AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt: Wenn aus Ohnmacht Zerstörung wird

Die AfD gewinnt, weil sie politische Ohnmacht in Handlungsfähigkeit übersetzt – mit dem Versprechen, den verhassten Status quo zu zerstören. Die entscheidende Frage lautet: Wer organisiert künftig den Wunsch nach Veränderung?

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AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt: Wenn aus Ohnmacht Zerstörung wird

Sebastian Bähr

Von

06.09.2026

Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat AfD, mit einem Lächeln auf einer Bühne

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund kann sich über das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt freuen

Foto: Ronny Hartmann/AFP/Getty Images

Mehr als 44 Prozent der Wählerstimmen für die AfD und die enorme Mobilisierung von Nichtwähler*innen zeigen: Für einen großen Teil der Menschen in Sachsen-Anhalt hat das politische System abgewirtschaftet. Die Hoffnung ist verloren gegangen, dass es ihr Leben noch zum Besseren verändern kann.

Wer nun auf ein „Weiter so“ setzt, auf „bessere Kommunikation“, auf eine Fortführung der als Reformen bezeichneten Sozialkürzungen bei gleichzeitiger Aufrüstung, der hat den Ernst der Lage nicht verstanden. 83 Prozent der Menschen im Land sind unzufrieden mit der Bundesregierung.

Die AfD verwandelt Ohnmacht in Handlungsfähigkeit

Die AfD gewinnt, weil sie für dieses politische Entfremdungsgefühl ein Ventil bietet. Sie gewinnt massiv Nichtwähler*innen, weil sie in vielen Regionen zur erfolgreichen Organisation geworden ist, um Ohnmacht in Handlungsfähigkeit zu verwandeln. In manchen Regionen auf dem Land ist sie die einzige Organisation, die dieses Angebot macht.

Und diese Handlungsfähigkeit besteht für viele ihrer Wähler*innen nicht einmal unbedingt in der Hoffnung, dass die AfD ihr Leben konkret besser macht. Sie besteht zunächst im Versprechen des Bruchs: Wenn sich schon nichts zum Besseren verändert, soll wenigstens dieses System nicht weitermachen wie bisher.

Die AfD bietet die Möglichkeit, es symbolisch abzufackeln – Parteien, Institutionen, Regeln, den verhassten Status quo. Wenn schon nichts besser wird, dann soll wenigstens etwas kaputtgehen. Das ist die politische Folge von Ohnmacht, wenn Veränderung nicht mehr vorstellbar ist.

Im Osten wurden die Ängste vor Altersarmut massiv geschürt

Vor allem aber verschiebt die AfD erfolgreich den gesellschaftlichen Widerspruch. Das zeigte sich zuletzt bei der Rentenreform der Bundesregierung. Gerade im Osten, wo Altersarmut besonders verbreitet ist und viele Menschen auf die gesetzliche Rente angewiesen sind, haben die Pläne massive Ängste geschürt.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat mit seiner Politik zusätzlich Benzin in das Feuer gegossen. Dass die drei Ost-CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, Sven Schulze und Mario Voigt öffentlich Stellung bezogen, zeigt die parallelen Realitäten zwischen Berlin und Ostdeutschland. Das Wahlergebnis zeigt wiederum exemplarisch, wie soziale Unsicherheit von der AfD politisch verarbeitet wird.

65 Prozent der AfD-Wähler*innen in Sachsen-Anhalt schätzen ihre finanzielle Lage als schlecht ein. Zugleich glauben viele nicht daran, dass sich daran etwas ändern wird. Auch an bessere politische Repräsentation von Ostdeutschen, an ein Ende der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Westdeutschland, glaubt längst niemand mehr. Die AfD übersetzt diese reale Erfahrung von Unsicherheit in einen Innen-Außen-Konflikt: Nicht die Reichen und Konzerne werden zum Gegner, sondern vermeintliche Konkurrenten. Lasst uns nicht nach oben treten, sondern zur Seite und nach unten. Das klappt wenigstens.

Das ist die eigentliche Tragödie des Wahlabends: Aus dem Wunsch, dass sich radikal etwas ändert, wird der Wunsch, dass endlich etwas kaputtgeht – und zwar nicht die Verhältnisse, die die eigene Ohnmacht hervorbringen, sondern ihre vermeintlichen Repräsentanten und die Menschen, die als Konkurrenten und Ballast markiert werden.

Ein historisches Versagen demokratischer und linker Kräfte

Dass es so weit gekommen ist, ist eine fürchterliche Entwicklung – und ein historisches Versagen demokratischer und linker Kräfte. Ein Versagen demokratischer Kräfte, weil sie weder soziale Sicherheit noch eine glaubwürdige Zukunftsperspektive bieten konnten und mit Sozialabbau weiter Benzin ins Feuer gossen. Weil sie öffentlich über Brandmauern redeten, statt sie zu leben und die sozialen Ursachen der Entfremdung zu bekämpfen. Weil sie mit Kampagnen zum taktischen Wählen zwar Prozente im Mitte-Links-Lager verschoben, aber keinen einzigen AfD-Wähler überzeugten.

Und ein Versagen linker Kräfte, weil es ihnen zu wenig gelungen ist, unzufriedene und politisch ungebundene Menschen wieder für einen politischen Oben-unten-Konflikt zu gewinnen: ihnen zu zeigen, dass ihre Wut berechtigt ist – dass sie aber einen anderen Adressaten haben kann. Dass Veränderung nicht bedeuten muss, nach unten zu treten, sondern die Verhältnisse anzugreifen. Dass Veränderung von unten möglich und erfolgreich sein kann. Glücklicherweise gab es mehrere Ausnahmen.

Ob eine AfD-Regierung aus diesem Wahlabend hervorgeht oder ob sie noch ein paar Jahre bis zum nächsten Anlauf warten muss: Etwas ist an diesem Wahlabend in diesem Land gebrochen. Und das geht weit über Sachsen-Anhalt hinaus.

Die Frage ist, wer den Wunsch nach Veränderung künftig organisieren wird: die extreme Rechte mit dem Versprechen der Zerstörung. Oder eine linke Kraft, die Menschen wieder davon überzeugt, dass sie ihre Verhältnisse gemeinsam verändern können.