlich klar regelt.

Aber ganz allgemein: Würde Deutschland heute Nacht angegriffen, würden Sie morgen früh in den Krieg ziehen?

Ich bin seit Juni Reservist. Im Fall eines Angriffs würde die Bundeswehr ihre Reservisten einberufen. Ich würde auf gepackten Taschen sitzen, auf den Bescheid warten und mich von meiner Familie verabschieden. Das ist mein Eid, und der gilt ein Leben lang.

Wie muss man sich ein Reservistendasein vorstellen?

Ganz praktisch: Im Keller stehen zwei große Kampftragetaschen und fünf Paar Kampfstiefel. Meine Frau hätte gern mehr Platz für Deko aber das wird die nächsten sechs Jahre nichts. Bis dahin bin ich in der sogenannten Grundbeordung. Das heißt, man kann mich jederzeit einberufen, wenn es zu einem Verteidigungs- oder Spannungsfall käme. Ich bin sozusagen ein Auswechselspieler auf der Bank, der sich warm hält.

In der Realität geht es ja gar nicht nur darum, Deutschland zu verteidigen – Deutschland ist ja NATO-Mitglied. Würden Sie auch andere Länder verteidigen?

Deutschland verteidigt sich nicht allein, sondern im Bündnis. Wir brauchen die NATO-Partner und können uns nur auf sie verlassen, wenn wir ihnen dasselbe zusagen. Deshalb bin ich genauso bereit, etwa in Vilnius unser Bündnis zu verteidigen wie hier. Es ist dieselbe Sache.

Der Bundeswehr-General Stefan Weber sagt: „Das scharfe Ende einer Entscheidung für die Bundeswehr“ sei das reale Szenario, im Dienst zu sterben. Sollte man das allen bewusst machen – oder lieber nicht?

Man sollte es eher überbetonen. Der Soldatenberuf unterscheidet sich von jedem anderen darin, dass man im schlimmsten Fall schwört, Leben zu nehmen oder das eigene zu geben. Es muss nicht immer Thema Nummer eins sein. Aber es zu verschweigen wäre fahrlässig. (Interview: Andreas Schmid)