Wie die Hitze den Alpinismus bedroht

Die Zermatter Bergführer raten derzeit von einer Matterhornbesteigung ab – die Steinschlaggefahr ist zu gross. Und eine der berühmtesten Eiswände der Alpen schmilzt in dramatischem Tempo weg. Der Schweizer Bergführerverband reagiert.

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Wie die Hitze den Alpinismus bedroht

Zermatter Bergführer raten derzeit von einer Besteigung des Matterhorns ab: Wie die Hitze den Alpinismus bedroht

Die Steinschlaggefahr ist am Matterhorn gross. Und eine der berühmtesten Eiswände der Alpen schmilzt in dramatischem Tempo weg. Der Schweizer Bergführerverband reagiert.

11.07.2026, 21.45 Uhr

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Das Matterhorn und Überreste des schmelzenden Findelgletschers im Vordergrund.

Das Matterhorn und Überreste des schmelzenden Findelgletschers im Vordergrund.

Jean-Christophe Bott / Keystone

Eigentlich wäre jetzt Hochsaison am Matterhorn. Die allermeisten Besteigungen erfolgen von Juli bis Mitte September, wenn das Wetter stabil ist und nicht zu viel Schnee am Berg liegt. Doch dieses Jahr ist die Situation gänzlich anders.

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«Die hohen Temperaturen haben den Berg komplett ausapern lassen», sagt Edith Lehner, Hüttenwartin der Hörnlihütte am Fuss des Matterhorns. Ohne Schnee und Eis bröckelt der Berg, und Steinschlag wird zur grossen Gefahr für die Alpinisten.

In den letzten Tagen gerieten denn auch mehrere Seilschaften am Matterhorn in einen Steinschlag. Die meisten Vorfälle liefen glimpflich ab, nur in einem Fall musste ein von Steinen getroffener Bergführer mit dem Helikopter ausgeflogen werden.

Die Verantwortlichen haben nun reagiert: Aufgrund der extremen Situation raten die Zermatter Bergführer derzeit von einer Besteigung des Matterhorns ab. Sie selber führen keine neuen Gäste mehr auf den Berg, sondern nur noch Privatgäste, die sie gut kennen.

«Das Problem sind unerfahrene Alpinisten, die am langen Seil gehen», sagt die Hüttenwartin Lehner. Das Seil schwinge dann am Boden hin und her und löse Steine aus, die auf nachfolgende Alpinisten fallen könnten. «Die Verhältnisse werden schwieriger, und es kommen im Instagram-Zeitalter immer mehr unerfahrene Menschen an den Berg – das ist keine gute Mischung», sagt Lehner. Die Anziehungskraft des Matterhorns, das bereits über 600 Todesopfer gefordert hat, ist jedenfalls ungebrochen.

Laut Lehner sei es gut möglich, dass künftig die idealen Zeitfenster für eine Matterhornbesteigung die Monate Juni und September seien und nicht wie seit Jahrzehnten der Hochsommer.

Schlicht zu gefährlich

Ohnehin verändert sich gerade einiges in den Alpen. So sorgt in Alpinistenkreisen ein Bild für Entsetzen, das diese Woche der «Walliser Bote» publiziert hat. Zu sehen ist darauf, wie die Nordostwand der 4293 Meter hohen Lenzspitze bei Saas-Fee dramatisch geschmolzen ist.

Ein Klassiker des Alpinismus schmilzt weg: Die Eiswand der Lenzspitze (im Vordergrund) schrumpft in rasantem Tempo. Im Hintergrund Dom und Täschhorn (links).

Ein Klassiker des Alpinismus schmilzt weg: Die Eiswand der Lenzspitze (im Vordergrund) schrumpft in rasantem Tempo. Im Hintergrund Dom und Täschhorn (links).

Patrick Gasser / pomona.media

Die 500 Meter hohe Flanke gehört zu den prächtigsten Eiswänden der Alpen, ihre Durchsteigung ist ein Klassiker für ambitionierte Bergsteiger. Ob sie das künftig noch sein wird, ist jedoch offen. «So habe ich die Wand noch nie gesehen», sagt Jonas Zurbriggen, der Hüttenwart der benachbarten Mischabelhütte.

Ein schneearmer Winter, viel Wind und nun die extremen Temperaturen führen zum Schmelzen der Wand. Bereits im Frühling sind die Verhältnisse laut Zurbriggen von Blankeis und Steinschlag geprägt gewesen, weshalb die Wand sehr selten durchstiegen wurde. «Es ist schlicht zu gefährlich», sagt er.

Die extremen Verhältnisse wurden diese Woche einem 34-jährigen tschechischen Alpinisten etwas weiter südlich im Wallis zum Verhängnis. Er verunfallte in der Liskamm-Nordwand auf rund 4300 Metern Höhe tödlich. Laut der Kantonspolizei Wallis ist der Mann in einen Steinschlag geraten.

Auch am Biancograt zum Bündner Piz Bernina, einem der schönsten Firngrate der Alpen, werden die Verhältnisse zunehmend schwieriger. «Noch bieten wir alle Touren an», heisst es im Bergsteigerbüro in Pontresina. Aber die zunehmenden blanken Stellen am Biancograt mahnen die Alpinisten zur Vorsicht und zu zusätzlichen Sicherungsmassnahmen.

Etwas mehr Niederschlag gab es diesen Winter im Berner Oberland, weshalb die Verhältnisse dort noch verhältnismässig gut sind. «Aber wir müssen von Woche zu Woche schauen, das Blankeis nimmt zu», sagt der Grindelwalder Bergführer Hansruedi Gertsch. Auch er findet, dass sich die Verhältnisse in keine gute Richtung entwickelten. «Es dürfte künftig vermehrt heikler werden auf Hochtouren», sagt Gertsch.

«Man reibt sich die Augen»

«Für Alpinisten wird das ein schwieriger Sommer», sagt Rita Christen, Präsidentin des Schweizer Bergführerverbands. Wer viel in den Bergen unterwegs ist, sei es zwar gewohnt, sich immer wieder an neue Verhältnisse anzupassen. «Was mich aber schockiert, ist die exponentielle Geschwindigkeit, mit der die Folgen des Klimawandels die Gletscher und die Verhältnisse verändern», sagt Christen.

So schmelzen Eisrouten wie an der Lenzspitze oder in der Nordwand des Walliser Obergabelhorns einfach weg. «Als ob ein Turbo drin wäre, man reibt sich die Augen», sagt die oberste Bergführerin.

Der Verband hat reagiert, indem er die Bergführerausbildung angepasst und Weiterbildungsmodule entwickelt hat. «Es geht darum, die Bergführer fit zu machen für den Umgang mit den klimawandelbedingten Risiken», sagt Christen. In Zusammenarbeit mit der Wissenschaft werden in den Bereichen Geologie und Glaziologie neue Akzente gesetzt – damit die Bergführer noch besser Bescheid wissen über das Tauen des Permafrostes oder die Instabilität von Felspartien.

«Der Beruf verändert sich», sagt Christen. So sei die Wintersaison für Skitouren und Eisklettern inzwischen deutlich kürzer als früher, was für manche Bergführer finanzielle Einbussen bedeute. Und Hochtouren müssten oft deutlich früher im Sommer geplant werden: «Die Gefahr durch Steinschlag nimmt wegen der hohen Temperaturen und der Ausaperung zu. Da müssen wir sorgfältig entscheiden, wann welche Tour noch mit vertretbarem Risiko gemacht werden kann.»

Wenig hält Christen derweil von Routensperrungen, wie sie zum Beispiel im benachbarten Ausland vorkommen. So schlossen im Sommer 2022, als ebenfalls extreme Temperaturen in den Bergen herrschten, Gemeinden auf der italienischen Seite des Matterhorns und auf der französischen Seite des Montblancs verschiedene Passagen. In der Schweiz kam das nur einmal vor, als 2003 nach einem Felsausbruch am Matterhorn der Aufstieg über den Hörnligrat für ein paar Tage gesperrt werden musste, bis die Route saniert war. Danach herrschte wieder Normalbetrieb.

«Bei uns gilt das Prinzip Eigenverantwortung, damit sind wir bisher gut gefahren», sagt die oberste Schweizer Bergführerin. Sie empfiehlt, weiterhin nicht davon abzuweichen – so extrem die Verhältnisse derzeit auch sein mögen.