„Zur Sache Schätzchen“ wurde durch ihn zum Kultfilm: Ein Nachruf auf Werner Enke

Keiner im deutschen Film war so cool, charmant und undogmatisch wie er: Werner Enke (1941–2026), der mit Lebensgefährtin May Spils das lässige Gegengewicht zur überhitzten Politszene der sechziger und siebziger Jahre gab

  • 4 min read
„Zur Sache Schätzchen“ wurde durch ihn zum Kultfilm: Ein Nachruf auf Werner Enke

Ist es nun böse geendet? Schwer zu sagen. Schließlich hatte Werner Enke, der am Montag mit 85 Jahren nach langer Krankheit in München starb, sich schon früher ein wenig aus dem zurückgezogen, was er und seine Lebenspartnerin May Spils einst nonchalant am „Jungen Deutschen Film“ vorbei ausgeheckt hatten: ein unbekümmertes, von Müßiggängern, Wortverdrehern und Fummlern bevölkertes Anti-Establishment, angeführt von Zur Sache Schätzchen.

Jenes schwarz-weiße Filmdebüt, von der damals 26-jährigen Spils 1968 und damit sechs Jahre nach dem (ausschließlich von Männern unterzeichneten) „Oberhausener Manifest“ inszeniert, das die Unabhängigkeit und Progressivität Filmschaffender hervorheben sollte, hatte die Jungfilmer:innen-Szene mächtig aufgemischt, und war mit einem „Filmband in Gold“ ausgezeichnet worden

Der Tagedieb als Held der Stunde

Der ebenfalls 26-jährige Enke war darin in der Hauptrolle des Haupt-Tagediebs, Haupt-Sprücheklopfers und Haupt-Fummlers zu sehen gewesen, und hatte mit einem Minimum an Aufwand das Kunststück vollbracht, so undogmatisch, cool und charmant wie sonst nur die Nouvelle Vague zu sein.

Unabhängig und progressiv war Zur Sache Schätzchen obendrauf, und dabei nicht mal unpolitisch – schließlich zeigte Protagonist Martin (Enke) deutlich, was er von jeglichem Engagement, ob politischer oder anderer Natur hält: Nichts.

„Das wird böse enden“, sagt Martin, als ihn sein Freund zwecks Arbeit spät am Tag aus dem Bett der Schwabinger Studentenbude scheuchen will. Später liest er sich selbst auf der Toilette Wilhelm Buschs Abenteuer eines Junggesellen vor, lässt seine Freundin sausen, entwirft einen Artikel mit dem Titel Ich soll 70 Sachen in der Woche schaffen, wie schaff ich zwei?, kaspert ins Schwimmbad, verliert seine „Kochthose“ (Enkes Aussprache von Cordhose) und bezirzt sämtliche Zuschauenden und eine neue Dame (Uschi Glas) vollends, als er zu ihr sagt: „Kommen Sie, ich schieße Ihnen ‘n Herz“.

Kurzauftritt als toxischer Beatnik

Der ewige Schlaks Enke, geboren in Berlin, aufgewachsen in Göttingen, mühelos schlagfertig, war damals für ein Studium nach München gekommen, und hatte Spils und den Regisseur Klaus Lemke kennengelernt. In Volker Schlöndorffs wunderbar unmoralischem zweiten Spielfilm Mord und Totschlag hatte er sich 1967 bereits als Schauspieler versucht – in einem Kurzauftritt als toxischer Beatnik, der die Beziehung zu seiner Freundin (Anita Pallenberg) beendet, aber nochmal mit ihr schlafen will, bevor er geht. Sie will nicht, und erschießt ihn.

Nach dem Erfolg von Zur Sache, Schätzchen inszenierte Spils ihren Freund 1970 für Nicht fummeln, Liebling wiederum als Schlitzohr neben Gila von Weitershausen in einem ebenso charmanten und anarchistischen Film, der die aufgeheizte Politszene noch deutlicher aufs Korn nahm, und die Prä-RAF-Kaufhausanschläge parodiert. „Ich fühl mich ausgebufft und abgelascht“, sagt Charly (Enke) darin, bevor er ein Weinfässchen aufhängt, aus dem ein Schlauch direkt in seinen Mund führt, „der ganze alte Schwung ist hin“.

Natürlich war er nicht wirklich hin, aber Enke schien einfach tief in jenem Antiheldentum drinzustecken, das er und Spils sich geschaffen hatten. Drei weitere Filme des Duos flößte er zwar weiterhin seine unschlagbare Lakonie ein, sie scheiterten jedoch kommerziell – vielleicht sogar im Sinne der Erfinder:innen. Enke, von jeher Daumenkino- und Comicfan und -zeichner, hockte während der nächsten Jahre gern an Münchner Kneipentischen, und antwortete Anfang der 2000er auf die Interviewfrage, ob er je reisen würde, mit den Worten „Ach, eh die ganzen Koffer gepackt sind …“.

Kein Nihilist, sondern liebenswerter Nichtstuer

2002 saß er, natürlich in Jeans, bei einem Filmgespräch im Rahmen einer Berlinale-Reihe neben Klaus Lemke, und schmetterte noch sehr munter Enke-Bälle heraus: „Tja, Lemke, lange, zusammenhängende Geschichten erzählen, das ist schwer“ oder „Stereo macht doch impotent“. 2003 veröffentlichte er ein Comicbuch mit dem Titel Das wird böse enden, das die autobiografischen Daumenkino-Figuren, mit denen er bereits in den frühen Spils-Filmen Frauen ins Bett charmiert hatte, wieder aufleben ließ. Etwa den schlaffen Haro, der sich durch den Tag kalauert: „Nicht schießen, ich bin Bluter!“ Die Sprüche, die lässige Verweigerungshaltung und sein spitzer, treffender Witz entstammten dabei durchaus (politischen) Erfahrungen und Überlegungen. Ein Nihilist war er nicht, eher ein liebenswerter Nichtstuer.

Die Fans vergaßen ihn nie ganz, auch die jüngeren nicht. Die Hamburger Northern-Soul-Band Liga der Gewöhnlichen Gentlemen erkor ihn zu ihrem Lieblingsschwerenöter und widmete ihm mehrere Songs, der ganz im Enk‘schen Sinne unkonventionelle Filmemacher Bernhard Marsch drehte 2021 einen Dokumentarfilm über ihn.

Egal, ob aus anarchistischer Freiheit oder Faulheit: Enkes Weigerung, in jegliche Art von Verkaufszirkus einzutreten, war konsequent. In Das wird böse enden lässt er zwei seiner Strichmännchen über einen Friedhof schlendern. „Trostlos, da unten vermodern“, sagt der eine. „Ach was“, entgegnet der andere, „da unten soll man ganz gemütlich liegen! Weiß ich natürlich nur vom Hörensagen“.