Wie Gadi Eisenkot Benjamin Netanjahu von der Macht verdrängen will
Israel Wie Gadi Eisenkot Benjamin Netanjahu von der Macht verdrängen will Der Chef der Partei "Geradeaus" will die Ära des israelischen Langzeitpremiers, der "ungeeignet für jede öffentliche Funktion" ...
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Wie Gadi Eisenkot Benjamin Netanjahu von der Macht verdrängen will
Der Chef der Partei "Geradeaus" will die Ära des israelischen Langzeitpremiers, der "ungeeignet für jede öffentliche Funktion" sei, bei der Wahl im Oktober beenden
Maria Sterkl
Klimaanlage gegen Saunahitze: Es steht 0:1. Der Saal im Zentrum Jerusalems ist so vollgepackt, dass jedes noch so gute Kühlgerät schlapp machen muss. Nur die Hälfte der Leute hat einen Sitzplatz, der Rest steht – und blockiert die Sicht. "Hey du, beweg dich!", ruft ständig jemand. "Wir sehen hier doch gar nichts!"
Vorne auf der Bühne steht der Star der Stunde: Gadi Eisenkot. Der 66-Jährige will neuer Regierungschef werden und die lange Ära von Benjamin Netanjahu bei der Wahl am 27. Oktober beenden. Und alle Umfragen geben ihm dafür gute Chancen.
"Das erste, was ich als Regierungschef tun werde, ist, eine staatliche Untersuchungskommission zum 7. Oktober einzusetzen!", verspricht Eisenkot – und die Menge klatscht begeistert.
Es sagt viel über den Zustand Israels aus, dass man dafür bejubelt wird, das schwerste Massaker der Geschichte des Staates aufklären zu wollen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Der Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 ging auch mit einem Versagen des Militärs, der Geheimdienste und der politischen Führung einher.
"Geradeaus"
Doch Netanjahu hat eine unabhängige Aufklärung bis heute stur verweigert. Eisenkot will die Wende einleiten. Dafür hat der frühere Generalstabschef eine neue Partei gegründet. Parteinamen sind selten originell, in Israel pflegt man eine Vorliebe für Adverbien. Eine Liste hieß "Vorwärts", eine andere heißt "Zusammen" – und jetzt gibt es eben: "Geradeaus", die Partei von Eisenkot.
Als "gerade" und "authentisch" wird der Parteigründer selbst von seinen langjährigen Wegbegleitern beschrieben. Der Mann mit dem Teddybär-Lächeln macht keine großen Versprechungen, die er nicht halten kann. Nach dem großmäuligen Netanjahu, der selbst in der eigenen Partei als unzuverlässiger Taktiker bekannt ist, scheint das genau das zu sein, wonach sich viele in Israel sehnen.
Eisenkots Partei hat die ewige Nummer eins, Netanjahus Likud-Partei, in Umfragen überholt. Auf die Frage, wen von den beiden sie für besser geeignet halten, Israels Regierungschef zu sein, sagen 38 Prozent Netanjahu – und 49 Prozent Eisenkot, wie eine Umfrage der Zeitung Maariv ergab.
Eisenkot gelingt ein schwieriges Kunststück: Seine Fans sehen ihn als starke Führungsfigur – und zugleich als einen wie Du und Ich. Das liegt auch an einer geschickten Kampagne: Eisenkot zeigt sich immer wieder als 19-jährigen Soldaten der Golani-Brigade. Er war ein einfacher Kämpfer, Netanjahu hingegen gehörte einer Eliteeinheit an – wenn er nicht gerade in den USA an der Eliteuni studierte.
"Anti-Netanjahu"
Nicht ohne Grund wird Eisenkot oft als "Anti-Netanjahu" beschrieben. Hier Netanjahu, Sohn von Einwanderern aus Europa, der Vater Universitätsprofessor. Da Eisenkot, Sohn marokkanischer Immigranten, der im südisraelischen Eilat aufwuchs.
Während Netanjahus Söhne im Gazakrieg nicht als Reservisten einrückten, verlor Eisenkot an der Front seinen 25-jährigen Sohn Gal und zwei Neffen. Auf dem Begräbnis seines Sohnes versprach er ihm, dass er alles tun werde, um dieses große Opfer am Staat Israel zu würdigen.
Auch an diesem Abend erwähnt Eisenkot diesen Verlust. "Es war ein hoher Preis, den wir als Gesellschaft und auch wir in meiner Familie bezahlt haben", sagt er über den längsten Krieg in der Geschichte Israels.
Was den Umgang mit der Hamas, der Hisbollah und dem Iran betrifft, trennt Eisenkot und Netanjahu nicht viel. "Erst muss die Hamas entwaffnet sein, dann ziehen wir uns aus Gaza zurück", sagt er. So formuliert das auch Netanjahu.
Durch und durch Militarist
Im zweiten Libanonkrieg entwarf er eine Strategie der völligen Zerstörung schiitischer Dörfer. Diese Doktrin sollte später Einzug in die allgemeine Frontstrategie der israelischen Armee finden – auch im Gazakrieg.
Eisenkot ist durch und durch Militarist. Für Israels Schulen wünscht er sich, dass junge Menschen dort lernen, "das Ethos der Armee anzuerkennen". Sein Lieblingsthema sind die rund 90.000 Ultraorthodoxen, die den Wehrdienst verweigern. Eisenkot fordert, dass alle jungen Israelis entweder Wehrdienst oder Zivildienst leisten – auch israelische Araber, die ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen.
In Israel heißt es immer wieder, Eisenkot fehle es an Charisma. In Israels Geschichte waren es aber oft solche Politiker, die am meisten bewegten – etwa Jitzchak Rabin. Eisenkot selbst ist eher kein Politiker, der eine politische Lösung mit den Palästinensern herbeiführen wird. "In 66 Jahren habe ich nie das Wort Palästinenserstaat verwendet", sagt er. Zugleich stellt er klar, dass eine Annexion des Westjordanlandes "gefährlich" für Israel wäre, zuletzt hatten sieben Staaten Israel aufgefordert, Pläne für das umstrittene Siedlungsprojekt E1 zurückzunehmen. Was also statt "zwei Staaten" oder "ein Staat"? Eisenkot legt sich nicht fest.
Im Jerusalemer Saal gibt es einen Zuhörer, den all diese vage Offenheit stutzig macht: "Woher soll ich wissen, ob Sie nicht erst recht wieder mit Netanjahu koalieren?" Eisenkot, schon verschwitzt und müde, wird plötzlich wach: "Netanjahu ist der Ministerpräsident des 7. Oktober", sagt er scharf. "Er ist ungeeignet für jede öffentliche Funktion." (Maria Sterkl aus Jerusalem, 22.8.2026)
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