Die härteste Prüfung der Welt: Warum Schüler in China nicht glücklich sind

Eine einzige Prüfung entscheidet über die ­Zukunft ­junger Chinesinnen und Chinesen: das Gaokao. Ruixue Jia ­absolvierte sie als eine der Besten und schrieb später ein Buch darüber. Die Ökonomin spricht über das Examen, für das Baustellen still­gelegt und ­Flugverbotszonen ­eingerichtet werden.

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Die härteste Prüfung der Welt: Warum Schüler in China nicht glücklich sind

Eine einzige Prüfung entscheidet über die ­Zukunft ­junger Chinesinnen und Chinesen: das Gaokao. Ruixue Jia ­absolvierte sie als eine der Besten und schrieb später ein Buch darüber. Die Ökonomin spricht über das Examen, für das Baustellen still­gelegt und ­Flugverbotszonen ­eingerichtet werden.

04.09.2026, 19.06 Uhr

11 Leseminuten


Frage: Frau Jia, Sie wurden 1984 als Baby während der Ein-Kind-Politik adoptiert und wuchsen in einem winzigen chinesischen Dorf auf. Wann haben Sie begriffen, dass Bildung das Potenzial hat, Ihr Leben zu verändern?

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Antwort: Sehr jung. Die Leute im Dorf sprachen über erfolgreiche junge Männer oder manchmal auch Frauen, die das Dorf verlassen hatten und zum Beispiel Ärzte geworden sind. Die einzige Chance, etwas aus sich zu machen, war, im Prüfungssystem zu reüssieren und an die Universität zu gehen. Wer keine guten Noten schrieb, wurde Wanderarbeiter.

Frage: Ihr Vater war Lehrer. Hat er Ihrer Ausbildung besondere Aufmerksamkeit geschenkt?

Antwort: Verglichen mit meinen Klassenkameraden, deren Eltern Bauern waren, hatte ich wohl einen kleinen Vorteil. Zumindest kannte mein Vater das Schulsystem. Er kannte auch die Lehrer, weil sie aus demselben Dorf kamen. Tatsächlich war ich nie in einem Kindergarten. Mein Vater hielt das nicht für nötig. Er sprach einfach mit einem Lehrer und liess mich schon mit sechs Jahren einschulen, ein Jahr vor dem offiziellen Schulalter.

Frage: Ihre Primarschule war eine Baracke mit zugeklebten Fenstern. Wenn Erntezeit war, fiel der Unterricht aus. Merkten Ihre Lehrer überhaupt, dass Sie begabt waren?

Antwort: Meine Lehrer haben mich stets ermutigt, und ich glaube, Ermutigung ist sehr, sehr wichtig, wenn man jung ist. Das Bildungssystem in China gibt den Lehrern einen Anreiz, gute Schüler zu bevorzugen. Lehrer in China sind nicht nur stolz auf ihre guten Schüler, sondern sie erhalten auch mehr Geld, wenn ihre Schüler gute Noten schreiben. Und ich war eine gute Schülerin. Insofern habe ich von diesem Verhalten der Lehrer profitiert.

Zur Person

Privat

Ruixue Jia

Die 42-jährige Ruixue Jia ist Professorin für Ökonomie an der University of California San Diego, wo sie das China Data Lab leitet. Sie hat in Peking Volkswirtschaft studiert und an der Stockholm University promoviert. Danach lehrte sie an verschiedenen Universitäten wie der renommierten London School of Economics oder der Guanghua School of Management in Peking. Gemeinsam mit dem Ökonomen Hongbin Li veröffentlichte sie 2025 das Buch «The Highest Exam: How the Gaokao shapes China». Das Buch erklärt, weshalb das Gaokao zu einer nationalen Obsession geworden ist. Jedes Jahr absolvieren mehr als zehn Millionen junge Chinesinnen und Chinesen die Prüfung, die allein darüber entscheidet, an welcher Universität jemand studieren kann. Jia selbst erfuhr ihr Gaokao-Ergebnis per Telefon – da ihre Familie keines besass, musste sie erst mit dem Fahrrad zu einer Freundin fahren.

Frage: Im chinesischen Bildungssystem läuft alles auf eine einzige grosse Prüfung hinaus, das Gaokao. Dieses Jahr nahmen über 12 Millionen Schüler daran teil, weit über die Hälfte des Jahrgangs. Was ist das für eine Prüfung?

Antwort: Das Gaokao findet am Ende der Oberschule statt, also mit achtzehn oder neunzehn Jahren, und entscheidet darüber, welche Universität man besuchen kann. Die Prüfung dauert zwei oder drei Tage und findet im ganzen Land zur gleichen Zeit statt, Anfang Juni. Alle Schüler werden in Chinesisch, Mathematik und Englisch geprüft, hinzu kommen natur- oder sozialwissenschaftliche Schwerpunktfächer.

Frage: Ist es viel Auswendiglernen?

Antwort: Nicht nur. Man muss auch wirklich verstehen, wie bestimmte Arten von Algebra oder Geometrie funktionieren. Im Fach Chinesisch ist der Aufsatz ein wichtiger Teil. Dieser prüft nicht nur die Sprache, sondern enthält oft auch ideologische Elemente, zum Beispiel Parteivokabular. Dieses Jahr stand in einer Prüfungsversion ein Zitat des Partei- und Staatschefs Xi Jinping: «Die Welt, unsere Zeit und die Geschichte sind im Begriff, sich in nie da gewesenem Ausmass zu wandeln.» Jedes Jahr nach dem Gaokao sprechen die Leute über die einzelnen Prüfungsfragen, insbesondere das Thema des Aufsatzes. Das Gaokao ist eine Art nationale Obsession.

Frage: Wie zeigt sich diese Besessenheit sonst noch?

Antwort: Ich war während der diesjährigen Gaokao-Zeit in Peking. Zufällig lag meine Unterkunft in der Nähe einer Spitzen-Oberschule. Ich habe beobachtet, wie die Eltern ihr Kind zum Prüfungsort begleitet haben. Dort warteten sie ganz still, um die Schüler nicht zu stören. Wenn Sie sich vorstellen können, wie laut China normalerweise ist: Während dieser zwei Tage wird es ruhig. Baustellen werden stillgelegt. Busse werden umgeleitet. Über den Prüfungszentren entstehen kleine Flugverbotszonen.

Frage: Die Eltern nehmen sich also extra die Tage frei und begleiten ihre Kinder?

Antwort: Oh ja. Das Gaokao ist so wichtig. In dem Hotel, in dem ich wohnte, übernachteten auch Eltern mit ihrem Kind, damit sie etwas näher am Prüfungsort waren. Die Eltern versuchen alles, um ihrem Kind so gut wie möglich zu helfen.

Mütter im traditionellen Qipao-Kleid warten auf ihre Kinder, während sie die Gaokao-Prüfung ablegen. Der Qipao soll Glück bringen.

Mütter im traditionellen Qipao-Kleid warten auf ihre Kinder, während sie die Gaokao-Prüfung ablegen. Der Qipao soll Glück bringen.

Frage: Wie war das damals bei Ihnen, wie lange haben Sie sich auf das Gaokao vorbereitet?

Antwort: Sobald man mit 15 Jahren auf die Oberschule kommt, weiss man, dass alles auf die drei Prüfungstage des Gaokao ausgerichtet ist. Schon nach den ersten eineinhalb Jahren begann die Schule mit einem Countdown. Mit weisser Kreide stand dann auf einer Tafel hinten im Klassenzimmer: Es sind noch 500 Tage bis zum Gaokao, noch 400 Tage, noch 300 Tage.

Frage: Wie viele Stunden täglich haben Sie damals gelernt?

Antwort: Ich stand um sechs oder sogar um halb sechs Uhr auf und ging zusammen mit den anderen vom Schülerwohnheim auf den Sportplatz für die morgendlichen Turnübungen. Es war ein bisschen wie beim Militär. Danach kam das Selbststudium. Gegen acht oder neun frühstückten wir in der Mensa. Am Morgen und am Nachmittag besuchten wir den Unterricht, danach widmeten wir uns noch einmal dem Selbststudium bis 21 Uhr. Das war alles kollektiv, und diese kollektive Routine half, die Unterschiede zwischen den Schülern und ihren familiären Hintergründen auszugleichen. Wenn man alles zusammenzählt, waren es ungefähr vierzehn Stunden Lernen am Tag. Am intensivsten wurde es im letzten Jahr, weil man keinen regulären Unterricht mehr hatte. Selbst die Unterrichtszeit wurde für Tests und Probeprüfungen verwendet.

Frage: Was hat da noch im Alltag eines Teenagers Platz ausser Lernen?

Antwort: Ich erinnere mich nicht sehr genau an den Alltag, schliesslich ist es viele Jahre her. Aber manchmal frage ich mich: Könnte ich das nochmals schaffen? Wahrscheinlich nicht. Es gab keine Klimaanlage, im Sommer war es sehr heiss. Das Leben war hart. Ich konzentrierte mich einfach und dachte nicht allzu viel nach.

Frage: Was testet das Gaokao vornehmlich: Selbstdisziplin oder Begabung?

Antwort: Diejenigen, die gut abschneiden, sind klug, fleissig und können hart arbeiten. Das ist von der Zentralregierung so beabsichtigt.

Zentren für Nachhilfeunterricht in China florieren. Manche haben bis Mitternacht geöffnet.

Zentren für Nachhilfeunterricht in China florieren. Manche haben bis Mitternacht geöffnet.

Frage: Was bezweckt die Zentralregierung mit dem Examen?

Antwort: Zum jetzigen Zeitpunkt will Peking, dass die talentiertesten jungen Leute Naturwissenschaften und Technologie studieren. Das verschafft China im technologischen Wettbewerb mit den USA einen Vorteil. Viele der besten Studenten wollen allerdings weiterhin für den Staat arbeiten. Heute sogar noch mehr als früher. Militär- und Polizeihochschulen sind in den vergangenen Jahren plötzlich sehr beliebt geworden.

Frage: Sind die jungen Leute patriotischer geworden?

Antwort: Nein, es liegt daran, dass Chinas Wirtschaft stockt und Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft unsicherer und rarer geworden sind. Wer eine Militärakademie absolviert, erhält mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Stelle. Wer an einer Polizeihochschule studiert und danach die entsprechende Prüfung besteht, kann in den Polizeidienst eintreten.

Frage: Sie gehörten damals im Jahr 2000 zu den besten fünf Gaokao-Absolventen Ihrer Provinz, Shandong, im Osten des Landes. Erinnern Sie sich an das Gefühl, als Sie Ihre Punktzahl erfuhren?

Antwort: Damals gab es keinen Computer, man musste anrufen. Unsere Familie hatte nicht einmal ein Telefon. Deshalb musste ich mit dem Fahrrad zu einer Freundin fahren. Von dort rief ich eine Hotline an und erfuhr meine Punktzahl. Danach wusste ich: Ah, ich kann an eine gute Universität gehen.

Frage: Waren Sie in dem Moment glücklich, erleichtert oder stolz auf sich selbst?

Antwort: Ich war glücklich, weil ich wusste, dass ich wahrscheinlich nach Peking ziehen konnte. Gleichzeitig war es eine grosse Erleichterung. Ich wusste, jetzt ist alles vorbei. Aber die unbewusste Sorge, die falsche Universität zu wählen, war ständig da.

Frage: Hätten Sie sich damals erträumen können, dass Sie einmal Professorin an einer renommierten amerikanischen Universität werden würden?

Antwort: Überhaupt nicht. Weil ich in einer relativ unterentwickelten Region aufwuchs, war meine grösste Hoffnung, nach vier Jahren Universität eine gute Stelle zu bekommen und meine Familie zu unterstützen.

Frage: Ihre Gaokao-Punktzahl wirkt sich bis heute aus.

Antwort: In China kann der Name der Universität, an der man den Bachelor macht, noch Jahrzehnte später verraten, wie gut jemand im Gaokao abgeschnitten hat. Deshalb ist der Bachelor auf dem chinesischen Arbeitsmarkt und in der chinesischen Welt enorm wichtig. Meine eigenen Studenten aus China fürchten manchmal, dass sie in der Wissenschaft diskriminiert werden, wenn sie keinen Bachelor-Abschluss einer der Top-Universitäten wie Tsinghua, Beida oder Fudan haben.

Frage: Sie schreiben in Ihrem Buch, das Prüfungssystem sei auch ein Herrschaftsinstrument. Inwiefern?

Antwort: In China haben solche grossen Examen eine lange Tradition. Der Kaiser wählte durch Prüfungen seine Beamten aus. Heute führt eine hohe Gaokao-Punktzahl an eine Eliteuniversität und oft in eine staatliche Karriere. Wer in diesem System aufsteigt, hält es für gut und richtig und stützt es.

Frage: Und wer scheitert, wird zum Gegner?

Antwort: Wer scheitert, gibt sich selbst die Schuld dafür. Man hat einfach nicht genug gelernt oder ist nicht ausreichend begabt. Aus der Perspektive eines Herrschers ist das sehr praktisch.

Die Schlange für die Chance auf Erfolg: Jedes Jahr melden sich um die zehn Millionen Schüler in China für die Gaokao-Prüfung an, das Eintrittsexamen für die Universitäten.

Die Schlange für die Chance auf Erfolg: Jedes Jahr melden sich um die zehn Millionen Schüler in China für die Gaokao-Prüfung an, das Eintrittsexamen für die Universitäten.

Frage: Ist das der Grund, dass die Regierung nie ernsthaft versucht hat, die Bedeutung des Gaokao etwas zu verringern und zum Beispiel auch Vornoten in der Bewertung der Schüler zu berücksichtigen?

Antwort: Alle Reformen, die das Gaokao etwas flexibler machen sollten, haben sich später häufig als anfällig für Korruption erwiesen. Menschen nutzten ihre Beziehungen, um das System zu manipulieren. Wenn man die Schulnoten stärker berücksichtigen würde, gäbe das den einzelnen Oberschulen und ihren Lehrern viel Macht.

Frage: Die meisten Menschen in China finden das Gaokao also fair.

Antwort: Ja. Es sind objektive, messbare Kriterien. Ohne dieses sehr starre System wäre es in gewisser Hinsicht noch unfairer.

Frage: Sie gehören zu den Menschen, die von dieser Prüfung profitiert haben. In Ihrem Buch «The Highest Exam» äussern Sie sich aber auch kritisch. Sie sagen, im Grunde sei es wie ein landesweites Turnier, bei dem jeder gegen jeden antritt, am Ende gibt es Ranglisten. Ist das wirklich fair?

Antwort: Im Lauf der Zeit ist es immer unfairer geworden. Zu unserer Zeit und auch bei den Generationen vor uns waren die Familien sehr, sehr arm. Sie hatten kaum Geld oder Wissen, um in die Prüfungsvorbereitung ihrer Kinder zu investieren. Mit der Entwicklung Chinas hat sich das verändert. Jede Familie hat gewisse Mittel, um in Nachhilfestunden zu investieren. Eine einzelne Familie denkt vielleicht: Ich möchte das nicht. Aber sie sieht, dass alle anderen Familien es tun. Wenn man nicht mitmacht, fällt das eigene Kind zurück. Nachhilfe ist ein Muss, und sie ist sehr teuer. An den Spitzenuniversitäten wird es immer schwieriger, überhaupt noch Studenten vom Land zu finden.

Frage: Wann beginnt dieser Wettbewerb in der schulischen Laufbahn eines chinesischen Kindes?

Antwort: Schon in der Primarschule. Die Familien schicken ihre Kinder bereits dort in den Nachhilfeunterricht. Sie glauben, dass ein einziger zusätzlicher Punkt im Gaokao das gesamte Leben ihres Kindes verändern kann. Deshalb investieren sie so viel und so früh in die Bildung ihres Kindes.

Frage: Das klingt anstrengend und teuer. Aber heute finden selbst Absolventen von Spitzenuniversitäten nicht immer eine Stelle. Bricht das alte Versprechen des sozialen Aufstiegs zusammen?

Antwort: Ich habe junge Cousins und andere Verwandte, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben. Wenn sie keine Stelle finden, versuchen sie jahrelang, in den Staatsdienst zu kommen, oder verschieben das Problem mit einem Master- oder Doktoratsstudium.

Frage: Sie lernen einfach für die nächste Prüfung.

Antwort: Das führt zu einer Inflation der Bildungsabschlüsse. Es ist eine Verschwendung, und die Kosten dafür tragen erneut die Familien.

Das Gaokao rückt näher – und Schüler absolvieren täglich Probeprüfungen hinter Trennwänden.

Das Gaokao rückt näher – und Schüler absolvieren täglich Probeprüfungen hinter Trennwänden.

Frage: Sie kennen das chinesische, das europäische und das amerikanische Bildungssystem. Welches ist am besten?

Antwort: Ein guter Student ist intelligent, findet seine Leidenschaft und kann sich für das begeistern, was er tut. Im chinesischen System erhalten viele Menschen aber keine Gelegenheit, herauszufinden, was ihnen wirklich liegt. Sie wählen in einem sehr jungen Alter ein Fach, ohne viel darüber zu wissen. Und der erste Studienabschluss und das erste Hauptfach lassen sich danach nur schwer ändern.

Frage: Sie bemängeln die fehlende Durchlässigkeit im chinesischen Bildungssystem.

Antwort: Nehmen wir eine Studentin, die an der Peking-Universität Archäologie studiert und später merkt, dass sie eigentlich Informatik liebt. Sie kann nur unter hohen Auflagen wechseln. Der Grund ist: Für verschiedene Studienfächer an derselben Universität braucht man ganz unterschiedliche Gaokao-Punktzahlen. Wenn Studenten später einfach das Fach wechseln könnten, würde das Zulassungssystem untergraben. Deshalb ist es schwierig, das System flexibler zu machen.

Frage: Mein Mann ist in Peking aufgewachsen. Er sagt, die Frage «Was möchte ich eigentlich?» sei gar nie aufgekommen. Mir hingegen wurde hier in der Schweiz oft gesagt: Lerne dich selbst und deine Interessen kennen, so findest du deine Berufung.

Antwort: In China gilt es als Luxus, über die eigene Leidenschaft nachzudenken. Die Eltern sagen: Arbeite hart und sichere deine Zukunft. Wenn du scheiterst, kann dir niemand helfen.

Frage: Ein guter Schüler in der Schweiz ist tendenziell einer, der Neugier zeigt, Fragen stellt. Und in China?

Antwort: Einer, der wenig Fragen stellt und gute Noten schreibt. In China gilt eher der ruhige, fleissige Schüler als Ideal. Deshalb war ich überrascht, als ich erfahren habe, dass an amerikanischen Schulen oft die besten Sportler zu den beliebtesten Schülern gehören.

Frage: Chinesische Schüler schneiden in Leistungsvergleichen wie Pisa sehr gut ab, häufig besser als Schüler in westlichen Ländern.

Antwort: Das chinesische System ist in allem gut, was man messen kann. Aber Wissenschaft und Innovation bestehen zu einem gewissen Teil aus Dingen, die man noch nicht kennt und deshalb noch nicht messen kann. Dafür ist das chinesische Bildungssystem nicht konstruiert.

Frage: In den USA werden bei der Zulassung an Universitäten auch ganzheitlichere Kriterien wie soziales Engagement berücksichtigt. Ist das gerechter?

Antwort: Nicht zwingend. Wir haben die Ungleichheit in beiden Systemen berechnet. Das amerikanische System ist ungleicher. Kinder aus wohlhabenden Familien haben dort eine sehr viel höhere Chance, eine der besten Universitäten zu besuchen, als Kinder aus ärmeren Familien. Auch in China gelangen Kinder reicher Eltern häufiger an Elite-Universitäten. Aber in den USA ist der Einfluss der Herkunft noch stärker.

Frage: Sie prüfen an der University of California selbst Studenten. Wie gestalten Sie Ihre Prüfungen?

Antwort: Ich unterrichte Masterstudenten und Doktoranden und habe Prüfungen bisher möglichst vermieden. Ich möchte ihnen beibringen, über die Welt nachzudenken. Deshalb mussten sie bei mir bisher nur Arbeiten schreiben. Aber jetzt erwäge ich, für Masterstudenten wieder Prüfungen einzuführen.

Frage: Weshalb?

Antwort: Sie benutzen jetzt künstliche Intelligenz, um ihre Forschungs-Essays zu schreiben.

Frage: Büroarbeit wird mit künstlicher Intelligenz ersetzbar, nicht aber die eines Pflegers. Sollte China angesichts dieser Entwicklung stärker auf eine Berufslehre nach Schweizer Vorbild setzen?

Antwort: Bis jetzt sehe ich das nicht. Bildung bestimmt in China nicht nur das Einkommen, sondern auch den gesellschaftlichen Status. Fragen Sie sich: Würde eine Familie ihre Tochter gerne mit einem Klempner verheiraten?

Frage: Und wenn Sie selbst Kinder hätten? Würden Sie sie durch das chinesische Bildungssystem schicken?

Antwort: Wahrscheinlich nicht. Ich würde unbedingt wollen, dass mein Kind gut Chinesisch spricht, die Kultur versteht und die chinesische Gesellschaft kennenlernt. Aber ich habe kein Vertrauen, dass mein Kind – und ich als Mutter – das System heil überstehen würde. Es ist sehr schwierig, im chinesischen Bildungssystem ein glücklicher Schüler zu sein.

Die Bewohner der Kleinstadt Maotanchang in der Provinz Anhui begleiten die Schüler zum Prüfungszentrum und wünschen ihnen viel Glück – es ist ein Volksfest.

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Ein Artikel aus dem «NZZ Folio»

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