Yen-Intervention von USA und Japan: Die Quadratur des Kreises

Foto: Savvapanf - Freepik.comDie jüngst offiziell bestätigte gemeinsame Währungsintervention der USA und Japans zur Stützung des Yen ist kein gewöhnliches Ereignis: Es ist ein historisches Signal, das tief in d...

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Yen-Intervention von USA und Japan: Die Quadratur des Kreises
Yen Intervention USA Japan
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Die jüngst offiziell bestätigte gemeinsame Währungsintervention der USA und Japans zur Stützung des Yen ist kein gewöhnliches Ereignis: Es ist ein historisches Signal, das tief in die Anatomie des globalen Finanzsystems schneidet. Diese Maßnahme, die erste ihrer Art seit 2011, ist nicht einfach nur ein weiterer Versuch, eine Währung zu stützen. Sie ist der sichtbare Ausdruck einer systemischen Schieflage, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hat und nun an einen Punkt gelangt ist, an dem die etablierten Instrumente der Geldpolitik ihre Wirkungskraft verlieren. Wir erleben das „Herumdoktern“ an Symptomen eines geldpolitischen Experiments – einige nennen es eine Perversion – deren Ursachen tiefer liegen, als die kurzfristigen Kursausschläge am Devisenmarkt.

Yen-Intervention von USA und Japan: Die Quadratur des Kreises

Die makroökonomischen Ursachen für diese beispiellose Kooperation sind vielschichtig, aber sie lassen sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: die ultralockere Geldpolitik, die in Japan und anderen entwickelten Volkswirtschaften über ein Vierteljahrhundert praktiziert wurde. In Japan hat dieses Experiment, oft als „Abenomics“ bezeichnet, eine Abhängigkeit von künstlich niedrigen Zinsen und einer schwachen Währung geschaffen, die strukturell geworden ist. Die japanische Regierung unter Sanae Takaichi sieht die ultralockere Geldpolitik als unverzichtbaren Bestandteil ihrer Wirtschaftsstrategie – ein fataler Irrglaube oder schlimmstenfalls ein scheinbar alternativloses Aufrechterhalten eines Wegs in die Insolvenz, der den Reformstau einer demographisch schrumpfenden und alternden Bevölkerung zementiert und die Wettbewerbsfähigkeit des Landes weiter untergräbt.

Die Illusion der Stärke

Die Intervention selbst ist ein Eingeständnis der Schwäche – auch wenn Sie um das Gegenteil zu suggerieren unter lautem Getöse ganz offen kommuniziert wurde. Die Tatsache, dass Japans alleinige Bemühungen, die bereits im April und Mai dieses Jahres mit einem Volumen von knapp 60 Milliarden US-Dollar spektakulär scheiterten, nun die Beteiligung der US-Notenbank erfordern, ist das höchste Alarmsignal. Es zeigt, dass die Bank of Japan (BOJ) in einer Sackgasse steckt. Die jüngste Zinserhöhung auf ein 31-Jahres-Hoch von einem Prozent erwies sich als wirkungslos, da die Realzinsen aufgrund der anhaltend hohen Inflation tief im negativen Bereich verharren. Der Markt hat längst erkannt, dass die BOJ nicht willens oder in der Lage ist, den geldpolitischen Gürtel entscheidend enger zu schnallen, weil eine drastische Zinswende die gigantische Schuldenlast des Landes – bei einem Verhältnis von Staatsschulden zum BIP von 220-230 Prozent – unmittelbar in eine Fiskalkrise verwandeln würde.

Die Einbeziehung der USA unter der geldpolitischen Führung von Kevin Warsh und Finanzminister Scott Bessent verleiht dieser Dynamik eine zusätzliche, fast ironische Note. Warsh, ein bekannter Kritiker der lockeren Geldpolitik und der quantitativen Lockerung, und Bessent, der den Yen wiederholt als unterbewertet bezeichnete, sind nun gezwungen, ein System zu stützen, das sie eigentlich reformieren wollen. Der offizielle Grund für die US-Beteiligung – die Sorge vor einem Übergreifen der Yen-Schwäche auf die US-Rentenmärkte – ist ökonomisch plausibel. Eine zu schwache japanische Währung erhöht den Importpreisdruck und gefährdet die Stabilität des größten ausländischen Gläubigers der USA, was zu einem Ausverkauf von US-Staatsanleihen führen könnte um mit dem Erlös die eigene Währung zu stützen. Dahinter verbirgt sich jedoch die schlichte Erkenntnis, dass auch der USA die Kontrolle über die Situation ihres Anleihemarktes verloren geht.

Yen-Intervention: Die Mechanik des Scheiterns

Die spezielle Konstruktion der Intervention – das US-Finanzministerium verkaufte angeblich Euros, um Yen zu kaufen, statt Dollar – ist ein weiterer Beleg für die Verzweiflung. Mit diesem Kunstgriff versucht Washington, den Eindruck zu vermeiden, es strebe eine allgemeine Schwächung des Dollars an, was die bereits hartnäckige Inflation in den USA weiter anheizen würde. Es ist ein Spiel mit Symbolen, das die eigentliche Problematik nicht löst. Die fundamentalen Treiber der Yen-Schwäche bleiben unverändert bestehen: ein massiver Zinsunterschied zu den USA, eine chronisch hohe Staatsverschuldung und ein zunehmender geopolitisch bedingter Inflationsdruck, insbesondere durch die steigenden Energiepreise infolge der Iran-Krise. Selbst ein Interventionsvolumen von mehreren hundert Milliarden Dollar kann diese Strömungen nicht auf Dauer umkehren.

Die erzwungene Kooperation zwischen Washington und Tokio erzeugt einen Sog, der die BOJ nun in eine noch prekärere Lage bringt. Die Intervention wurde eng mit der BOJ abgestimmt und erhöht den Druck auf eine weitere Zinserhöhung bereits im September. Die aktuellen Auktionen von Anleihen der Bank of Japan zeigen das weiterhin an den steigenden Renditen deutlich. Dies ist das paradoxe Ergebnis einer Maßnahme, die eigentlich die Abwertung stoppen soll. Der Markt sieht eine Zinserhöhung nach wie vor als nahezu beschlossene bzw. notwendige Sache an. Eine solche Erhöhung wäre nicht das Ergebnis einer unabhängigen geldpolitischen Entscheidung, sondern die Konsequenz unter anderem einer Währungsintervention, die die Glaubwürdigkeit der Zentralbank weiter untergräbt. Die unterentwickelte Entkopplung von Geld- und Fiskalpolitik – ein traditioneller japanischer „Volkssport“ – wird weiter verwischt.

Die Abrechnung mit dem System

Die Intervention ist letztlich ein einigermaßen verzweifelt wirkender Versuch, den Carry Trade zu kontrollieren. Diese Strategie, bei der Anleger günstige Yen-Kredite aufnehmen, um in höher verzinste Währungen wie den Dollar zu investieren, ist die natürliche Folge der verzerrten Zinsstruktur. Eine Rückabwicklung dieser Positionen in unbekannter Billionenhöhe, wie sie durch eine Interventions- oder Zinswende ausgelöst werden könnte, birgt das Risiko einer globalen Rezession durch die Vernichtung von Kaufkraft von Wertpapierdepothaltern. Die simultane Abwertung praktisch aller Anlageklassen würde nicht nur die Renditen der Carry Trader vernichten, sondern könnte eine systemische Krise auslösen, die mit einem „Lehman-Moment“ in Staatsdimension zu vergleichen ist.

Hier schließt sich der Kreis zu der berechtigten Forderung der Rentenmärkte. Sie fordern zurecht eine Anhebung der Zinsen auch am kurzen Ende. Eine Fortsetzung der künstlichen Zinsmanipulation ist nicht länger tragbar, wenn das Vertrauen der Anleihemärkte nicht endgültig zerstört werden soll. Die Yen-Intervention ist nichts anderes als der Versuch, dieses unausweichliche Ende einer jahrzehntelangen geldpolitischen Fehlentwicklung hinauszuzögern. Es ist die Quadratur des Kreises: Man versucht, ein auf künstlicher Liquidität aufgebautes Finanzsystem zu stabilisieren, indem man ihm noch mehr künstliche Liquidität zuführt und die Nebenwirkungen in Form von Ulzerationen mit dem Aufkleben eines Pflasters verdeckt.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass es kein billiges Entkommen geben wird. Die gemeinsame Intervention ist keine Lösung, sondern ein Symptom. Wie bei vielen aktuellen Vorgängen am Finanzmarkt ist immer noch das schnelle Ende des Iran-Krieges und Ende dessen inflationären Wirkungen nach dem Prinzip Hoffnung eingepreist – und das Spiel auf Zeit, zeigt sich in diesen rein symptomatischen Maßnahmen. Sie ist der vermutlich letztlich vergebliche Versuch, die unausweichliche Abrechnung mit dem System der Modern Monetary Theory und den Jahrzehnten der Geldflut hinauszuzögern. Die Frage ist nicht, ob der Prozess der Normalisierung schmerzhaft sein wird, sondern nur, welche Form der Schmerz angenommen wird – die Pest eines abrupten Kollapses oder die Cholera einer schleichenden, aber ebenso zerstörerischen Erosion. Und auch diesen Hebel hat die radikale Führungsschicht des Iran sehr bewusst in der Hand.

Oliver Stalzer

Über den RedakteurOliver Stalzer

Wirtschaftskolumnist

Der Wirtschaftskolumnist Oliver Stalzer publiziert Wirtschaftspolitische und Finanzmarkt-Analysen

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