Das 500.000-Euro-Risiko: Warum zwei Start-up-Investments zu wenig sind

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Das 500.000-Euro-Risiko: Warum zwei Start-up-Investments zu wenig sind

Stand: 09.09.2026, 13:48 Uhr

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Wer sein Risiko senken will, muss öfter investieren. Stephanie Kern erklärt die paradoxe Logik hinter einem erfolgreichen Start-up-Portfolio.

500.000 Euro in zwei Start-ups investieren – und nach drei Jahren ist das Geld weg. Genau dieses Szenario erlebt Stephanie Kern bei Familienunternehmen und Mittelständlern, die erstmals in Start-ups investieren.

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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit Markt und Mittelstand.

Ihr Gegenmittel klingt paradox: mehr Investments statt weniger. Wer Start-up-Investments breit streut, ein festes Budget definiert und Kapital für erfolgreiche Beteiligungen zurückhält, könne das Risiko eines Start-up-Portfolios deutlich reduzieren.

die DAX Kurve

Richtig investieren ©  IMAGO / Hans-Günther Oed

Welche Idee steckt hinter Better Ventures?

Stephanie Kern: Unternehmer und Unternehmerinnen gestalten die Zukunft und wir sind erfolgreicher, wenn wir uns gegenseitig beschleunigen. Besonders Start-ups und Gründer treiben Innovation. Vor mehr als fünf Jahren haben wir von Better Ventures sie befragt, was sie genau brauchen.

Die Antwort?

Stephanie Kern: Der Zugang zur ersten Finanzierung ist zu komplex, was wenig überrascht. Aber es gab auch andere Themen: Wie baue ich mein Team auf? Wie komme ich an die ersten Kunden? Wie organisiere ich meine Produktion? Diese Erfahrung bringen Unternehmer an den Tisch. Deshalb haben wir Better Ventures gegründet, Europas führenden Zusammenschluss aktiver, unternehmerischer Direktinvestoren, die in frühphasige Innovationen und Transformationsthemen investieren. Bisher haben wir Kapital für über 65 junge Firmen mobilisiert, die eine bessere Zukunft bauen. Auch aus dem Mittelstand sind führende Köpfe bei Better Ventures dabei.

Welche?

Stephanie Kern: Tatsächlich treten nicht alle Familienunternehmen nach außen auf. Mit dabei sind zum Beispiel Fiege, Wepa, Rowe und Lat. An alle geht ein großes Dankeschön, denn es braucht die verantwortungsbewussten Unternehmer und Unternehmerinnen, die auch daran denken, wie wir die Zukunft bauen, wie wir transformieren und Deutschland renovieren. Das ist wichtiger denn je.

Was treibt die Familienunternehmen an, bei euch mitzumachen?

Stephanie Kern:  Sie wollen Verantwortung für Gesellschaft und unsere Welt übernehmen. Das ist die persönliche Motivation. Gleichermaßen besteht aber auch ein enormer Transformationsdruck für ihre Firmen. Das hat sich verstärkt seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine, den US-Zöllen, der Energiekrise. Dazu kommt der wachsende Fachkräftemangel. Viele dieser Themen kann man nicht mehr allein aus dem Unternehmen heraus meistern. Da ist Investieren in schnelle und innovative Teams, die Geschäftsmodelle bauen, ein sehr guter Hebel, um vorn dabei zu sein. Und das mit deutlich geringeren Investitionen, als selbst Venture Building zu betreiben, solche Firmen also selbst aufzubauen. Die Start-ups selbst profitieren von den Kenntnissen der Familienunternehmen und haben die Chance, direkt Kunden zu gewinnen.

Was unterscheidet euren Ansatz von klassischen Fonds?

Stephanie Kern:  Wir sind angetreten, um Mehrwert zu schaffen und haben nicht nur Gründer befragt, sondern auch die Unternehmer und Unternehmerinnen. Weil die meisten von unseren Mitgliedern noch ihr eigenes Geschäft führen, heißt das auch: Sie wollen investieren, haben oft aber keine Zeit, um Start-ups zu steuern. Better Ventures macht alles entlang des Investmentprozesses, hält ihnen den Rücken frei und ermöglicht trotzdem direkte Investmententscheidungen.

Soll heißen?

Stephanie Kern:  Start-ups zu finden und dann eine kuratierte Auswahl vorzulegen, ist schon enorm aufwendig. Es gilt, die besten Teams unter 200 Bewerbungen pro Monat zu entdecken. Darum kümmern wir uns. Erst dann beteiligen wir unsere Mitglieder. Sie können danach entscheiden, was sie interessiert, was relevant ist für ihr eigenes Unternehmen. Energiethemen sind gerade sehr gefragt oder auch alles, was die Supply Chain in der Logistik optimiert.

Wie läuft die Kooperation zwischen Start-ups und Familienunternehmen?

Stephanie Kern:  Es ist eine fantastische Symbiose, weil man auf Augenhöhe miteinander arbeitet. Nur jemand, der selbst schon eine Firma geführt oder aufgebaut hat, weiß, was für eine Achterbahnfahrt das in einem Start-up ist. Das ist ein Gefühl, das man nicht beschreiben kann und enorm wichtig, um langfristig erfolgreich zu sein.

Wie gehe ich als Unternehmer vor?

Stephanie Kern:  Das Wichtigste ist immer, aus dem Kerngeschäft zu denken. Was brauche ich? Ich muss wissen, ob ich eine bestimmte Fähigkeit, die Kundengruppe und das Kapital habe. Wenn ich selbst die Fähigkeiten habe als Unternehmen, kann ich natürlich mit wenig Aufwand neue Geschäftsbereiche selbst aufbauen. Das nennen wir Venture Building. Dabei trägt das Unternehmen ein hohes Risiko, weil es viel Kapital hineinstecken muss und womöglich doch nicht über das notwendige Wissen verfügt. Deswegen ist der nächste Schritt, sich Wissen ins Haus zu holen.

Also die Start-ups.

Stephanie Kern:  Wissen zu holen, heißt noch nicht, auch zu investieren. Erst einmal arbeitet ein Unternehmer oder eine Unternehmerin bewusst mit Innovatoren zusammen. Wichtig ist, zu verstehen, was ich für Probleme habe, was genau meine Strategie ist und wo ich Innovationen für mein Unternehmen brauche, die mein Kerngeschäft stärken oder es womöglich langfristig wandeln. Das ist Venture Clienting. Hier gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Ich kann als reiner Kunde mit einem Start-up zusammenarbeiten. Noch näher dran an den Innovationen sind Unternehmen, die zusätzlich direkt investieren. Sie erleben mit, was da passiert, und können das auch für ihre eigene Firma nutzen.

Aktuell stecken viele Firmen Geld in Start-up-Fonds.

Stephanie Kern:  Da lässt sich nicht entscheiden, in welches Unternehmen ich investiere. Man ist deutlich weiter weg. Und den Start-up-Partner später zu übernehmen, ist schwieriger. Wir von Better Ventures gehen einen anderen Weg: Operator Capital. Wir helfen unseren Mitgliedern, mit weniger Aufwand direkt in hochprofessionelle, ambitionierte Start-up-Teams zu investieren.

Ihr vermittelt Frühphasen-Finanzierung. Vielen Start-ups in Deutschland, die eine erste erfolgreiche Phase hinter sich haben, fehlt aber im entscheidenden Moment Geld für den großen Wurf.

Stephanie Kern:  Es fehlt tatsächlich überall und teilweise leider auch an der Professionalität im Markt. Zugleich ist die Neigung, in Deutschland zu investieren, sehr gering. Und das ist gesellschaftlich und wirtschaftlich die falsche Reaktion, gerade jetzt, wo wir vor großen Herausforderungen stehen. Wir brauchen genau jetzt mehr mutige Macher, die Innovation antreiben. Und das Wichtigste ist, dass man die, die schon da sind, erfolgreich macht und professionell unterstützt.

Was bedeutet das genau?

Stephanie Kern:  Investieren benötigt unterschiedliche Fähigkeiten. Und man kann nicht jede Strategie auf alle Bereiche anwenden. Meine Bitte lautet: Alle, die sich herantasten an die frühe Phase, sei es jetzt Pre-Seed oder Seed, holt euch Unterstützung und Erfahrung von denen, die es schon gemacht haben! Denn die frühe Phase ist ein Hochrisikobereich. Das Schlimmste, das leider immer wieder vorkommt, sind Familienunternehmen, die größere Summen in zwei Start-ups stecken, die nicht richtig durchstarten. Dann sind vielleicht nach drei Jahren 500.000 Euro weg. Und die Familienunternehmen sagen: Finger weg von Start-up-Investments, da verliert man nur Geld!

Wie geht es besser?

Stephanie Kern:  Primär geht es hier um Streuung. Wichtig ist ein Budget, eine bestimmte Zeit, in der ich dieses Budget ausgebe und eine klare Strategie. Und Strategie bedeutet nicht nur, zu entscheiden, in welche Themen und welche Unternehmen ich investiere, wo ich bei Innovation vorn dabei sein will. Nötig ist auch viel Wissen über den Weg. Wie viel von meinem Budget gebe ich im ersten Ticket aus? Und habe ich dann auch noch Kapital übrig, um vor allem die attraktiven Themen zu unterstützen? Denn nur so macht es Spaß. Statistisch gesehen führen mehr als 20 Angel-Investments dazu, dass man zu 99 Prozent kein Geld verliert. Also: lieber viele kleinere Investitionen als zwei große.

Investieren Familienunternehmen genug?

Stephanie Kern:  Wir haben bereits über 65 Start-up-Investments möglich gemacht und 70 Prozent der Runden waren überzeichnet. Das heißt, es gab mehr Interessenten, als am Ende investieren durften. Unternehmer sind die besseren Investoren, eben weil sie einen fantastischen Erfahrungsschatz für die Beschleunigung von Start-up-Teams mitbringen.

Die paradoxe Lehre für Familienunternehmen lautet damit: Bei Start-ups kann Vorsicht selbst zum Risiko werden. Wer sein gesamtes Innovationsbudget auf zwei vermeintliche Gewinner setzt, wettet. Wer dagegen systematisch streut, Erfahrungen sammelt und bei erfolgreichen Beteiligungen nachinvestieren kann, baut ein Portfolio. Das größere Risiko ist womöglich nicht, in zu viele Start-ups zu investieren – sondern in zu wenige. Quelle: Print-Ausgabe von Markt und MIttelstand September 2026

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DIE ANSCHIEBERIN

Tina Dreimann ist Gründerin und Geschäftsführerin von Better Ventures. Europas führender Zusammenschluss unternehmerischer Direkt­investoren bringt Familien­betriebe dazu, in Start-ups zu investieren. Die mehr als 100 Mitglieder haben seit 2020 Kapital für über 65 ­junge Technologiefirmen mobilisiert. Bei den Start-up-Awards 2023 wurde sie als Investorin des Jahres ausgezeichnet. 

Das Wichtigsten in Kürze

  • Start-up-Investments gehören in der Frühphase zu den Hochrisikoanlagen.
  • Zwei große Beteiligungen können ein gefährliches Klumpenrisiko erzeugen.
  • Diversifikation kann das Verlustrisiko eines Start-up-Portfolios reduzieren.
  • Stephanie Kern empfiehlt viele kleinere statt weniger großer Investments.
  • Ein Teil des Budgets sollte für Folgeinvestitionen reserviert bleiben.
  • Familienunternehmen können Start-ups zugleich als Innovationspartner nutzen.
  • Venture Clienting ermöglicht Zusammenarbeit auch ohne Beteiligung.
  • Venture Building bedeutet dagegen, neue Geschäftsmodelle selbst aufzubauen.
  • Better Ventures hat nach eigenen Angaben Kapital für mehr als 65 Start-ups mobilisiert.
  • Entscheidend sind Strategie, Budget, Streuung und professionelles Investmentmanagement. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit Markt und Mittelstand)