Blanko-Rezepte, gefälschte Unterschriften, Familienmasche: AOK Hessen kämpft gegen Rekordschaden durch Betrug

StartseiteVerbraucherBlanko-Rezepte und gefälschte Unterschriften: Abrechnungsbetrug bei Krankenkassen auf RekordhochStand: 16.07.2026, 20:54 UhrKommentareUns auf Google folgenEine Pflegerin betrog die AOK Hess...

  • 5 min read
Blanko-Rezepte, gefälschte Unterschriften, Familienmasche: AOK Hessen kämpft gegen Rekordschaden durch Betrug

Blanko-Rezepte und gefälschte Unterschriften: Abrechnungsbetrug bei Krankenkassen auf Rekordhoch

Stand: 16.07.2026, 20:54 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Eine Pflegerin betrog die AOK Hessen mit ihrem Enkel um 72.000 Euro. Krankenkassen melden Rekordschäden – und Bürger können helfen, Betrüger zu stoppen.

Frankfurt – 1232 Verdachtsfälle, ein Anstieg von zehn Prozent, gesicherte Forderungen von 4,8 Millionen Euro – die AOK Hessen hat in den Jahren 2024 und 2025 so viele Hinweise auf Abrechnungsbetrug registriert wie noch nie zuvor. „Noch nie gab es so viele Hinweise auf Fehlverhalten im Gesundheitswesen wie in den Jahren 2024/25“, heißt es im aktuellen Tätigkeitsbericht des zehnköpfigen Prüfteams unter Heike Degenhardt-Reinmold. Die gesicherten Forderungen stiegen im Vergleich zum vorangegangenen Zwei-Jahres-Zeitraum um 45 Prozent.

Krankenkassenkarten der AOK links und Bild von Heike Degenhardt-Reinmold rechts.

Die AOK Hessen meldet Rekordzahlen bei Betrugsschäden. Heike Degenhardt-Reinmold leitet das zehnköpfige Prüfteam. (Montage) © Karl-Josef Hildenbrand/dpa; Timo Blöß/AOK Medien/dpa

Die AOK Hessen steht mit dieser Entwicklung nicht allein: Die KKH Kaufmännische Krankenkasse verzeichnete für 2024 einen Rekordschaden von 5,4 Millionen Euro, der AOK Rheinland/Hamburg entstanden laut Monitor Versorgungsforschung in 2024 und 2025 Schäden von rund acht Millionen Euro.

Immer mehr Fälle: AOK meldet Rekordsumme bei Betrugsfällen

Laut der Bundesregierung erfasste das Bundeskriminalamt 2024 bundesweit insgesamt 20.553 Fälle von Abrechnungsbetrug – verglichen mit lediglich 2169 Fällen im Jahr zuvor. Eine internationale Studie, auf die die KKH in ihrer Pressemitteilung verweist, schätzt die tatsächliche Dunkelziffer auf rund 6,19 Prozent der jährlichen Gesundheitsausgaben – für Deutschland wären das etwa 18,5 Milliarden Euro.

Wie es zu solchen Dimensionen kommen kann, zeigt exemplarisch ein Fall aus Hessen: Eine Pflegerin brachte die AOK um 72.000 Euro – kein Unbekannter von außen, sondern jemand, der das System von innen kannte. In 33 Fällen stellte sie Rechnungen für Verhinderungspflege aus, die sie nie geleistet hatte. Auch ihr Enkel, der im selben Betrieb tätig war, war an dem Betrug beteiligt. Die Frau wurde zu 22 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt und verlor ihre Stelle. Teamleiterin Heike Degenhardt-Reinmold zufolge sind solche Fälle in den vergangenen Jahren „Hundertfach“ vorgekommen.

Verhinderungspflege besonders anfällig für Betrug

Die Verhinderungspflege gilt als besonders betrugsanfällig. Sie greift, wenn die reguläre Pflegeperson – etwa durch Krankheit, Urlaub oder Erschöpfung – vorübergehend ausfällt und eine Ersatzkraft benötigt wird. Seit dem 1. Juli 2025 gelten neue Regeln, so das Bundesgesundheitsministerium: Die Budgets für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege wurden zu einem gemeinsamen Jahresbetrag von bis zu 3.539 Euro zusammengefasst, die bisherige sechsmonatige Vorpflegezeit wurde abgeschafft, und die maximale Nutzungsdauer stieg von sechs auf acht Wochen jährlich. Anspruch haben Personen ab Pflegegrad 2.

Der erleichterte Zugang zu dieser Leistung macht sie gleichzeitig zum bevorzugten Angriffspunkt für Betrüger. Wer im Pflegebetrieb arbeitet, kennt die Patienten, die Abläufe und die Schwachstellen – ein Wissen, das sich gezielt ausnutzen lässt. Bei der KKH entfielen laut Gelber Liste rund 4,1 Millionen Euro – fast 80 Prozent der gesamten Betrugssumme – auf ambulante Pflegedienste. Der Pflegebereich ist damit das größte Einfallstor für Abrechnungsbetrug.

AOK berichtet von unterschiedlichen Betrugsmaschen

Die AOK Hessen dokumentiert in ihrem Bericht weitere Betrugsmaschen. Ein bundesweit aktiver Verbandmittellieferant bedruckte leer unterschriebene Rezepte im Nachhinein selbst und löste darüber Bestellungen aus. „Diese Masche flog auf, weil eine Vielzahl der Verordnungen ein identisches Druckbild aufwies, obwohl diese von weit entfernten Praxen ausgestellt worden waren“, so die Ermittler. Für das Jahr 2025 fordert die AOK in diesem Fall 857.000 Euro zurück.

In einem anderen Fall stellte ein Physiotherapeut Rechnungen für Behandlungen aus, die nie stattgefunden hatten. Die Unterschriften der Versicherten waren gefälscht – „und noch nicht einmal besonders gut“, wie die Prüfer trocken anmerkten. Betroffen waren 44 Verordnungen, die Rückforderung beläuft sich auf knapp 12.000 Euro. Die AOK Rheinland/Hamburg deckte laut Monitor Versorgungsforschung außerdem einen Fall auf, in dem rund 1000 gefälschte Rezepte für Lifestyle-Medikamente wie Ozempic oder Mounjaro abgerechnet wurden – offenbar, um die Mittel auf dem Schwarzmarkt weiterzuverkaufen.

Vorsorge für Frauen: Die wichtigsten Untersuchungen für jedes Alter

Dieser Ratgeber zeigt, welche Vorsorgeuntersuchungen für Frauen in jedem Alter wirklich wichtig sind. Mit klaren Antworten darauf, was die gesetzliche Krankenkasse übernimmt und welche Extras tatsächlich sinnvoll sind. Von der Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung mit 20 bis zur Knochendichte-Messung ab 50 – hier können Sie den kostenlosen Ratgeber herunterladen.

Preview-PDF „Vorsorgeuntersuchungen für Frauen“.

Jetzt herunterladen! © IMAGO/Westend61

Meldeportal erleichtert Krankenkassen die Verfolgung

„Die Betrugsmechaniken und Tatbestände haben sich in den vergangenen Jahren kaum verändert“, stellt die AOK fest. Was sich verändert hat, ist der Umfang. Die Zahl der Strafanzeigen legte um 24 Prozent auf 195 zu. Bei der Techniker Krankenkasse steigt zwar die Zahl der Hinweise, das Schadensvolumen hält sich laut einer Sprecherin jedoch weitgehend stabil.

Mehr als die Hälfte der 1232 Hinweise bei der AOK Hessen – nämlich 703 – stammten aus externen Quellen, darunter ein anonymes Online-Meldeportal. Teamleiterin Degenhardt-Reinmold misst solchen Meldungen großen Wert bei: „Solche Hinweise sind wichtig. Wir sind dankbar für aufmerksame Bürger. Letztlich zahlen wir doch alle die Rechnung.“ Ohne diese Hinweise wäre es angesichts der schieren Menge an Abrechnungen kaum möglich, fingierte Leistungen aufzudecken.

Künstliche Intelligenz könnte künftig dabei helfen, Unstimmigkeiten automatisch zu erkennen – bei der AOK ist das bislang aber noch nicht systematisch im Einsatz. Derzeit stützt sich das Team auf erfahrene Mitarbeitende, die nahezu alle bekannten Betrugsformen kennen – darunter auch den altbekannten Fall, Leistungen für bereits verstorbene Personen abzurechnen.

Wer einen Verdacht hegt, kann ihn melden: Alle gesetzlichen Krankenkassen sind nach § 197a SGB V verpflichtet, entsprechende Anlaufstellen einzurichten. Meldungen sind dort auch vollständig anonym möglich, wie der GKV-Spitzenverband auf seiner Website erklärt. Verdichtet sich ein Verdacht, wird die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. „Das ist sehr mühsam“, räumt Degenhardt-Reinmold ein. Jede einzelne Tat müsse nachgewiesen werden – bei älteren oder demenzkranken Pflegebedürftigen sei das besonders aufwendig. Dass es trotzdem zu Verurteilungen kommt, sieht sie als deutliches Zeichen: „Das sendet die Botschaft: Seid euch nicht so sicher.“ Auch Beitragszahler sind im Visier von Betrügern, die sich als Krankenkasse ausgeben. (Quellen: dpa, monitor-versorgungsforschung.de, bundestag.de, bundesgesundheitsministerium.de, KKH, gkv-spitzenverband.de) (jh)