Wie retten wir die Welt, Herr Piketty? Indem wir weniger arbeiten!
Die Krisen unseres Planeten sind bewältigbar. Aber nur, wenn die Menschheit künftig weniger arbeitet, weniger konsumiert – und Elon Musks Vermögen wegbesteuert wird, sagt der französische Starökonom Thomas Piketty
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Ungleichheit
Wie retten wir die Welt, Herr Piketty? Indem wir weniger arbeiten!
Die Krisen unseres Planeten sind bewältigbar. Aber nur, wenn die Menschheit künftig weniger arbeitet, weniger konsumiert – und Elon Musks Vermögen wegbesteuert wird, sagt der französische Starökonom Thomas Piketty
Interview
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András Szigetvari
Er ist einer der einflussreichsten Ökonomen der Gegenwart und zeichnet nun ein Bild von der Welt, wie sie im Jahr 2100 aussehen kann. Unter der Ägide des Franzosen Thomas Piketty wurde der "Global Justice Report" erstellt. In dem Bericht skizzieren Piketty und sein Team, wie der Wohlstand für alle steigen und der Kampf gegen den Klimawandel gelingen kann.
STANDARD: Wie viel haben Sie diese Woche gearbeitet?
Piketty: Nicht sehr viel. Es ist Urlaubszeit, ich habe zwei junge Töchter. Außerhalb der Sommermonate sind es bei mir 40 bis 45 Stunden in der Woche.
STANDARD: Ich frage, weil eine wichtige Botschaft in Ihrem Global Justice Report lautet: Arbeitet weniger.
Piketty: Historisch betrachtet ist die Zahl der gearbeiteten Stunden enorm gesunken. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im Schnitt 3500 Stunden im Jahr gearbeitet. Global betrachtet liegt die Erwerbsarbeit aktuell bei 2100 Stunden im Jahr. Wir halten es für möglich und erstrebenswert, wenn sich dieser Trend bis zum Jahr 2100 fortsetzt. Für Europa hieße das, die Erwerbsarbeitszeit soll von derzeit 1500 Stunden auf etwa 1000 sinken.
STANDARD: Warum wäre das sinnvoll?
Piketty: Zunächst ist es ein Selbstzweck: Menschen wollen mehr Zeit mit Familie und Freunden verbringen. Das zu ermöglichen, war historisch einer der Gründe für Produktivitätssteigerungen – und dieser Wunsch besteht fort. Der zweite Grund ist das wachsende Bestreben nach Geschlechtergleichstellung, insbesondere bei jungen Menschen. Das gegenwärtige Wirtschaftssystem wird diesem Anspruch nicht gerecht. Hausarbeit ist nach wie vor ungleich verteilt und bleibt meist an Frauen hängen. Das trägt zum starken Geburtenrückgang in Frankreich oder Österreich bei. Viele junge Frauen sagen: Ihr wollt, dass ich zu Hause bleibe und mich um die Kinder kümmere, während mein Mann lange arbeitet und kaum Zeit für Haushalt und Kinder hat? Dann könnt ihr eure Kinder eben selbst bekommen.
STANDARD: In Österreich gab es dazu eine Debatte, nachdem unser Kanzler gemeint hatte, Kindererziehung sei für ihn etwas ganz anderes als Erwerbsarbeit und sollte nicht vergütet werden.
Piketty: Wir müssen über beide Formen der Arbeit sprechen und beides neu verteilen. Im Global Justice Report plädieren wir dafür, dass Männer wie Frauen ihre Erwerbsarbeitszeit reduzieren, wobei Männer einen größeren Anteil an der Hausarbeit übernehmen. Wichtig ist mir auf den dritten Grund einzugehen, warum wir all das vorschlagen. Dieser ist historisch betrachtet neu: Wir müssen unseren materiellen Fußabdruck reduzieren, also den Verbrauch von Gütern und Ressourcen. Dafür ist die Reduktion der Arbeitszeit entscheidend.
STANDARD: Warum?
Piketty: In der Praxis ist Erwerbsarbeit oft mit großem materiellem Verbrauch verbunden. Das können wir uns nicht mehr leisten. Europa erlebt gerade einen der heißesten Sommer, den es je gab. Früher haben die Menschen den Sommer als eine Zeit genossen, in der sie Urlaub machen konnten. Heute haben sie Angst vor Hitzewellen. Wälder brennen. Das hängt unmittelbar mit der Klimakrise zusammen. Europa steckt in einer politischen Sackgasse, weil wir bei unseren bisherigen Versuchen, Umweltprobleme zu lösen, Fragen der Ungleichheit weitgehend ausgeblendet haben – ebenso die Frage der Nachhaltigkeit auf globaler Ebene. Wir müssen berücksichtigen, dass auch die armen Länder des Globalen Südens den Wunsch haben, einen hohen Wohlstand zu erreichen, so wie wir.
STANDARD: Und um aus dieser politischen Sackgasse herauszukommen, hilft es, wenn wir weniger arbeiten?
Piketty: Notwendig ist ein neues Entwicklungsmodell, das auf nachhaltigem Wohlstand für alle Länder basiert. Die Verkürzung der Arbeitszeit ist dabei ein Baustein. Um die Klimakrise zu lösen, reicht die Dekarbonisierung der Wirtschaft nicht aus. Notwendig ist etwas, das wir "Suffizienz" nennen. Wir müssen nicht nur weniger arbeiten, sondern auch den Schwerpunkt vom materiellen zum immateriellen Sektor verschieben: Mehr Beschäftigung in den Bereichen Bildung und Gesundheit und mehr kulturelle Tätigkeiten. Das macht auch Sinn, weil dort die Bedürfnisse der Menschen besonders groß sind. Unser Zugang ist pragmatisch. Wenn jemand mit Yoga, Bücherschreiben oder Klavierspielen sein Geld verdient – also mit Tätigkeiten, die Freude machen und obendrein kaum Ressourcen verbrauchen –, gibt es keinen Grund, die Arbeitszeit zu verkürzen.
STANDARD: Im Kern geht es also um weniger materiellen Verbrauch. Wer ist bereit dafür?
Piketty: Wenn jeder ein gutes iPhone, einen großen Fernseher und schöne Kleidung hat, muss sich das niemand alle paar Wochen neu kaufen. Auch in reichen Ländern wird es weiterhin ein gewisses materielles Wachstum geben. Aber irgendwann muss dieses Wachstum an seine Grenzen stoßen. Dafür braucht es einen kulturellen Wandel. Wir haben berechnet, was geschieht, wenn wir den Anteil des materiellen Sektors in unserer Wirtschaft nicht reduzieren. Die globale Erwärmung würde dann bis zum Ende des Jahrhunderts auf über vier Grad steigen. Das bedeutet, dass die heurige Hitzewelle im Rückblick geradezu kühl erscheinen wird.
STANDARD: Sie sagen, wir können unseren Wohlstand vermehren und weniger arbeiten. Wie kann das zusammengehen?
Piketty: Möglich wird das durch Produktivitätswachstum. Es hat sich zwar verlangsamt, aber auf lange Sicht summieren sich auch kleine Produktivitätssteigerungen. Selbst 0,8 oder ein Prozent pro Jahr ergeben über 75 oder 100 Jahre einen erheblichen Zuwachs.
STANDARD: Gerade feiern in Europa rechte Parteien Wahlerfolge, die den menschengemachten Klimawandel leugnen oder Maßnahmen dagegen ablehnen. Ziehen die Menschen bei Ihrem Modell überhaupt mit?
Piketty: Ich glaube nicht, dass die Menschen, die für rechte Parteien stimmen, fordern, dass jeder 100 iPhones besitzen muss. Die rechten Parteien in Europa sind heute nicht mehr so sehr konsumorientierte und produktivistische Parteien. Sie sind vielmehr grundsätzlich migrationsfeindlich. Ich kann verstehen, woher das kommt. Aber selbst aus der Perspektive eines Menschen, der Angst vor Migration hat, glaube ich, dass die einzige wirkliche Antwort sein kann, Entwicklung zu ermöglichen. Wenn Afrikas Bevölkerung im 21. Jahrhundert enorm wächst und wir keinen Plan haben, dort Wohlstand zu schaffen und ihn zwischen Nord und Süd gerechter zu teilen, wird der Migrationsdruck irgendwann nicht mehr zu bewältigen sein.
STANDARD: Warum sind dann rechte Parteien so erfolgreich?
Piketty: Ein Grund ist, dass auf der anderen Seite des politischen Spektrums lange dieselbe Art von neoliberaler, unternehmensfreundlicher Politik verfolgt wurde. Wir haben den Menschen in praktisch jedem Land vermittelt, dass nur eine Form der Wirtschaftspolitik möglich ist. Aber das war weder sehr erfolgreich, noch glauben das die Menschen heute. Wenn die einzige Alternative dazu eine nationalistische, migrationsfeindliche Politik ist, dann ist das wirklich deprimierend. Denn keine der beiden Seiten wird unsere Probleme lösen. Deshalb ist es so wichtig, die Diskussion zu öffnen und über Alternativen zu sprechen.
STANDARD: Zu diesen Alternativen zählt ihr Vorschlag, einen globalen Fonds einzurichten, der mit hunderten Milliarden Euro jedes Jahr die Klimainvestitionen und Investitionen in Bildung finanziert. Dafür fordern Sie hohe Vermögenssteuern für Milliardäre und Multimillionäre. Jemand wie Elon Musk würde einen Großteil seines Vermögens verlieren. Was sagen Sie Leuten, die meinen: Wir brauchen solche Genies und ihren Erfindungsgeist?
Piketty: Ich glaube nicht, dass nach dem, was im vergangenen Jahr passiert ist, noch viele an Musks Genialität glauben. Das ist doch ein Witz: Die Vermögenskonzentration auf Ebene der Milliardäre hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten verzehnfacht. Das Produktivitätswachstum ist in der gleichen Zeit zurückgegangen. Wenn es also tatsächlich so wäre, dass mehr Macht und Vermögen für die Genies dieser Welt die globale Produktivität steigern, dann müssten wir das sehen. Tun wir aber nicht. Das führt zu einer anderen Frage: Warum ist die amerikanische Politik so nationalistisch und ausländerfeindlich geworden? Und warum hat sich die Republikanische Partei von jener eines Ronald Reagan zu jener von Donald Trump entwickelt? Weil der Optimismus der Reagan-Zeit in Bezug auf Wachstum nicht aufgegangen ist. Reagans Versprechen war: Wir werden mehr Ungleichheit haben, aber das ist kein Problem, weil die Einkommen aller steigen werden. Der Wohlstandskuchen wird größer. Genau das ist nicht passiert. Die mittleren Haushaltseinkommen in den USA stagnieren. Und deshalb ist die Republikanische Partei zunehmend nationalistisch geworden, indem sie dem Rest der Welt die Schuld gibt – den Ausländern, den Chinesen, Mexiko, Europa, eigentlich allen –, die angeblich den hart arbeitenden Amerikanern das Geld wegnehmen. Deshalb wurde der Neoliberalismus durch einen Neo-Nationalismus ersetzt. Das Problem ist nur: Auch der Neo-Nationalismus wird nicht funktionieren. (András Szigetvari, 22.8.2026)
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