Debütroman von früherem Redenschreiber: Eiskalter Wind im Bundeskanzleramt
Autor Jean-Philippe Kindler hat einst für Linken-Politikerin Heidi Reichinnek gearbeitet. In seinem Debütroman sieht sich eine Redenschreiberin mit dem drohenden Faschismus konfrontiert.
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Debütroman von früherem Redenschreiber: Eiskalter Wind im Bundeskanzleramt
Autor Jean-Philippe Kindler hat einst für Linken-Politikerin Heidi Reichinnek gearbeitet. In seinem Debütroman sieht sich eine Redenschreiberin mit dem drohenden Faschismus konfrontiert.
Foto: Markus Schreiber/picture alliance
Wenn ein ehemaliger Mitarbeiter einer Bundestagsabgeordneten einen Roman über das politische Berlin schreibt, sind pikante Details aus dem Zirkel der Macht zu erwarten. Wenn es sich bei der Abgeordneten zudem um Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek handelt, steigert das noch einmal die Brisanz. Hat ihr ehemaliger Redenschreiber Jean-Philippe Kindler also einen Schlüsselroman über die Linkspartei veröffentlicht? Oder muss man vom 1996 geborenen Kindler, der als Kabarettist bekannt wurde, eher eine bissige Satire erwarten?
Weder noch. „Hier ist der Anfang und das Ende beginnt dort“ ist eindeutig eine Fiktion, reale Personen sind in den Figuren nicht wiederzuerkennen. Kindlers Roman schaut in die Zukunft, ist um die Bundestagswahl 2029 angesiedelt. Dort stehen sich zwei fiktive Parteien gegenüber: Progressive und Konservative konkurrieren um die Kanzlerschaft.
Unter Druck gesetzt werden sie von einer an die AfD erinnernden rechtsextremen Partei. Währenddessen macht eine Bürgerwehr Jagd auf Geflüchtete, die bundesrepublikanische Gesellschaft ist so weit nach rechts gekippt, dass ihr Vorgehen schulterzuckend oder sogar kopfnickend geduldet wird.
Das Buch
Jean-Philippe Kindler: „Hier ist der Beginn und das Ende ist dort“. Gutkind Verlag, Berlin 2026. 224 Seiten, 22 Euro
Keine Ähnlichkeit mit Reichinnek
In diese besorgniserregende Gemengelage schickt Kindler seine Protagonisten Estelle und Jonas. Estelle, die von allen nur Essie genannt wird, arbeitet als Redenschreiberin im Büro der progressiven Kanzlerkandidatin Sandra Terzinger-Köhn – nein, wider Erwarten keine Ähnlichkeiten mit Kindler oder Reichinnek. Die beiden kennen sich aus der linken Hamburger Szene, wo die heutige Kanzlerkandidatin nur „Sotti“ genannt wurde.
Auf dem Weg zur Macht hat sie ihren Szenenamen abgelegt, ihrer alten Genossin Essie ist sie treu geblieben und beruft sie in ihr Wahlkampfteam. Was Essie dort vorfindet, hat wenig mit den linken Forderungen von einst zu tun. Mit ihrer Prinzipientreue eckt sie an, weniger moralisch ist sie in der nicht definierten Beziehung zum männlichen Protagonisten Jonas. Sein Vater ist gestorben, er wünscht sich Trost und wird von Essie geghostet.
Das ist das Spannungsfeld in diesem Roman: Prinzipientreue im Politischen und Privaten. Jonas und Essie stehen für den Wunsch nach Kompromisslosigkeit, der dazu verdammt ist, nicht eingelöst zu werden. Links wie rechts wird derzeit der innere moralische Kompass ins Feld geführt, wenn es darum geht, sein Handeln zu legitimieren: Christian Linder ließ die Ampelkoalition in religiöser Anbetung der Schuldenbremse platzen.
Junge Union und Letzte Generation
Die Letzte Generation klebte sich aus einem Verantwortungsgefühl für den Planeten und kommende Generationen auf die Straße. Die Junge Union sägte mit einer ähnlichen Argumentation an der Rente. Die SPD als vermeintlich soziales Gewissen der Republik verteidigte sie.
Hat Heidi Reichinneks ehemaliger Redenschreiber also einen Schlüsselroman veröffentlicht?
Nach den ideologisch homogenen Jahren der Merkel-Ära („alternativlos“) ist das Politische stärker durch Überzeugungen geprägt, die aber meist dazu verdammt sind, enttäuscht zu werden – in allen genannten Beispielen konnte keine Partei wirklich zu ihrem Recht kommen.
In diesem Roman sind die Antagonisten dieser Prinzipientreue abgezockte Machtpolitiker und opportunistische Unternehmer, verkörpert durch die eisige Büroleiterin Terzinger-Köhns, die weder Schlaf noch Freunde braucht. Man mag nur hoffen, dass die Menschen im politischen Berlin nicht wirklich alle so sind. Als literarische Figuren sind sie in ihrer Eindimensionalität leider unglaubwürdig.
Politthriller mit geballten Gefühlen
Die Frage nach dem Genre dieses Romans ist dabei nicht leicht zu beantworten, der Titel ist ein Rilke-Zitat, sprachlich ist Kindler aber dem Politthriller näher. Gefühle sitzen hier gerne im Hals, laufen ihn hinunter oder ballen sich in ihm zusammen – kurzum: Die Handlung steht im Vordergrund.
Sie kulminiert wenige Tage vor der Bundestagswahl in einem Anschlag der Bürgerwehr auf linke Aktivisten, ein ehemaliger Genosse Essies und Sottis stirbt dabei. Sandra Terzinger-Köhn hätte die Informationen, um eine Verwicklung ihres konservativen Gegners nachzuweisen. Als ihre Chefin aus taktischen Gründen nicht diesen Weg geht, sieht Essie sich zum Handeln gezwungen, um endlich ihrer Überzeugung treu zu bleiben. Ob ihre Intervention Erfolg hat – was sie genau macht, sei an dieser Stelle nicht verraten –, bleibt offen.
Und so bekommt das Einstehen für seine Überzeugungen noch einen Spin, der den obigen Relativismus – am Ende behaupten alle, gemäß ihren Werten zu handeln – ins Wanken bringt. Unabhängig von der politischen Couleur könnte das nicht erst 2029 unangenehm relevant werden, wenn die AfD im September in Sachsen-Anhalt an die Macht kommen sollte. Was werden etwa die Staatsbeamten machen, wenn sie angewiesen werden, rassistische Politik in die Tat umzusetzen?
„Hier ist der Beginn und das Ende ist dort“ läuft auf die Frage hinaus: Was würdest du tun, wenn der Faschismus vor der Tür steht? Das klingt platt, wird von Kindler aber erzählerisch elegant gelöst. Er gibt keine Antwort auf die Frage, ob Essies Handeln am Ende richtig war.
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