Mountainbike-Weltmeisterin Sina Frei findet den Flow
Die 29-jährige Zürcherin erlebt nach Olympiasilber 2021 komplizierte Jahre. Nach einem Trainerwechsel und zwei Operationen im Winter gelingt ihr nun die erfolgreichste Saison der Karriere.
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Die Mountainbike-Weltmeisterin Sina Frei findet den Flow – weil ein Sturz ihr neue Perspektiven zeigt
Die 29-jährige Zürcherin erlebt nach Olympiasilber 2021 komplizierte Jahre. Nach einem Trainerwechsel und zwei Operationen im Winter gelingt ihr nun die erfolgreichste Saison der Karriere.
09.09.2026, 07.10 Uhr
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Sina Frei krönt ihre erfolgreiche Saison mit dem WM-Titel in der olympischen Disziplin Cross-Country.
Maxime Schmid / Keystone
Vor einer Alphütte zuhinterst im Bündner Sertigtal trocknet ein Weltmeisterinnentrikot auf einem Wäscheständer. Der Wind trägt das Geräusch bimmelnder Kuhglocken über die Hochebene. Hier endet die asphaltierte Strasse, weiter geht es nur zu Fuss – oder auf dem Velo. Das Leibchen mit den Regenbogenstreifen gehört Sina Frei, 29 Jahre alt. Sie hat es vor etwas mehr als einer Woche gewonnen, die Zürcher Mountainbikerin wurde Weltmeisterin im Cross-Country, dem Format, das auch an Olympischen Spielen ausgetragen wird.
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Hier oben, in der Abgeschiedenheit auf 1860 Metern über Meer, bereitet sie sich auf die letzten Weltcup-Rennen der Saison vor. Vor allem aber verarbeitet sie den WM-Titel, der sich surreal anfühlt. Frei sagt: «In dieser Saison sind mir extrem viele Dinge gelungen, die ich so nicht erwartet habe.» Frei wurde in diesem Jahr auch noch Europameisterin im Short Track und im Cross-Country und hat erstmals an einem Weltcup-Rennen triumphiert.
Dabei beginnt die Saison mit viel Ungewissheit. Frei verfügt bei ihrem Team nur über einen Einjahresvertrag, verspürt Druck. An den WM-Titel denkt sie im vergangenen Winter nicht, sondern an den Rücktritt und eine Ausbildung zur Physiotherapeutin oder den Wechsel auf die Strasse. «Ich schaue solche Dinge rational an. Ich wollte mir Wege offenhalten, um mich vom Druck zu befreien.» Frei hat gelernt, dass eine Sportkarriere vom Auf und Ab geprägt ist.
Nach Olympiasilber folgt Rückschlag um Rückschlag
2021 in Tokio gewinnt sie beim historischen Dreifachtriumph der Schweizer Mountainbikerinnen Olympiasilber, der Weg an die Weltspitze ist vorgezeichnet. Es folgen jedoch schwierige Jahre. Frei verpasst immer wieder den ersten Weltcup-Sieg, ihr grosses Ziel. Für Olympia 2024 in Paris wird sie zunächst nicht selektioniert, rückt dann nach, erleidet im Rennen aber einen Defekt. All diese Ereignisse schüren Zweifel. Die Unterstützung durch ihr Umfeld und das Team sei in dieser Phase extrem wichtig gewesen: «Ich hatte aber ein schlechtes Gewissen, diese Unterstützung anzunehmen und nicht in Form von Ergebnissen zurückzugeben.»
Ein Sturz im vergangenen Winter wird zum Wendepunkt. Frei prallt im Training in Italien gegen einen Baum, ein Fahrfehler. Sie wird bewusstlos, ein Handknochen ist gebrochen, das Schlüsselbein lädiert. Kurz vor Weihnachten 2025 wird sie zweimal operiert. «Das war eine neue Situation für mich. Der Unfall hat mir die Augen geöffnet und gezeigt, wie ich diesen ‹Velo-Lifestyle› liebe», sagt Frei. Sie meint damit eine Kulisse wie im Sertig, die Rennen, jeden Tag Velo fahren zu dürfen. «Das ist ein riesiges Privileg.»
Dieses Bewusstsein treibt sie danach an. Zum Beispiel an einem Tag in der Reha, an dem eine zweistündige Einheit auf der Rolle ansteht. Früher hasste Frei solche Trainings. Nun entscheidet sie spontan, sich herauszufordern: Sie verlängert auf fünf Stunden. «Das Verrückte ist, dass ich danach hätte weitermachen können.» Am Ende des Trainings ist die Luft im Zimmer feuchtwarm, die Scheiben beschlagen. «Wie im Dschungel», sagt sie. Frei ist glücklich.
Zwei Trainer sorgen für Verunsicherung
Im Winter habe sie sich auch von ihrem bisherigen Trainer getrennt, im Guten und nach offenen Gesprächen, betont Frei. Sie arbeitet nun nur noch mit Mike Posthumus zusammen, einem Sportwissenschafter aus Südafrika mit Professorentitel. Frei hat früher punktuell mit ihm gearbeitet, sie hatte noch einen persönlichen Trainer. Es stellte sich aber heraus, dass zwei Coaches einer zu viel waren.
«Mich hat extrem verunsichert, wenn mein persönlicher Trainer das eine sagte und Mike etwas anderes.» Nun hat sie eine zentrale Ansprechperson. Posthumus veränderte die Trainingsmethoden, früher trainierte Frei im Zweifelsfall noch härter, mittlerweile hat sie den Stellenwert der Regeneration erkannt. Sie fasst Vertrauen zum neuen Coach, lässt sich auf dessen Trainings- und Ernährungspläne ein. Es folgt die erfolgreichste Saison der Karriere. «Ich bin im Flow», sagt Frei.
Der Flow. Ein vielzitierter, aber schwierig fassbarer Begriff. Frei überlegt lange für ihre Definition: «Ich bin im Flow, wenn ich mich zu hundert Prozent auf mich konzentrieren kann.» Frei nimmt dann Zuschauer und die Gegnerinnen zwar wahr, verschwendet aber keine Gedanken daran. «Ich spule mein eigenes Rennen ab, wie in einem Zeitfahren.» Vor der Mountainbike-Karriere tanzte Frei Jazz und Ballett. «War ich dort im Flow, war alles leicht. Auf dem Bike ist es ähnlich.» Frei erlebt das, wenn sie in einer Abfahrt die Bremsen loslässt und sich in jede Kurve legt. «Ich habe dann volles Vertrauen, in mich, in den Untergrund und ins Material.»
Frei denkt an Los Angeles 2028
Im Winter, nebst Trainerwechsel und Rehabilitation nach dem Unfall, hat sie mit ihrem Team an einem Meditationskurs teilgenommen; auch das ist eine neue Erfahrung. Die Meditationen hätten sie gelassener gemacht, sagt Frei.
Heute spult sie vor Rennen eine Routine ab: Mobilisierung, Meditation und Visualisierungen, beim Einfahren auf der Rolle hört sie Dance-Musik – sie unternimmt alles, um in den Flow zu gelangen. Schon vor dem Start sagt sie sich, dass die Beine irgendwann schmerzen werden, in schwierigeren Jahren war das anders. Damals überraschte sie der Schmerz während der Rennen.
Trainerwechsel, Meditation und die erfolgreiche Rückkehr nach den zwei Operationen führen dazu, dass Frei schon im Frühjahr beim Saisonauftakt in Südkorea in den Flow gelangt. Sie gewinnt ihr erstes Weltcup-Rennen im Cross-Country, endlich verwirklicht sie ihren grossen Traum. «Das hat extrem Selbstvertrauen gegeben», sagt sie. Ein anderes Rennen schaut sie hinterher im Fernsehen noch einmal an. Sie sieht, wie oft sie an der Spitze gefahren ist. «Da hat es ‹Klick› gemacht, und ich habe realisiert, dass ich zu den Besten der Welt gehöre.»
Was sie in diesem Jahr, das kompliziert begonnen hat und erfolgreich verlaufen ist, erreicht habe, werde sie wohl erst nach der Saison in vollem Umfang realisieren. Frei denkt als Fernziel schon an die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles – bis dann läuft ihr Kontrakt mit ihrem Team. Die Zeit der Einjahresverträge und der Ungewissheit ist vorbei.

Ist Frei im Flow, dann fühlen sich auch steile und schwierige Abfahrten leicht an. «Ich habe dann vollstes Vertrauen», sagt sie.
Imago / Ed Sykes / swpix.com
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