Wie sich die „große Furcht“ verbreitete
Nach dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 wurden Frankreichs Bauern von der „großen Furcht“ erfasst. Sie hat die französische Revolution in den Anfängen befeuert und den Fall des alten Regimes beschleunigt. Angeheizt wurde die Panik von Gerüchten, die sich laut einer epidemiologischen Analyse wie eine hochansteckende Krankheit durch die französischen Provinzen verbreiteten.
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Französische Revolution
Nach dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 wurden Frankreichs Bauern von der „großen Furcht“ erfasst. Sie hat die französische Revolution in den Anfängen befeuert und den Fall des alten Regimes beschleunigt. Angeheizt wurde die Panik von Gerüchten, die sich laut einer epidemiologischen Analyse wie eine hochansteckende Krankheit durch die französischen Provinzen verbreiteten.
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Im Sommer 1789 wurden die Bauern Frankreichs von einer ungewöhnlichen Panik erfasst, die schließlich zu landesweiten Aufständen gegen ihre Feudalherren führte und letztlich den bürgerlichen Revolutionären in Paris bei der Umsetzung ihrer Umsturzpläne half. Bereits im Frühling des Jahres wuchs die Unruhe auf dem Land, und eine Stimmung des Misstrauens machte sich breit. Nach einer sehr schlechten Ernte im Vorjahr hatte die Anzahl der auf der Suche nach Essbarem herumstreunenden Vagabunden und Bettler massiv zugenommen.
Auch das Verhältnis der Bauern zu ihren Gutsherren und Landbesitzern war schon länger belastet, viele weigerten sich bereits die geforderten Abgaben und Steuern zu zahlen – gefördert wurde dieser Unmut von den bürgerlichen Revolutionären, die sich so mehr Unterstützung durch das Volk erhofften. Gleichzeitig erreichten erste Meldungen der revolutionären Vorgänge in der Hauptstadt auch die Landbevölkerung und nährten die Hoffnung auf mehr Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.
Angst vor Konterrevolution
Nach dem Sturm der Bastille – am 14. Juli 1789 – machten allerdings Gerüchte die Runde, die Aristokratie würde sich organisieren und bewaffnete Truppen mobilisieren, um revolutionäre Vorgänge auf dem Land aufzuhalten. In dieser Gemengelage aus Angst, Hoffnung und Wut verbreitete sich die „Grande Peur“ („die große Furcht“) vom 20. Juli bis zum 6. August beinahe über ganz Frankreich.
Die Bauern organisierten sich ihrerseits, sammelten Waffen und bildeten Milizen, um Banditen und vermeintliche Konterrevolutionäre aufzuhalten. Als diese nicht auftauchten, richtete sich der geballte Zorn gegen die Feudalherren und im ganzen Land kam es zu Aufständen; Burgen und Schlösser wurden überfallen, geplündert, zerstört und viele Besitzer vertrieben. Es kam auch zu Kämpfen mit der Nationalgarde. Letztlich wurden in der Nacht des 4. Augusts unter dem Druck der Bauernaufstände mehrere Vorrechte des ersten und zweiten Standes, wie etwa der Frondienst und Steuerprivilegien, abgeschafft. Und die Phase der „großen Furcht“ endete unvermittelter, als sie begonnen hatte.
Emotionaler Furor oder politischer Aufruhr?
Bis heute gilt der landesweite Aufruhr im Sommer 1789 unbestritten als wichtiger Meilenstein bei der Abschaffung des extrem ungerechten Feudalsystems sowie für das Ende des „Ancien Régime“. Unter Historikern und Historikerinnen gebe es aber sehr unterschiedliche Interpretationen des Phänomens der „Grande Peur“, schreiben die Forscher und Forscherinnen um Stefano Zapperi von der Universität Mailand.
Die einen halten es für ein reines Epiphänomen, angetrieben von irrationalen Emotionen und destruktiven revolutionärem Furor, für andere sei es ein politisches Ereignis, das gemeinsam mit dem Sturm auf die Bastille und der Abschaffung der Privilegien einen wichtigen Beitrag zur Bildung eines neuen Regimes geleistet hat.
Mehr als 200 Jahre später wird sich vermutlich nicht endgültig klären lassen, welche Lesart tatsächlich zutrifft. Man kann nur versuchen, die genauen Umstände der Verbreitung der „großen Furcht“ anhand vorhandener Quellen nachzuvollziehen und so Argumente für die eine oder andere Hypothese zu sammeln. Genau das hat das Team um Zapperi nun für die im Fachmagazin „Nature“ erschienene Studie mit einer aus der Epidemiologie entliehenen Methode versucht. Üblicherweise wird auf diese Weise die Ausbreitung infektiöser Krankheiten untersucht.
Rasante „Ansteckung“
Zuerst wurde auf Basis aller verfügbarer historischen Quellen zur „Grande Peur“ ein Netzwerk von insgesamt 641 Knoten erstellt und – sofern bekannt – Verbindungen zwischen diesen. Die Briefe und Dokumente rund um die „große Furcht“ hatte bereits der französische Historiker Georges Lefèbvre für sein 1932 erschienenes Buch zum Thema („La Grande Peur de 1789“) gesammelt. Das Quellen-Netzwerk wurde außerdem mit damaligen Straßenkarten, Poststationen und diversen demographischen und sozioökonomischen Daten kombiniert, etwa Weizenpreise, Lese- und Schreibfähigkeit oder Besitztum.
Die wichtigsten Ausgangspunkte der kollektiven Angst fanden sich in der Gegend von Nantes, in Maine und in der Region Franche-Comté rund um den 20. Juli. Auch wenn viele Verbindungsstücke fehlen, zeigte sich, dass sich die Gerüchte im Wesentlichen in drei Wellen über das Land ausbreiteten. Tatsächlich fand das Team ähnliche Verbreitungsmuster wie bei einer infektiösen Krankheit mit einer Reproduktionszahl von 1,5; der Höhepunkt war am 30. Juli erreicht. Danach gingen die Aufzeichnungen abrupt zurück, die letzte stammt vom 6. August. Das lege nahe, dass die offizielle Beschneidung der Feudalrechte am 4. August eine weitere Ausbreitung der „großen Furcht“ gestoppt hat.
Laut den Autoren und Autorinnen verbreiteten sich die Gerüchte entlang von Straßen mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 45 Kilometern pro Tag – damalige Kutschen schafften etwa 110 bis 160 Kilometer am Tag. 40 Prozent der Netzwerkknoten fanden sich in der Nähe von Poststationen.
Demographische Faktoren
Wie Zapperi und Co. in ihrer Arbeit schreiben, gibt es Berichte zur „großen Furcht“ zwar aus sehr vielen Orten, aber bei Weitem nicht aus allen. Laut der Analyse dürfte die Bevölkerungsdichte bei der Verbreitung eine Rolle gespielt haben; in großen, dicht besiedelten Städten hatten die Gerüchte demnach bessere Chancen. Auch die Schreib- und Lesefähigkeiten waren Faktoren – dort, wo besonders viele Menschen lesen und schreiben konnten, fiel die kollektive Angst anscheinend auf einen fruchtbareren Boden.
Beide Details widersprechen Anhängern der rein emotionalen Erklärungen rund um das Massenphänomen: Diese gingen bisher davon aus, dass sich die Gerüchte besser in dünn besiedelten Gebieten, wo nicht so viele Menschen lebten, verbreiten konnten, und dass Analphabetismus die Leichtgläubigkeit förderte.
Schriftliche Nachrichten
Laut der aktuellen Analyse war die „große Furcht“ dort wahrscheinlicher, wo die Landbesitzer Papiere brauchten, die ihr Eigentum bescheinigen – das heißt im Umkehrschluss: Nur dort ist es auch sinnvoll, die Papiere zu vernichten, wie es dann bei den Bauernaufständen auch tatsächlich geschah. Einen gewissen Einfluss scheinen auch die schlechten Ernten und die steigenden Weizenpreise gehabt zu haben.
Häufiger betroffen waren zudem Gegenden, wo das Durchschnittseinkommen eher hoch war und die Besitztümer in wenigen Händen lagen. Zusatzanalysen aus einer bestimmten Region zeigen, dass die Informationen mehrheitlich durch offizielle schriftliche Nachrichten und Kuriere verbreitet wurden als rein mündlich. Die Presse spielte vermutlich keine Rolle, die war laut den Forschern und Forscherinnen damals noch zu langsam. Auch illegale Verbreitungskanäle seien nicht sehr wahrscheinlich.
Politisch motiviert
All diese Faktoren zeichnen laut Zapperi und seinem Team ein Bild, das so gar nicht zu einem irrationalen, nur auf Gefühlen basierendem Furor passt. Auch wenn die Zeiten bestimmt emotional aufgeladen waren, spreche vieles dafür, dass es politisch motivierte Handlungen waren bzw. ein Verhalten, das als Reaktion auf das ungerechte Feudalsystem gesehen werden kann.
Der Aufstand habe zu einem Systemwandel in extrem ungerechten Zeiten beigetragen. Wenn die Menschen wirklich völlig ohne Sinn und Verstand gehandelt hätten, wäre die kollektive Angst nicht so schnell wieder abgeebbt, nachdem die politischen Ziele erreicht waren. Das bestätige frühere Analysen, wonach echte Bedrohungen wie der Verlust von Land und Nahrung damals entscheidender waren als die irrationalen Ängste vor marodierenden Banden.