Zugang zu Abkühlung: Wenn die Superreichen Kälte zum Luxusgut machen
Ob „Snowrooms“ oder „Kryostase“ – Reiche haben einen privilegierten Zugang zu Kälte. Doch was soll die Nachwelt mit den ganzen alten weißen Männern anfangen? Ein Schneeraum auf dem Polar-Expeditions...
- 4 min read
Ob „Snowrooms“ oder „Kryostase“ – Reiche haben einen privilegierten Zugang zu Kälte. Doch was soll die Nachwelt mit den ganzen alten weißen Männern anfangen?
Foto: Christian Charisius/picture alliance
D ie Kälte hat Deutschland fest im Griff. Alle reden darüber, nur die große Politik nicht wirklich. Die sich hier ausdrückende Wahrnehmungsverwahrlosung wird von unten mit netten Lüftungstipps gegen die Hitzekrise gekontert und ähnelt der ignoranten Herangehensweise an Großthemen wie Umverteilung oder die Bekämpfung von Obdachlosigkeit.
Immerhin gibt es jetzt ein hübsches neues Buch, das sich der „Dialektik der Abkühlung“ widmet. Es heißt „Kühle neue Welt. Eine Geschichte der Moderne“ – und wie immer hat alles schon viel früher begonnen, nämlich spätestens mit den Römern. Für die Reichen sei „ein Mittel erfunden worden, wie auch Wasser zum Luxusartikel werden konnte“, zitiert Autor Jan Eike Dunhase die Kritik des Philosophen Seneca an den Gepflogenheiten auch seines Zöglings Nero zum „Schneekonsum“.
Womit kein stimulierendes Pulver, sondern echter, von Sklavenhand herbei geschaffter Schnee gemeint war, der das Wasser für die verwöhnten Mägen kühlen sollte. Die „durch ständige Überreizung gefühllos gewordenen Eingeweide sollten durch einen Kälteschock wieder aktiviert werden“.
Heute sind wir weiter. Galt lange Zeit neben dem Pool eine Heimsauna als Zeichen vermögender Behaglichkeit, so sind nun „snow rooms“ en vogue, berichtet die New York Times. Solche „Schneeräume“ gehören mittlerweile zum Standardangebot im Jachtmarketing, zitiert die Zeitung einen Verkäufer: Früher sei es auf den schwimmenden Festungen um Trinken und Party gegangen, „now the focus is very much on fitness and longevity“.
Das Fest, das die Oberen ein Leben lang feiern, soll nie aufhören
Das versteht jeder. Das Fest, das die Oberen ein Leben lang feiern, soll möglichst nie aufhören. Die Zahl der Leichen, schreibt Dunkhase, die bereits in „Kryostase“, also künstliche Kältekonservierung versetzt worden sind, „liegt gegenwärtig im mittleren dreistelligen Bereich“. Und er stellt die wohl nur für uns Unteren naheliegenden Frage, was eine Nachwelt – soweit es eine geben wird – „im Falle gelingender Auferstehung mit all den alten weißen Männern anfangen“ soll?
Nach dem christlichen Prinzip des „contrappasso“ wäre naheliegend, dass diese Eliten zur Buße ihrer Sünden Schnee ankarren, für alle jene, die auf der brennenden Erde leiden. Aber wir hier sind ja Linke – und halten fest am Traum einer gekühlten Welt für alle.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.
Jetzt unterstützen
Ambros Waibel
taz2-Redakteur
Geboren 1968 in München, seit 2008 Redakteur der taz. Er arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft&Medien und schreibt insbesondere über Italien, Bayern, Antike, Organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.
Longevity und Selbstoptimierung
Die Angst vorm Altern verkauft sich gut
Lymphdrainagen, Vitamininfusionen, Sauerstoffmasken – lebensverlängernde Maßnahmen oder nur Selbstoptimierung in einer kapitalistischen Welt?
Von Sophie Fichtner
Longevity-Bewegung
Macht ohne Ende
Autokraten sinnieren vom ewigen Leben, Tech-Bros stecken Milliarden in die Longevity-Forschung. Über die gefährliche Obsession mit der Unsterblichkeit.
Von Luis Bretthauer
Longevity in 100 Jahren
Wenn alt werden kostet
Kolumne Über Morgen von Theresa Hannig
Anders als heute ist 2126 die Longevity-Bewegung kein elitäres Projekt mehr. Wer in Zukunft alt werden will, muss genügsam sein.
10 Ausgaben für 10 Euro
Die Wochenzeitung mit taz-Blick
Wir schauen den Superreichen auf die Finger. Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die woanders nicht gehört werden.
- Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
- Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion
Jetzt kennenlernen