Extremurlaube: Auf der Suche nach dem Adrenalinkick
Marathons auf bis zu 6.000 Meter Seehöhe, mehrtägige Extremläufe durch die Wüste oder actionreiche Trips mit Bungee-Jumping und Wildwasser-Rafting statt Luxusurlaube: Der Trend zu adrenalingeladenem Reisen – in sozialen Netzwerken ist auch von „Darecations“ (deutsch „dare“ für sich trauen, „vacation“ für Urlaub) die Rede – wird zunehmend größer. Laut der Motivationspsychologin Veronika Job spielen dabei vor allem die Suche nach Risiko sowie Aufmerksamkeit und Anerkennung eine bedeutende Rolle.
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Extremurlaube
Marathons auf bis zu 6.000 Meter Seehöhe, mehrtägige Extremläufe durch die Wüste oder actionreiche Trips mit Bungee-Jumping und Wildwasser-Rafting statt Luxusurlaube: Der Trend zu adrenalingeladenem Reisen – in sozialen Netzwerken ist auch von „Darecations“ (deutsch „dare“ für sich trauen, „vacation“ für Urlaub) die Rede – wird zunehmend größer. Laut der Motivationspsychologin Veronika Job spielen dabei vor allem die Suche nach Risiko sowie Aufmerksamkeit und Anerkennung eine bedeutende Rolle.
Online seit heute, 14.24 Uhr
Auch am Wochenende fanden wieder mehrere Extremevents statt. Beim Trail Verbier St Bernard, ein Ultramarathon durch die Schweizer Alpen, müssen 140 Kilometer innerhalb von maximal 42 Stunden absolviert werden. Beim Race to the Stones geht es 100 Kilometer durch antike Wälder und über Hügel in Südengland. Später im Jahr finden zudem noch Ultramarathons in der Antarktis, auf dem Mount Everest sowie durch die marokkanische Wüste statt.
Für diese Events reisen jeweils Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt an. Dabei handelt es sich jedoch längst nicht mehr nur um Spitzensportlerinnen und Spitzensportler, sondern zunehmend um besonders gut trainierte und vor allem motivierte Amateurathletinnen und Amateurathleten – vor allem aus der Gen Z und den Millennials – auf der Suche nach Herausforderungen.
Oft werden Urlaube auch extra um globale Sportevents herum geplant. Allerdings geht es dabei längst nicht mehr nur um extreme Sportevents, sondern generell um action- und adrenalingeladenes Reisen. Dabei schwankt auch das subjektive Empfinden: Eine Person versteht unter solchen Extremen etwa Wildwasser-Rafting, eine andere einen 250 Kilometer langen Ultramarathon durch die Wüste.
Attractiontickets führt auf seiner Website ein Ranking der zehn weltbesten „Darecations“. Darunter finden sich beispielsweise Bungee-Jumping in Neuseeland – das Land wird oft als Wiege für viele Extremsportarten bezeichnet –, Tauchen in einem Haikäfig in Südafrika oder Vulkansurfen in Nicaragua.
Anstieg bei Trekking und Marathonevents
Analysedaten des britischen Sportversicherers SportsCover sehen Trekking und Bergsteigen bzw. Skitourengehen sowie Marathonevents als Aktivitäten mit dem stärksten Wachstum, wie die Plattform Sports Tourism News berichtete. Laut BBC verzeichnete SportsCover in Großbritannien in den letzten zwei Jahren zudem einen Anstieg von 182 Prozent bei abgeschlossenen Versicherungen.
Größere heimische Versicherer sahen gegenüber ORF.at keinen belastbaren Trend in diese Richtung. Meist würden solche Aktivitäten aber auch über Speziallösungen abgesichert. Allerdings ließe sich ein allgemeiner Trend hin zu mehr Bewegung, Sport und gesünderem Leben beobachten. Auch bei der Österreich Werbung gibt es keine aussagekräftigen Zahlen dazu, jedoch hielt man fest, „dass gerade junge Gäste Neues entdecken und ihre Komfortzone verlassen wollen“.
„Suche nach Abenteuer, Risiko und Sensation“
Galten Urlaube einst als Entspannung und Ausflucht vom Alltag, hat sich das bei vielen mittlerweile geändert. Pinterest hat für 2026 in einem Blogbeitrag „Darecations“ als einen der weltweit größten Trends des Jahres ausgerufen, mit einem Anstieg von 75 Prozent bei den Suchanfragen nach Tourismus mit Adrenalinkick.
Bedeutend sei dabei vor allem die „Suche nach Abenteuer, Risiko und Sensation“, so Psychologin Job von der Universität Wien gegenüber ORF.at. Besonders in der Adoleszenz würden die auf sich genommenen Risiken stark zunehmen. „Mit Abenteuer werden starke positive Gefühle assoziiert, es gibt quasi einen Thrill, etwas geschafft zu haben“, meinte Job. Auch Dopamin spiele dabei eine große Rolle.
Besonders ausgeprägt sei dieses Verhalten bei „Sensation Seekern“ (deutsch „Sensationssuchende“), also Menschen, die aktiv nach neuen, intensiven Eindrücken suchen. Zugleich seien solche Erfahrungen für viele junge Menschen wichtige Bausteine der persönlichen Entwicklung. Grundsätzlich sei die Bereitschaft, Risiken einzugehen, allerdings kein neues Phänomen. „Das ist vor Jahrzehnten auch schon so gewesen“, sagte Job.
Pandemie verstärkte Lust nach Adrenalinreisen
Neu seien jedoch die Rahmenbedingungen. Die Einschränkungen während der Coronavirus-Pandemie hätten bei vielen Menschen den Wunsch verstärkt, Verpasstes nachzuholen und bewusst außergewöhnliche Erfahrungen zu sammeln. Das könne ein „sehr wichtiger Bewältigungsmechanismus“ sein, so Job. Zudem werde das Verlangen stärker, sobald man „einmal Blut geleckt hat“.
Hinzu komme die Rolle sozialer Netzwerke. Untersuchungen zeigten, dass junge Menschen risikofreudiger handeln, wenn Gleichaltrige zusehen. Anerkennung und Status innerhalb einer Gruppe spielten dabei eine wichtige Rolle. „Das ist gleichzeitig auch mit Status und Anerkennung in der Gruppe verbunden, wer sich jetzt am mutigsten und risikoreichsten verhält“, sagt die Psychologin.
Millionenpublikum auf sozialen Netzwerken
Während solche Erlebnisse früher nur im Freundeskreis erzählt wurden, erreichen sie heute auf Plattformen wie Instagram, TikTok und YouTube ein Millionenpublikum. Positive Reaktionen wirken dabei zusätzlich als Belohnung und verstärken den Wunsch nach immer neuen Herausforderungen, erklärte Job. Alle Arten von Risikoverhalten würden zudem besonders durch den sozialen Kontext verstärkt. „Wenn weniger Personen davon mitkriegen würden, wäre so ein Verhalten wahrscheinlich auch geringer ausgeprägt.“
Begünstigt wird der Trend auch durch einen veränderten Lebensstil vieler junger Menschen. Zahlreiche Influencer inszenieren Abenteuerreisen, Ultramarathons, Bergtouren oder mehrtägige Trekkingtrips als Teil eines gesunden und aktiven Lebensstils. Alkohol spielt dabei oft eine geringere Rolle, stattdessen stehen Fitness, Ernährung und persönliche Leistungsfähigkeit im Mittelpunkt.
Wie viral solche Abenteuer werden können, zeigte zuletzt der deutsche Ultramarathonläufer Arda Saatci. Sein Versuch, 600 Kilometer durch das Death Valley in den USA in weniger als 96 Stunden zurückzulegen, wurde durchgehend live übertragen. Seine Zielzeit verfehlte er zwar deutlich, allerdings sahen bei dem Event insgesamt mehr als eine Million Menschen live zu, beim Zieleinlauf mehr als 600.000 gleichzeitig.
Erlebnisse und Geschichten erzählen
Extremsportarten bergen jedoch naturgemäß auch Gefahren, gleichzeitig können soziale Netzwerke den Eindruck vermitteln, jede Reise müsse spektakulärer sein als die vorherige. Der Trend zu Abenteuerreisen dürfte dennoch anhalten. Ob Ultramarathon durch die Sahara, Trekking durch abgelegene Bergregionen oder Rafting im eiskalten Wildwasser: Für viele geht es dabei vor allem um Erlebnisse und Geschichten, die man erzählen möchte und die noch lange nach der Rückkehr in Erinnerung bleiben sollen, so Job.