Unsere Autorin hat Deutschland bewundert. Und deshalb lange dort gelebt. Jetzt ist sie zurück in der Schweiz. Aus diesen Gründen
Unsere Autorin hat Deutschland bewundert. Und deshalb lange dort gelebt. Jetzt ist sie zurück in ihrer Heimat Schweiz. Hier schreibt sie, warum sie es im Nachbarland nicht mehr ausgehalten hat.
- 6 min read
Wo sind die Deutschen hin, die ich liebe?
Unsere Autorin hat Deutschland bewundert. Und deshalb lange dort gelebt. Jetzt ist sie zurück in ihrer Heimat Schweiz. Hier schreibt sie, warum sie es im Nachbarland nicht mehr ausgehalten hat.
Kaltërina Latifi23.08.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

Dass der Mann sich bloss mal nicht irrt: Szene beim EM-Spiel zwischen Deutschland und der Schweiz in Frankfurt am 23. Juni 2024.
Roger Bürke / Eibner / Imago
Mit Anfang zwanzig beschloss ich, der Schweiz, die mir in meinem noch jugendlichen Eifer klein und unbedeutend vorkam, den Rücken zu kehren und die grosse europäische Welt zu erkunden. Für mich hiess das damals vor allem: Deutschland. Ein Land, das ich seit je bewunderte für seine geistige Tradition und seine weltbekannten Dichter und Denker. Dass ich in meiner Jugend ausgerechnet durch das Werk eines Schweizer Autors, nämlich Max Frisch, einen ersten Zugang zu «den Deutschen» fand, ist zugleich ironisch wie sachlogisch: Sein «neutraler» Schweizer Blick auf dieses Schwergewicht im Herzen Europas hatte etwas sowohl Nüchternes wie auch Unbestechliches. Es waren Frischs Tagebücher, insbesondere die der unmittelbaren Nachkriegszeit, die mir erste, zum Teil sehr kritische Einblicke in die deutsche Kultur und Geschichte vermittelten.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Bei aller Faszination für die kulturellen Errungenschaften Deutschlands stellte ich mir schon damals immer wieder die eine Frage: Wie war es möglich gewesen, dass eine solche Hochkultur zu einem der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte fähig sein konnte? Dieser Widerspruch hat bei mir bis heute von seiner bedrängenden Problematik nichts verloren. Vielleicht war das sogar der eigentliche Grund, weswegen ich nach Deutschland ziehen wollte: um die deutsche Erinnerungskultur zu erleben und damit die Art, wie sich dieses Land seiner eigenen Vergangenheit gestellt hat. Denn es ist ihm gelungen, um Frisch zu zitieren, «über seine eigenen Ruinen» hinauszusehen und «zur Erkenntnis jenes anderen Elendes» zu kommen, das sein «Volk über die halbe Welt gebracht hat». Etwas, von dem sich auch andere europäische Länder wie etwa Serbien eine Scheibe hätte abschneiden können – dachte ich mir und zog 2007 nach Heidelberg.
Angela Merkel insgeheim bewundert
Das Deutschland, das ich erleben durfte, befand sich in einem wirtschaftlichen Aufschwung, und es war politisch vergleichsweise stabil. Selbst die weltweite Finanzkrise konnte ihm nicht viel anhaben, es blieb im europäischen Vergleich relativ widerstandsfähig. Das soziale Miteinander war locker und unbefangen, und es bestätigte sich: dass die Deutschen um einiges entspannter waren als die Deutschschweizer. Mein Aufwachsen in der Schweiz und dass ich gewissermassen selbst Schweizerin war, verschaffte mir Sympathiepunkte. Ob ich denn mal was auf Schweizerdeutsch sagen könnte? Das liebten die Deutschen, sie fanden es so niedlich.
Das Land bot mir, was ich mir erhofft hatte. Man könnte sagen: eine gute Ladung deutscher Reinkultur. Ich lebte in einer wunderschönen Stadt, die vom Krieg weitgehend verschont geblieben war. Ich beschäftigte mich mit der deutschen Romantik, stöberte in verstaubten Archiven, lernte die deutsche Kurrentschrift lesen, versuchte Immanuel Kants Kritiken zu verstehen und lief in der Heidelberger Altstadt regelmässig an einer Tafel vorbei, die mich daran erinnerte, dass hier einst der Philosoph Karl Jaspers gewohnt hatte. Er, der die nationalsozialistische Diktatur überstanden hatte, nach 1945 zunächst beim Wiederaufbau der Universität half, sich jedoch zunehmend von den politischen Verhältnissen der Nachkriegszeit enttäuscht zeigte und 1948 an die Universität Basel wechselte.
Aber nicht minder wichtig war: Ich kam mit ungefähr 700 Euro im Monat gut aus. Später, als ich in deutscher Literatur promovierte, konnte ich mich sogar als Autorin selbständig machen – auch dank der deutschen Künstlersozialversicherung. Sie ermöglicht Selbständigen in kreativen Berufen eine soziale Absicherung und beruht auf dem Gedanken, dass künstlerische und publizistische Arbeit gesellschaftlich wertvoll ist – etwas, das die Schweiz so nicht kennt.
Und die Politik? Ich erinnere mich, wie Angela Merkel im Juni 2009 die Universitätsstadt am Neckar zum Wahlkampfabschluss der CDU für die damalige Europawahl besuchte. Die Menschen hatten sich auf dem Universitätsplatz versammelt. Ich stellte mich etwas abseits des Platzes auf die Aussentreppe des Musikwissenschaftlichen Seminars und beobachtete das Geschehen aus sicherer Distanz, als die Bundeskanzlerin, begleitet von ihren Leibwächtern, auf dem Weg zu ihrem Auftritt gemächlich an mir vorbeiging – und mir freundlich zuwinkte. Ich brachte es nicht über mich, ihr Winken zu erwidern. Denn damals, als die AfD noch in weiter Ferne lag, hielten wir jungen, politisch links orientierten Studenten die CDU für «böse» und «unwählbar». Insgeheim brachten wir ihrer Parteivorsitzenden zwar Bewunderung entgegen, immerhin war Merkel die erste weibliche Bundeskanzlerin, doch ihre Partei vertrat bürgerliche, für unseren Geschmack fast schon erzkonservative und daher mit unserem Solidaritätsprinzip unvereinbare Werte.
Die scheinbar kleingeistige Schweiz
Die Schweiz war mir in jener Zeit in weite Ferne gerückt. Ich war zwar immer wieder zu Besuch in meiner alten Heimat, aber eine Rückkehr für immer hätte ich damals vehement ausgeschlossen. Wie sollte ich jemals wieder heimelig werden mit der im Vergleich zu Deutschland scheinbar so kleingeistigen Schweiz? Was hätte sie mir denn mehr bieten können als meine neue Wahlheimat? Ausserdem hatte ich auf einmal etwas Mühe mit der Mundart. Die Helvetismen im Hochdeutschen hatte ich erfolgreich gebändigt, dafür hatten sich nun Germanismen in mein Berndeutsch eingeschlichen.
Und dennoch zwinkerte mir die Schweiz immer wieder aus der Ferne zu – wie so ein Leuchtturm, wenn es zeitweise dunkelte in meinem Gemüt. Insbesondere als ich nach meiner Zeit in London, wo ich berufsbedingt einige Jahre gelebt hatte, wieder nach Deutschland zurückkehrte, im Glauben, ich könnte nahtlos an mein «deutsches Leben» anknüpfen, verspürte ich eine Unstimmigkeit in mir. Denn die Atmosphäre offener Gelassenheit, ja ich möchte fast schon sagen: souveräner Nonchalance im sozialen Miteinander Andersdenkender, die ich noch aus meiner Studienzeit in Deutschland kannte – sie war verschwunden. Während sich unterdessen das einst Unvorstellbare in einen fast schon sehnsüchtigen Wunsch verwandelt hatte: wieder in die alte Berner Heimat zurückzukehren.
Vorgeschützte kulturelle Vielfalt
Doch was war geschehen, was hatte sich verändert? Wenn ich heute an meine frühen Jahre in Deutschland zurückdenke, kommt es mir vor, als blickte ich in eine längst vergangene Epoche. Konnte man damals noch klar zwischen einer Mitte-rechts-Partei wie der CDU und einer Mitte-links-Partei wie der SPD unterscheiden, wirkt die deutsche Parteienlandschaft zunehmend wie ein politischer Block, der sich vor allem über seine Abgrenzung zur AfD definiert. Wäre ich noch einmal jung, würde ich die Christlichdemokraten wohl nicht mehr kategorisch ablehnen, vertreten sie inzwischen doch oft sozialdemokratischere Positionen als die SPD, die ihrerseits weit ins linksprogressive Lager gerückt ist. Was aber hat dieser politische Konsensblock zu bieten ausser Brandmauerrhetorik und moralischer Selbstvergewisserung?
Die Erinnerungskultur, einst Ausdruck kollektiver Identitätsbildung und kritischer Reflexion, droht dabei in blosse politische Symbolik oder Lippenbekenntnisse umzuschlagen. Kulturelle Vielfalt wird oft nur vorgeschützt, auch dort, wo die gesellschaftliche Realität eher von Fragmentierung und Entfremdung geprägt ist. Das habe ich etwa in Weil am Rhein erlebt, wo ich zuletzt noch einige Monate gelebt habe, bevor ich diesen Frühling nach fast zwanzig Jahren Ausland wieder in die Schweiz zurückgekehrt bin: verhüllte Frauen; Cafés mit stark segregierter Geschlechterstruktur; Restaurants, in denen alle möglichen Nationalitäten speisen, Deutsche aber selten bis nie. Besuchten mich Freunde aus der Schweiz, fragten sie verdutzt: Wo sind eigentlich die Deutschen geblieben?
Nun hat mich aber die Schweiz wieder: das Land der direkten Demokratie und des gesellschaftlichen Konsenses. Zwar ist auch die Schweiz nicht gegen ideologische Verhärtungen gefeit, aber ich habe den Eindruck, dass es uns bisher gelungen ist, miteinander im Gespräch zu bleiben. Darin liegt meine Hoffnung.
Kaltërina Latifi, geboren 1984 in Pristina in Kosovo, ist eine Schweizer Publizistin und arbeitet als Privatdozentin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Bern.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»