„Wir vergessen oft, dass wir als Gesellschaft die besten Chancen haben“

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„Wir vergessen oft, dass wir als Gesellschaft die besten Chancen haben“

Stand: 07.08.2026, 17:30 Uhr

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Seit drei Jahrzehnten der Sportfreund mit den Drumsticks: Florian Weber.

Seit 30 Jahren der Sportfreund mit den Drumsticks: Florian Weber. © Ingo Pertramer

Schlagzeuger Florian Weber spricht über 30 Jahre Sportfreunde Stiller, Hoffnung und Haltung in Krisenzeiten und Parallelen zwischen Fußball und Rock’n’Roll.

Mit ihrem neuen Album „Happy Birthday“ haben sich die Sportfreunde Stiller selbst ein Geschenk zum 30. Band-Geburtstag gemacht. Peter Brugger, Rüdiger „Rüde“ Linhof und Florian Weber bleiben sich treu: Optimismus, Mitsing-Melodien und eine gewisse Nähe zum Fußball.

Zur Band

30 Jahre, 9 Studioalben und jede Menge Hits – darunter „Ein Kompliment“, „‘54, ‘74, ‘90, 2006“ und „Ich, Roque“. Im Jubiläumsjahr hat sich die Band jünst mit dem Album „Happy Birthday“ selbst gratuliert und ist wieder auf Tournee.

Am 30. Oktober 2026 spielen
die Sportfreunde Stiller
in der Frankfurter
Jahrhunderthalle. FR

Herr Weber, angenommen Eure Karriere wäre ein Fußballspiel – welche Minute läuft gerade?

Wir sind in der 67. Minute, führen 4:0 und stecken gerade in einem lockeren Angriff. Rüde kommt über links, der Peter läuft ganz rechts, winkt mit dem Arm und versucht, den Seitenwechsel einzuläuten.

Welche Position spielen Sie?

Ich bin natürlich vorn im Sturm und warte auf die Flanke von Peter.

Wer ist Kapitän?

Wir sind eine Mannschaft ohne Kapitän und Trainer. Ein sich selbsterhaltender Haufen.

Wie sind die Rollen innerhalb der Band verteilt?

Da gibt es den einen, der laufend nach vorne streben will, ohne nach links und rechts zu blicken.

Stürmer Weber!

Genau. Peter ist der etwas ruhigere, bedachte und Rüde füllt die Räume dazwischen aus mit einer wahnsinnig guten Umsicht, was die politische Weltlage betrifft. So fließen auch immer Sätze und Gedanken zu solchen Themen in unsere Lieder ein.

Eure Songs stehen für Optimismus und Leichtigkeit. Fiel es Euch beim neuen Album aufgrund der aktuellen Weltlage denn schwerer, das zu transportieren?

Wir diskutieren schon tiefer über die Themen, die wir besingen und die Art und Weise, wie wir diesen Twist zum Positiven hinkriegen. Wir wollen nicht einfach beschreiben, dass alles am Arsch ist, dafür schlag ich die Zeitung auf. Rüdiger ist in Sachen Weltpolitik so am Puls der Zeit und engagiert sich mit seinen sozialen Projekten wie „Kultur.Konvoi“ oder „VoiceOn“. In unseren Liedern wollen wir konstruktiv bleiben und der Weg dorthin ist tatsächlich etwas länger geworden als früher.

Wie schafft Ihr es, positiv zu bleiben?

Wir vergessen oft, dass wir als Gesellschaft weiterhin die besten Chancen haben und alle einfach viel zu schnell meckern, statt unsere Ideen umzusetzen und positiv zu bleiben. Da gehört für mich auch die Tonalität in der Politik dazu. Wenn ich schaue, wie Söder auf den Grünen rumhackt, dann kommt mir das Kotzen. Statt dass sie sich als Volksparteien inhaltlich reiben, aber doch gemeinsam für die demokratischen Werte einstehen. Und die blaue Partei reibt sich die Hände.

Wie politisch könnt Ihr als Sportfreunde überhaupt werden?

Unsere politische Haltung und Ansicht setzen wir ja immer mal wieder in unseren Liedern. Einen reinen Polit-Song zu veröffentlichen, nimmt man uns vielleicht auch nicht ab, aber wir zeigen in jedem Interview Haltung. Ich will uns jetzt nicht selbst loben, aber wir legen auch Hand an, zum Beispiel mit dem „Kultur.Konvoi.“ Wir haben Gelder gesammelt und Konzerte gespielt, um Rettungswagen für die Ukraine zu finanzieren.

Ihr habt Euer neues Album während der Fußball-WM veröffentlicht. Hattet Ihr darüber nachgedacht, wieder den passenden Song zu liefern?

Nein, wir haben das Lied (Anm.: „‘54, ‘74, ‘90, 2006“) zwei Weltmeisterschaften lang gespielt und hatten damit wahnsinnig tolle Erlebnisse. Es ist ein Zeitdokument, begleitet uns aber eigentlich schon länger nicht mehr, nur die verrückten Erinnerungen. Das hat uns Buben 2006 echt übermannt. Ab und an packen wir‘s bei Konzerten wieder aus.

Wer ist Euer Angstgegner?

Vielleicht Desinteresse? Die Neugierde verlieren? Aber davor habe ich eigentlich keine Angst, ich glaube nicht, dass uns das passiert. Wir haben ja auch eine längere Pause gut überstanden.

Sie meinen die Zeit von 2017 bis 2020. Peter Brugger war ausgebrannt und Ihr standet kurz vor der Auflösung.

Richtig. Wir kamen damals einfach nicht zusammen. Wenn du 30 Jahre auf engstem Raum im Tourbus oder im Studio verbringst, gibt es Reibereien. Die sind aber auch wichtig für die Kreativität. Wir haben unterschiedliche Energielevel und das zu erkennen und zuzulassen, ist das eigentliche Meisterstück. Das haben wir eine Zeit lang nicht geschafft, da war das Eis, auf dem die Band steht, dünn. Wir waren in den drei Jahren dreimal Kaffee trinken. Und auch das war eher ein mühsames Heranziehen von Gesprächsthemen.

Wie haben Sie das erlebt?

Ich hab es kaum ausgehalten, hatte Scheuklappen auf und Schwierigkeiten zu erkennen, dass Peter energielos war. Ich habe es einfach nicht verstanden, wie man so eine große Chance wie diese Band zur Seite legen kann. Aber durch die Pause erlernte ich Geduld und Akzeptanz. Du kannst eben nicht immer nur nach vorne streben.

Wie war es, als Ihr das erste Mal wieder zusammen gespielt habt?

Wir wollten beim Proben mit „Eine Hymne auf dich“ starten. Ich zählte ein und dann hieß es nur: „Moment, wie geht das gleich wieder?“ Wir mussten uns ein YouTube-Tutorial anschauen, um die Akkorde für den Song zu lernen (lacht). Dann haben wir aber schnell gespürt, wie sehr uns das gefehlt hat und wie wichtig wir uns sind. Das war echt ein Aha-Erlebnis.

Inzwischen seid Ihr 30 Jahre zusammen. Die Toten Hosen haben 45 Jahre geschafft und geben jetzt den langen Abschied. Könnt auch Ihr noch 15 Jahre weitermachen und authentisch bleiben?

Authentisch waren wir immer. Ich hätte eher ein bisschen Angst davor, dass man sich zu sehr bemüht, und sich zum Affen macht, ohne es zu merken. Ich erkenne das bei den Hosen gar nicht, die schreiben immer noch Hits und begeistern die Leute. Selbst Mick Jagger macht es immer noch ganz gut auf der Bühne. An denen kann man sich orientieren. Neulich haben wir mit der Spider Murphy Gang „Skandal im Sperrbezirk“ gespielt. Da steht der Günther (Anm.: Sigl, Sänger und Bassist) mit einer Ausstrahlung, Kraft und Coolness auf der Bühne – und er wird nächstes Jahr 80. Wenn mir irgendwer verspricht, dass ich in dem Alter noch so rüberkomme, dann kann die Band auch bis zum bitteren Ende durchhalten.

Noch einmal zurück auf das Karriere-Fußballfeld. Wie ist die Stimmung denn bei euch in der Umkleide?

Sowohl vor als auch nach dem Spiel wie in der Umkleide einer F-Jugend-Mannschaft. Ein Bubenhaufen, der davor total aufgescheucht ist und hinterher zwar müde, aber immer noch Schabernack treibt. Es müsste schon irgendwas ganz Blödes passieren, dass wir mal richtig ernst werden.

Welche Rolle spielen die Fans?

Bei uns eine enorme. Das ist der Antrieb unseres Schaffens. Bei unseren Konzerten wollen wir immer eine umarmende Situation mit den Leuten schaffen, eine Verbindung, darum geht es uns. Das ist leichter, wenn es weniger sind. Dafür ist die Stimmung bei vielen Fans natürlich überbordender. Ohne Fans, Zuschauer und Zuhörer gäbe es uns auch nicht 30 Jahre lang.

Angenommen, einer von Euch beendet seine Karriere – was passiert mit dem Team?

Der kriegt erst mal eine Watschen (lacht). Wie gesagt gab gab es die Zeit ja, wo einer darüber nachgedacht hat oder zumindest nicht richtig angreifen konnte. Da bist Du dann als Mitspieler machtlos. Ich glaube nicht, dass die Sportfreunde ohne einen von uns weiter existieren könnten.

Könnten Sie sich vorstellen, zum Karriereende hin in Saudi-Arabien oder den USA zu spielen?

Habe ich ja tatsächlich schon mal gemacht, also metaphorisch. Der Rüde hat vor einigen Jahren eine Platte mit Fiva (Anm.: deutsche Musikerin und Moderatorin) aufgenommen, da war ich Tour-Schlagzeuger. Außerdem habe ich bei der Band Harmful mitgespielt und mit deren Sänger Aren Emirze die Zwei-Mann-Band Taskete gegründet. Mit Freunden und guten Menschen außerhalb der Sportfreunde Musik zu machen, war schon immer erlaubt.

Was kommt nach dem Abpfiff?

Hoffentlich kein Elfmeterschießen. Aber ich glaube, wir haben schon gewonnen. Und dann natürlich Weißbier aus Vier-Liter-Krügen und kleine Gläser mit alkoholfreiem Schampus.

Alkoholfreier Schampus?

In meinem Alter muss man aufpassen, da darf man nicht mehr so viel saufen.

Sie sind 52 ...

Ja, stimmt schon. Dann einfach nur ein Pokal voll Schnaps.

„Wenn ich schaue, wie Söder auf den Grünen rumhackt, dann kommt mir das Kotzen. Statt dass sie sich als Volksparteien inhaltlich reiben, aber doch gemeinsam für die demokratischen Werte einstehen. Und die blaue Partei reibt sich die Hände.“

„Wir wollen nicht einfach beschreiben, dass alles am Arsch ist, dafür schlag ich die Zeitung auf.“

„Einen reinen Polit-Song zu veröffentlichen, nimmt man uns vielleicht auch nicht ab.“

„Es müsste schon irgendwas ganz Blödes passieren, dass wir mal richtig ernst werden.“