„Es ist schmerzhaft“ – Grünen-Chefin Brantner erhebt schwere Vorwürfe gegen Wirtschaftsministerin Reiche

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„Es ist schmerzhaft“ – Grünen-Chefin Brantner erhebt schwere Vorwürfe gegen Wirtschaftsministerin Reiche

„Es ist schmerzhaft“: Grünen-Chefin attackiert „Wirtschaftsbremse“ Reiche

Stand: 20.07.2026, 19:21 Uhr

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Start-ups, Dekarbonisierung, neues Männer-Bild: Franziska Brantner kämpft ums Parteiprofil – und betont: Die aktuelle Wirtschaftspolitik bremst Innovationen aus.

Berlin/Köln – Man kann den Dom schon in der Ferne sehen. Dann plötzlich Stillstand auf der A4. Böschungsbrand, kurz vor Köln. Feuerwehr, Polizei, Stau – nichts geht mehr. Und die Parteichefin disponiert um. „Nee, bringt ja nix, wir gehen zu Fuß“, sagt Franziska Brantner und verzwirbelt die Henkel ihrer roten Handtasche so, dass daraus jetzt ein Rucksack wird. „Praktisch, ne?“, sagt sie und marschiert mit einem Teil der Mannschaft von der Raststätte Frechen aus in Richtung Wäldchen. Der Rest bleibt im Bus.

Parlamentskorrespondent Peter Sieben (rechts) hat Grünen-Chefin Franziska Brantner auf der Sommertour begleitet – die Reise wurde ungeplant zur Wandertour.

Parlamentskorrespondent Peter Sieben (rechts) hat Grünen-Chefin Franziska Brantner auf der Sommertour begleitet – die Reise wurde ungeplant zur Wandertour. © Ippen.Media

Verweise auf den Klimawandel und zunehmend ausgedörrte Vegetation, die nach Funkenkontakt Flächenbrände begünstigen kann, muss man an der Stelle nicht überstrapazieren. Franziska Brantner merkt es trotzdem an – und als Symbol für ihre Sommertour passt das ja auch ganz gut. Die Grünen-Co-Chefin ist in Nordrhein-Westfalen unterwegs, am Ende der rekordhaften Hitzewelle Mitte Juli. Kernfrage der Tour, die zeitweise ungeplant zur Wanderung wird: Wie verdienen Unternehmen angesichts von Dekarbonisierung und Transformation morgen noch Geld? „Das treibt mich wirklich um“, sagt Brantner. Denn: „Die aktuelle Bundesregierung bremst Innovationen aus“, findet sie.

Kritik an Politik von CDU-Ministerin Reiche: „Nervig, ne?“

Digitalisierung, Start-up-Förderung, Wirtschaftspolitik, das sind Brantners Themen. Und sie ist sattelfest, spricht auf Augenhöhe mit Firmenchefs und Entscheiderinnen über technische Details. Manchmal, in den Gesprächspausen, zieht sie dann für eine Sekunde die Augenbrauen zusammen, ein Mundwinkel geht leicht nach oben. Das wirkt dann wie ein Ausdruck von Skepsis, der zu irritieren vermag. Dabei kann Brantner gut mit Menschen, findet schnell einen gemeinsamen Ton.

Etwa mit Stefan Klebert, CEO des Düsseldorfer Anlagenbauers Gea Group. Das neue Werk in Elsdorf bei Köln – schick mit viel Holz, Stahl und Glas – liegt da, wo früher mal Braunkohle abgebaut wurde. Das Unternehmen ist seit Herbst letzten Jahres im Dax notiert, ein Big Fish. Klebert – studierter Maschinenbauer, Techniker durch und durch – stammt aus Stuttgart. Man hört das. Und Brantner, die im Breisgau aufgewachsen ist, streut ab und an ein „bissle“ ein. Bei Gea ist Transformation ein Credo. Das Ziel: Bis 2040 Netto-Null-Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Der Fuhrpark ist elektrisch, der Strom stammt aus Sonnenenergie und Windkraft. Das Time Magazine hat Gea neulich gar zum nachhaltigsten Unternehmen Deutschlands gekürt, wie Klebert betont.

Grünen-Chefin Franziska Brantner auf Sommertour: Hier beim Anlagenbauer Gea.

Grünen-Chefin Franziska Brantner auf Sommertour: Hier beim Anlagenbauer Gea. © Peter Sieben

Mit der aktuellen Wirtschaftspolitik ist er nur bedingt zufrieden. Es gehe ihm alles zu langsam und das Hin und Her beim Netzausbau und beim Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mache Planung schwierig. Das ist öfter zu hören auf der Sommertour. Etwa beim Werkstoffhersteller Covestro in Leverkusen. Oder beim Innovationszentrum Bryck in Essen, das Gründerinnen und Gründer unterstützt. Startup-Factory nennt sich das Konzept. Ein junger Gründer erzählt von innovativen Smartmeter-Lösungen, die er und sein Team entwickelt haben. Umsetzen wird er sie aber erst mal nicht in Deutschland, sondern in den Niederlanden, weil es hier zu viel Bürokratie und zu wenig Verständnis für erneuerbare Energien gebe. „Nervig, ne?“, sagt Franziska Brantner und zieht die Augenbrauen zusammen.

Jetzt, zu Fuß auf dem Weg durch die Kölner Vorortlandschaft, sagt sie: „Das Tragische ist, dass Katherina Reiche viele tolle Start-Ups und innovative Mittelständler ausbremst. Die könnten schon schneller sein, und die Konkurrenz schläft nicht.“ Die CDU-Wirtschaftsministerin ist längst sowas wie ein Feindbild der grünen Opposition. Die Grünen werfen ihr „Arbeitsverweigerung“ bei der EEG-Reform vor und nehmen ihr das Vorantreiben neuer, potenziell klimaschädlicher Gaskraftwerke übel. „Es ist schmerzhaft zu sehen, dass Frau Reiche gegen die Wirtschaft und gegen Innovationen arbeitet“, so Brantner. Das nehme sie fast persönlich. „Start-up-Factorys sind mein Baby“, sagt sie. Als Staatssekretärin von Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck war genau das ihr großes Thema.

Franziska Brantner in essen

Bryck in Essen unterstützt Startups. Manche Gründer fühlen sich in Deutschland aber nicht gut aufgehoben. „Nervig, ne?“, kommentiert Franziska Brantner. © Peter Sieben

Brantner grüßt links und rechts in Vorgärten hinein, wo Menschen ihre Blumen gießen: „Hallo. Guten Tag.“ Manche machen nicht den Eindruck, dass sie sofort erkennen, wer da gerade durch ihr Viertel spaziert. So richtig ist das Führungsduo Franziska Brantner und Felix Banaszak noch nicht aus dem Schatten von Vorgängern wie Robert Habeck und Annalena Baerbock herausgetreten. Banaszak, der Grünen-Linke, versucht’s mit großen Talkshow-Auftritten und Playboy-Interviews. Brantner, Realo-Flügel, bleibt eher in der zweiten Reihe. Dass sie deutschen Hip-Hop mag, in der Musikszene recht gut vernetzt ist und demnächst ein Konzert von „Sportfreunde Stiller“ eröffnet, damit geht sie nicht hausieren. Dabei mangelt es ihr nicht an Selbstbewusstsein. Über ihre Studienaufenthalte an exzellenten internationalen Unis und berufliche Erfolge spricht sie gern.

Männer-Manifest der Grünen: „Dürfen wir nicht der AfD überlassen“

Neulich gab es dann doch die ganz große mediale Aufmerksamkeit. Wegen der Sache mit dem „Männer-Manifest“, mit dem einige Grüne weg wollen vom vermeintlichen Softie-Image der Partei. Auch Franziska Brantner hat das Manifest unterschrieben. Intern gab es deswegen Querelen, weil wohl nicht alles mit allen abgesprochen war. Extern werten manche Kritiker die Kampagne als verzweifelten Versuch, Wähler von der AfD und deren Männlichkeitskult zurückzugewinnen. Franziska Brantner ist das egal. „Wir dürfen die Ansprache von jungen Männern nicht der AfD oder anderen rechtsextremen Strömungen überlassen, sondern müssen deutlich machen, dass bei uns junge Männer willkommen sind“, sagt sie. „Egal welchen Sport sie machen oder wie sie aussehen wollen.“ Es gehe um vielfältige Rollenbilder.

Franziska Brantner

Sommertour zu Fuß – unfreiwillig. Die Handtasche wird kurzerhand zum Rucksack: „Praktisch, ne?“ © Peter Sieben

Nächster Halt: S-Bahnhof Frechen-Königsdorf. Doch die S-Bahn fällt aus. Und Brantner disponiert um. „Wir nehmen ein Taxi“, sagt sie. Und als von der Oberkasseler Brücke aus die Düsseldorfer Altstadt zu sehen ist, lässt die Grünen-Chefin laut Musik vom Handy laufen: „An Tagen wie diesen“ von den „Toten Hosen“.