Durs Grünbein über das Bauhaus als Feindbild der AfD

Neuer alter Hass aufs Bauhaus: Das Feindbild der Kulturpolitik der AfD in Sachsen-Anhalt, wo sie wohl bald stärkste Fraktion sein wird, setzt den nationalsozialistischen Ungeist fort.

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Durs Grünbein über das Bauhaus als Feindbild der AfD

Ich erinnere mich noch gut, wie der Dichter Hans Magnus Enzensberger in einem seiner letzten Ausbrüche einmal gegen den Begriff „Hashtag“ wetterte, mit der Geste des alten Maestros, der nicht mehr jeder Neuerung in der digitalen Welt hinterherrennen muss. Was das denn soll, ein mathematisches Nummernsymbol zu enteignen, was für ein Unsinn: hashtag? Ganz einfach, hätte man ihm antworten können, es steht für ein Schlagwort oder eine Phrase, mit anderen Worten: Es ist auch nur ein Mittel der Propaganda. Einer wie der Propagandaminister Goebbels hätte den hashtag vermutlich gemocht, ihn als Instrument für seine Kampagnen genutzt.

Nun gibt es eine Partei in Deutschland, die ihrerseits das Spiel mit den Kampagnen beherrscht und systematisch auf polternde Schlagworte setzt. Zumal diese, wie sich an ihrem Erfolg zeigt, schon das halbe Geschäft sind. Auf die andere Hälfte, die Übersetzung in praktische Politik, muss das Publikum schon seit einigen Jahren warten, manche mit dem Blick des hypnotisierten Kaninchens auf die Schlange. Bestimmte Wochenzeitungen sind, so scheint es, mit ihren Titelstorys inzwischen auf diese eine skandalträchtige Partei geradezu angewiesen. Da kommt aus deren Reihen ein neuer Anschlag, diesmal unter dem „#deutschdenken“, gerade recht.

Abrechnung mit moderner Kunst und Architektur

Nur ist an diesem so gut wie nichts neu, außer der Unverschämtheit, mit der man hier nationalistisch-kulturpolitisch zur Sache zu gehen verspricht. War noch die weiland schnell verpuffte sogenannte „Leitkultur“-Debatte der CDU ein Versuch, die Gesellschaft auf einen deutschen Wertekanon, der dabei denkbar diffus blieb, hin zu eichen, so kommt „deutschdenken“ in strammer Aufräumermanier gleich im Befehlsmodus daher. An den Kulturgütern soll sich zeigen, was eine alternative Partei unter einer patriotischen Wende versteht. Und natürlich fängt alles wieder mit einem großen Kontra an.

Bevor man den patriotischen Tourismus ankurbelt und in jedem Bundesland „Sehnsuchtsorte für deutsche Patrioten“ fördert, gilt es erst einmal mit der „modernen“ Kunst und Architektur abzurechnen. Da man aber noch nicht offen wieder von Entartung sprechen kann und die im Dritten Reich als „entartet“ geltende Kunst vorerst unbehelligt in den Museen vor sich hindämmern darf, bietet sich eine Kampagne gegen das Bauhaus an. Als sei dieser Ursprung allen Übels nicht schon seit hundert Jahren mausetot, höchstens noch museal präsent, Gegenstand mancher Retrospektive, bewundert vor allem im Ausland.

In Deutschland ist diese Institution von Beginn an nie populär gewesen, umso leichter kann sie nun wieder als Popanz herhalten. Warum ein Jahrhundert später die alte Vogelscheuche gerade jetzt wieder aufgestellt wird, lässt sich nur begreifen, wenn man den Zusammenhang zwischen Deutschsein und Antimodernsein als eine lange Traditionslinie sieht. Halten wir fest: Das Weimarer Bauhaus erhielt seinen ersten Schlag von rechts schon im Jahre 1924, als ein alldeutscher Regierungserlass Thüringens ihm die Gelder kürzte und den Lehrbetrieb durch Verordnungen erstickte.

Das Bauhaus war eines der ersten Opfer nationalsozialistischer Politik

Das war „die erste Heldentat des Nationalsozialismus gegen die Kunst“, schrieb Walter Mehring später. Er selbst ein Moderner, Dadaist und Anarchist, ein Vertriebener und Verrufener, der sich in seinen Erinnerungen zu der Aussage hinreißen ließ, der Enthusiasmus der Bauhausgruppe (genannt wird die Urzelle mit Gropius, Kandinsky, Jawlensky, Feininger und Klee) habe den deutschen Kulturboden ertragreicher befruchtet als der ganze Parlamentarismus zusammen. Gehörte jene erste „Akademie des Expressionismus“ nicht buchstäblich zur Gründungsmasse der Weimarer Republik? Leider beruhte sie schon im Ursprung auf der nachher böse enttäuschten Hoffnung, parteipolitisch gelenkte Erhebungen und revolutionäre Ideen (in der Kunst) könnten etwas gemeinsam schaffen.

Seit 100 Jahren modern: Cafeteria des Bauhaus Museum Dessau
Seit 100 Jahren modern: Cafeteria des Bauhaus Museum DessauReuters

Unvergessen bleibt: Es war das Bauhaus, das zu den ersten Opfern nationalistischer Kulturpolitik gehörte. Man sollte verstehen, wie und warum gerade diese Institution und ihre Vertreter zur idealen Zielscheibe des rechten, kulturneurotischen Spießertums werden konnten. Da war die Angst vor der Auflösung von Traditionen, der Widerwille gegen den „undeutschen Geist“, wie er als internationaler Stil gefürchtet wurde, das Ressentiment gegen eine Experimentieranstalt, die unter ihrem Dach allerlei neue Ismen versammelte und die Künste einschließlich der Baukunst technisch und theoretisch vorantrieb. Kaum hatte man „diesem kulturbolschewistischen Schandfleck unserer Klassikerstadt“ in Weimar den Hahn abgedreht, „dieser staatlichen Müllzufuhr“ (gemeint war die Subventionierung), brach mit dem Umzug nach Dessau (1925) für das Bauhaus eine Blütephase an. Es kamen die fotogenen Jahre, die stilikonischen, mit Meisterhäusern und Stahlrohrmöbeln, neuen Montage-Formen und einer hauseigenen Zeitschrift, fünf Jahre relativer Ruhe unterm Schutz einer sozialdemokratischen Landesregierung. In Thüringen, wo die NSDAP 1930 erstmals ein Ministeramt eroberte, konnte man sehen, wie es weitergehen würde.

Was beim Umrühren des Hexenkessels hochkochte

Wilhelm Frick, der braune Minister für Inneres und Volksbildung, setzte an der Kunsthochschule Weimar (vorübergehend Bauhaus) den völkischen Architekten Paul Schultze-Naumburg ein. Den Namen sollte man sich merken, weil mit ihm verknüpft ein paar der Motive sich pünktlich wiederfinden, unter denen die neue Partei in ihrer Hashtag-Kampagne das Thema deutsche Kultur angeht, wofür wiederum nicht zufällig das Bauhaus als Feindbild herhalten muss. So etwa die Polemik gegen Flachdach und kubische Form, der Kult um einen „volksgemäßen“ Wohnungsbau, um regionale Ästhetik in Zeiten eines seelenlosen „globalen Einheitsbreis“. Es sind die alten Fluchformeln von Heimatverlust, Entfremdung und Entwurzelung, die es beim Umrühren des Hexenkessels braucht, um den trüben Aufguss, die nationalistische Brühe, zum Kochen zu bringen. Dieselben Zensur- und Verbotsphantasien kehren da programmatisch wieder. Man staunt, dass ihnen seither nichts Neues eingefallen ist.

Kaum hatten die Nazis 1931 in Dessau die Gemeindewahl gewonnen, war dort Schluss mit dem Bauhaus. Zwei Jahre später mit Hitlers Machtantritt wurde auch die Berliner Nachspielzeit einer Privateinrichtung namens Bauhaus unter Leitung von Mies van der Rohe gewaltsam beendet. Ihre Räume wurden versiegelt, Studenten verhaftet, ein Viertel der Mitarbeiter, darunter auch viele Juden, in die Emigration getrieben. Um eine solche Institution also, und nicht irgendeinen faulen Mythos und „linken Irrweg“, geht es, wenn wir nun vom „elitären“ Bauhaus hören müssen. Vertraute Töne sind das, Anklänge bis hinein in die abgegriffene Rhetorik.

Dagegen mag die Auseinandersetzung um eine triftige Verwendung des Terminus „Faschismus“, in Bezug auf heutige autoritäre Sammlungsbewegungen und hier und da längst agierende Rechtsregierungen in Europa und anderswo, manchem als überzogen erscheinen, viel Lärm um nichts. Ob der Begriff Faschismus, wahrhaft ein Terminus im doppelten Wortsinn (sowohl Fachausdruck als auch Grenzziehung an einem festgelegten Punkt), analytisch noch taugt, wird sich zeigen. Auch Adornos Betrachtung über „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ (1967) ließ sich, nach kurzer Wiederauflage, anscheinend rasch beiseitewischen, so wie Umberto Ecos und Timothy Snyders Manifeste zum selben Thema. An der Kulturfront aber, in den gezielten Attacken gegen die künstlerische Moderne, für die das Bauhaus als gemeinsamer Nenner steht, zeigen sie sich, gut lesbar: die Zeichen an der Wand. Ein beispielloser Vorgang negativen Gedenkens. Das sollte hier, bevor wieder offen von Entartung die Rede ist, zu Protokoll gegeben werden.

Durs Grünbein ist Schriftsteller. Zuletzt erschien „Der Komet“ (Suhrkamp-Verlag).