Dieser Roboter geht ans Herz: Operationen mit künstlicher Intelligenz
wa.deNRWStand: 16.07.2026, 17:56 UhrKommentareUns auf Google folgenIm Evangelischen Klinikum Niederrhein arbeitet auch die Kardiochirurgie mit dem hochmodernen robotischen System, das viele Vorteile bietet.Duis...
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Stand: 16.07.2026, 17:56 Uhr
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Im Evangelischen Klinikum Niederrhein arbeitet auch die Kardiochirurgie mit dem hochmodernen robotischen System, das viele Vorteile bietet.
Duisburg – Cornelia Jakubowski schaut sehr interessiert auf die Bilder, die Prof. Jochen Börgermann jetzt auf die Leinwand projiziert. Der Spezialist für Kardiochirurgie am Evangelischen Klinikum Niederrhein unternimmt per Powerpoint-Präsentation gerade einen kleinen Ausflug in die Medizingeschichte.

Erst zeigt er einen aufgesägten Brustkorb, so wie er in den 1990er-Jahren noch gängig war. Danach folgen Darstellungen von einem minimalinvasiven Eingriff, bei dem die Rippen gespreizt werden, um ans erkrankte Herz zu kommen. Schließlich zeigt er einen kurzen Film, wie ein Patient mithilfe des „Da Vinci“-Robotersystems operiert wird.
Klinikum Duisburg: Roboter übernimmt Herz-OPs – „Robotische Chirurgie ist Olymp“
Cornelia Jakubowski lächelt jetzt. Im März hatte sie selbst unter den vier Roboterarmen gelegen, die Börgermann bedient hatte. Über fünf millimeterkleine Ports hatte sich der Chirurg Zugang zu Jakubowskis Herzen verschafft und unter zehnfacher Vergrößerung ihre defekte Mitralklappe rekonstruiert. Die 70-Jährige sagt: „Wenn ich heute in den Spiegel schaue, erinnere ich mich nicht mehr an meine Herz-OP. Was ich mein gesamtes Leben lang machen würde, hätte man mich aufgeschnitten.“
„Die robotische Chirurgie ist der Olymp“, sagt Börgermann, Chefarzt der Klinik für Herzchirurgie. Und seiner Ansicht nach unabdingbar. „Wir werden einen starken Altersshift bekommen“, verweist Börgermann auf die steigende Lebenserwartung in Deutschland. Immer öfter sähe man sich im OP-Saal mit älteren Patienten konfrontiert. „Und diese Patienten haben auch Nebenerkrankungen. Dann ist es wichtig, neben der Behandlung das Trauma der Operation, also die zusätzliche Belastung, so gering wie möglich zu halten“, so der Herzspezialist. In der minimalinvasiven Herzchirurgie hieße das: operieren möglichst ohne Durchtrennung von Knochen, so wenig Trauma wie möglich hinterlassen, damit der Patient möglichst schnell wieder rekonvaleszent werde.
Einsatz nur in Duisburg und in der Charité
Jährlich werden aktuell rund 300 Herz-Patienten auf diese Art und Weise in Duisburg behandelt. Die drei häufigsten Herz-Operationen – Bypass, Aortenklappe und Mitralklappe – könnten laut Börgermann allesamt mit dem Robotersystem durchgeführt werden. 2023 hatte in Duisburg die erste Herz-OP auf diese Art stattgefunden. In Deutschland gibt es derzeit nur zwei Zentren, die robotische Herzchirurgie durchführen: die Charité in Berlin und das Evangelische Klinikum Niederrhein. In der Bauchchirurgie fand der erste Einsatz in Duisburg bereits 2022 statt. Eingesetzt wird das System zudem in der Urologie und Thorax-Chirurgie. Auch in diesen Disziplinen mit sehr großem Erfolg.
Cornelia Jakubowski litt an einer hochgradigen Mitralklappeninsuffizienz. Ausgelöst worden war diese Undichtigkeit durch eine dauerhaft bestehende Herzrhythmusstörung der Vorhöfe, dem sogenannten Vorhofflimmern. „Das Treppengehen fiel mir immer schwerer“, beschreibt Jakubowski eines der Symptome. Börgermann rekonstruierte die Mitralklappe mit Hilfe des „Da Vinci“-Systems. „Die Klappe ist jetzt wieder dicht“, sagt der Chirurg.

Die Vorteile der robotischen Chirurgie sind sowohl für den Chirurgen als auch für den Patienten enorm: „Sie haben eine Wahnsinnssicht“, schwärmt Börgermann: „Es ist so, als säßen sie im Vorhof und hätten ihre Arme im Herz.“ Die Komplikationsraten seien enorm niedrig. Und auch die Letalität, also die Sterblichkeitsrate, habe beim konventionellen Verfahren bei ungefähr zwei Prozent gelegen und sei damit doppelt so hoch gewesen. Ein weiterer Vorteil für die Patienten: Die Verweildauer im Krankenhaus sei deutlich kürzer. Cornelia Jakubowski war sieben Tage nach dem Eingriff wieder zu Hause. Normalerweise liegt der Aufenthalt in der Klinik bei elf Tagen. „Der Blutverlust ist gering, die OP-Wunden extrem klein und die Patienten haben fast keine Schmerzen“, sagt Börgermann.
Die robotische Chirurgie ist der Olymp.
„Man muss lernen, ein Oktopus zu werden“, witzelt Börgermann angesichts der vier Roboterarme, die er über zwei Joysticks und Pedale bedient. Zwischen sechs Monate und ein Jahr dauere die Ausbildung am Gerät. „In Duisburg sind es drei Kollegen, die diesen Weg bereits beschritten haben“, sagt Börgermann.
Cornelia Jakobowski steht nun vor dem „Da Vinci“-System, Jochen Börgermann zeigt ihr noch einmal die Funktionen. „Die Maschine hat mir keine Angst gemacht“, sagt die 70-Jährige: „Der Roboter war für mich ein chirurgisches Instrument wie ein Skalpell. Nicht er hat mich operiert, sondern der Herzchirurg.“
Auch die St.-Barbara-Klinik in Hamm setzt das Robotersystem ein. Dabei geht es um mehr als nur das Herz.