Deutschlands Wachstumsgrenzen: Was 2028 auf uns zukommt
Nach drei Jahren der Rezession und Stagnation dürfte die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr erstmals wieder in nennenswertem Umfang wachsen. Die fünf großen Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognosen f...
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Nach drei Jahren der Rezession und Stagnation dürfte die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr erstmals wieder in nennenswertem Umfang wachsen. Die fünf großen Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognosen für die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) deutlich angehoben. Im Schnitt erwarten die Institute aus Kiel, Berlin, Halle, Essen und München ein inflationsbereinigtes Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent, das sich bis zum Jahr 2028 auf 0,7 Prozent verlangsamen werde. Deutschland stoße dann an seine Wachstumsgrenzen, hieß es.
Im vergangenen Jahr hatte die Wirtschaftsleistung mit einem Plus von 0,2 Prozent nahezu stagniert. „Die deutsche Wirtschaft hat wieder Tritt gefasst“, hieß es vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. „Es mehren sich die Zeichen, dass die Konjunktur ihre Talsohle durchschritten hat.“
Als Signal, wie sehr die wirtschaftliche Erholung durch schuldenfinanzierte staatliche Mehrausgaben getrieben wird, erwarten die Konjunkturforscher ein deutlich steigendes Staatsdefizit. Gemessen am BIP, soll der staatliche Finanzierungssaldo von minus 3,2 Prozent im vergangenen auf minus vier Prozent in diesem und auf minus 4,5 Prozent im Jahr 2028 steigen.
Arbeitslosenquote sinkt erst 2028 unter sechs Prozent
Die Arbeitslosenquote von rund 6,4 Prozent in diesem Jahr wird im Mittel der Prognosen erst im Jahr 2028 unter sechs Prozent sinken, gekoppelt mit einer sinkenden Erwerbstätigkeit als Folge der demographischen Entwicklung. Die Inflation soll bis 2027 mit 2,7 Prozent hoch bleiben und erst danach auf rund zwei Prozent fallen.
In Ostdeutschland einschließlich Berlin wird das BIP nach Prognose des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle in diesem Jahr mit 1,1 Prozent leicht schwächer zulegen als in ganz Deutschland (1,4 Prozent). Solche Wachstumsunterschiede gibt es immer wieder zwischen den Landesteilen, und sie zeigen keinen eindeutigen Trend. Im vergangenen Jahr zum Beispiel wuchs die Wirtschaft in Ostdeutschland mit 0,4 Prozent doppelt so schnell wie die gesamtdeutsche Wirtschaft.
Treibende Kräfte der wirtschaftlichen Erholung sind gemäß den Prognosen der Export und die staatliche Nachfrage. Vor allem die Ausfuhr in die anderen Staaten der Europäischen Union, aber auch in die Vereinigten Staaten zog in den vergangenen Monaten an. Nach drei Jahren des schrumpfenden Exports erwarten die Institute nun Zuwächse in diesem und – abgeschwächt – im nächsten Jahr. Timo Wollmershäuser vom Ifo-Institut verwies in München vor Journalisten auf eine robuste Entwicklung der Weltkonjunktur. Auch die Nachfrage nach elektronischen Produkten für die Künstliche Intelligenz stütze den hiesigen Export. Die Weltproduktion werde in diesem und im nächsten Jahr um drei beziehungsweise 3,2 Prozent zulegen, prognostiziert das IfW in Kiel.
Steigende Zinslast begrenzt staatlichen Spielraum
Einig sind die Institute sich darüber, dass der staatliche Nachfrageschub in diesem Jahr die Konjunktur deutlich anschiebt und die Schulden auch zunehmend produktionswirksam werden. Wie lange das aber gut geht, darüber herrscht Uneinigkeit. Das Ifo-Institut erwartet in diesem Jahr finanzpolitische Impulse von knapp 40 Milliarden Euro oder 0,8 Prozent des BIP, die bis zum Jahr 2028 auf etwa 18 Milliarden Euro oder 0,4 Prozent des BIP sinken werden. Die Forscher aus Kiel dagegen schreiben, dass die finanzpolitische Expansion bis dahin schrittweise zum Erliegen kommen werde. Sie werten Belastungen der Bürger wie die steigenden Beitragssätze in den Sozialversicherungen höher.
Die Spielräume der öffentlichen Hand werden auch durch die steigenden Zinszahlungen gemindert. Der Staat gebe derzeit insgesamt etwa 50 Milliarden im Jahr für Zinsen aus, sagte Wollmershäuser. „Nach unserer Prognose wird sich das bis zum Ende des Jahrzehnts auf 100 Milliarden Euro verdoppeln.“ Diese Beträge müssten zusätzlich im Haushalt irgendwie finanziert werden, sagte der Ifo-Ökonom.
Die staatliche Dominanz zeigt sich gemäß den Prognosen auch in der Investitionsbilanz. Das erwartet starke Plus der Ausrüstungsinvestitionen in den nächsten beiden Jahren werde überwiegend von staatlichen Rüstungsausgaben getragen, heißt es in der Analyse aus Kiel. Auch das Ifo-Institut verwies auf fast unverändert schlechte Standortbedingungen, die die private Investitionstätigkeit hemmten. „Was dem Aufschwung fehlen, sind private Investitionen“, sagte Wollmerhäuser.
Ein Wermutstropfen in den Prognosen ist der private Konsum, für den nur magere Zuwachsraten erwartet werden. Die Verbraucher sind durch hohe Energiepreise und den fiskalischen Zugriff des Staates belastet. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin hatte schon am Mittwoch darauf hingewiesen, dass Erleichterungen durch die geplante Einkommensteuerreform durch höhere Beitragssätze in den Sozialversicherungen „kassiert“ würden. Wie schlecht die Konsumkonjunktur läuft, zeigen die jüngsten Daten zum Einzelhandelsumsatz. Der ist im Juli preisbereinigt um 3,4 Prozent gegenüber Juni gesunken und lag 2,5 Prozent niedriger als vor einem Jahr.
Beginnend im nächsten Jahr und verstärkt im Jahr 2028 wird die konjunkturelle Erholung gemäß der Analysen von Ifo und IfW an die Wachstumsgrenzen stoßen. Ifo setzt das mittelfristige Wachstumspotential mit 0,3 bis 0,4 Prozent im Jahr an. Verglichen damit, erlebt die deutsche Wirtschaft derzeit eine konjunkturelle Erholung, in der zunehmend brachliegende Produktionsfaktoren genutzt werden.
Viel Spielraum gibt es nach Einschätzung der Forscher diesbezüglich aber nicht, auch weil in den vergangenen Jahren der Stagnation wohl Kapazitäten abgebaut wurden. Wollmershäuser vom Ifo-Institut erwartet schon von der Jahresmitte 2027 an eine Überauslastung der Kapazitäten. Diese führe dann auch dazu, dass die Kerninflation für längere Zeit hoch bleiben werde.