Wer sind die Neos? Nach Denglers Rauswurf stellt sich die Partei diese Frage wieder
Stephanie Krisper, Veit Dengler, Beate Meinl-Reisinger, Gerald Loacker, Matthias Strolz (von links nach rechts): Fünf – auf ganz unterschiedliche Art und Weise – prägende Persönlichkeiten in der Parteigeschicht...
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Am Montagvormittag wird es offiziell. Veit Dengler hat einen Termin mit dem Nationalratsdienst. Der 57-Jährige bekommt dort ein fünfseitiges Dokument ausgehändigt. "Leitfaden für Abgeordnete ohne Klubzugehörigkeit" steht am Deckblatt. Dass er allein keine Anfragen an die Bundesregierung mehr schreiben kann, liest Dengler darin, dass er aus allen Fachausschüssen geflogen ist, dass er für inhaltliche Anträge die Unterschriften anderer Abgeordneten braucht. Bumm.
Weniger als 72 Stunden zuvor wurde Dengler aus dem Neos-Parlamentsklub und später auch aus der Partei geschmissen. Akuter Auslöser war, dass Dengler eine Klubsitzung aufzeichnete. Offen, sagt er. Geheim, sagen die Neos. "Das Vertrauen seiner Klubkolleg:innen", schreiben die Neos wenig später in einer Aussendung, sei "letztlich endgültig zerstört" worden. Ihr Co-Gründer ist damit raus.
Für die einen ist das eine Lappalie, na gut, hat die Partei halt ein Mandat weniger. Für andere ist es ein Zeichen: Die Neos schmeißen einen Gründer raus, die Neos hätten sich von sich selbst entfremdet. Und es wäre nicht das erste. DER STANDARD zeichnet Momente nach, bei denen sich die Neos fragen mussten: Wer sind wir eigentlich?
Oktober 2011, Bäckerei Anker, Wien Liesing: Gründung
Weit hinten im Café der Bäckerei Anker im 23. Wiener Bezirk sind Veit Dengler und Matthias Strolz gesessen und haben es beschlossen: Sie gründen eine Partei. So erzählt es Dengler heute. Im Kaffeehaus sammeln die beiden Namen von potenziellen Mitstreiterinnen und Mitstreitern – die heutige Parteichefin Beate Meinl-Reisinger ist da schon dabei. Einige Monate später laden die Gründer per Mail zu einer Klausur. Codename für das Projekt: Phönix.
Eine inhaltliche Richtung geht aus der Einladung überhaupt nicht hervor: "Wir wollen etwas verändern in der politischen Landschaft" steht da, oder als Leitfrage: "Welche Antwort formulieren wir für die Welt, die die Welt hören will?" Bildung, Systemwandel, Unternehmertum – das sind Schwerpunkte, die erst später zum Markenkern der Neos wurden. Zu Beginn wollten die Gründerinnen und Gründer einfach nur: Bewegung.
7. Mai 2018, Presseclub Concordia: Matthias Strolz tritt zurück
Matthias Strolz sagt am Podium des Presseclub Concordia, er habe im Laufe des Jahres Klarheit darüber erlangt, dass er nicht mehr Parteichef sein möchte. Beate Meinl-Reisinger, so wird in ihrem Umfeld erzählt, sei "ehrlich überrascht" gewesen, als Strolz ihr seinen Rücktritt ankündigte.
Mit Strolz' Abgang wurde auch der Weg frei, um der Ideologie der Neos einen klaren Namen zu geben. Strolz lehnte das Label "liberal" ab, das klang zu sehr nach einer Partei unter vielen, wo es den Neos doch um Fortschritt und Vernunft und Pragmatismus ging. Der Widerstand dagegen hatte zwar schon länger gebröckelt, aber jetzt war an der Spitze niemand mehr, der mit der Überschrift fremdelte.
Strolz sagte bei seiner Pressekonferenz auch einen Satz, der schlecht altern sollte: "Mit der Salzburg-Wahl vor gut zwei Wochen haben wir unsere Startup-Phase erfolgreich abgeschlossen." Strolz konnte damals noch nicht wissen, dass die Salzburger Neos fünf Jahre später wieder aus dem Landtag fliegen würden. Bis heute kämpft die Partei mit Relevanz und Strukturen am Land. In Kärnten gibt es heute drei pinke Ortsgruppen, in Salzburg fünf.
20. Jänner 2022, Parlament: Der Nationalrat beschließt eine Impfpflicht
Die Neos hätten sich nie überlegt, ob sie eine – für österreichische Verhältnisse – liberale Partei sein wollen, die um die zehn Prozent erreicht und dafür ihre Prinzipien nie aufgibt. Oder ob sie sich breiter und anschlussfähiger aufstellen wollen – als neue, sauberere Volkspartei. So analysiert es ein ehemaliges Vorstandsmitglied im STANDARD-Gespräch. In der Pandemie sei dieser Konflikt schließlich offen zutage getreten.
Damals steht die damalige Neos-Klubobfrau Beate Meinl-Reisinger an der Seite des damaligen grünen Gesundheitsministers Wolfgang Mückstein und verkündet: Die Neos stimmen der allgemeinen Covid-Impfpflicht zu. Teile der Partei fühlen sich davon immer noch überfahren. Vier Abgeordnete stimmten gegen das Gesetz, Meinl-Reisinger hatte nicht einmal den damaligen Neos-Pandemiesprecher, Gerald Loacker, an Bord. Er sagte später in einem STANDARD-Interview, "dass die Impfpflicht-Geschichte der liberalen Erzählung (...) geschadet hat".
3. Jänner 2025, Parteizentrale: Die Neos steigen aus den Koalitionsverhandlungen aus
Veit Dengler ist am Skifahren, als der Erweiterte Parteivorstand eilig zu einer Sitzung lädt, als er in einem Gasthaus am Berg erfährt, was Parteichefin Meinl-Reisinger wenige Stunden später auf einer Pressekonferenz verkünden wird: Die Neos steigen aus den Koalitionsverhandlungen mit ÖVP und Sozialdemokraten aus.
"Kurzsichtigkeit" habe sie geortet, bei den anderen Parteien, "Reformverweigerung" verspüre sie, sagt Meinl-Reisinger, und macht damit in einer langen Rede klar: Die Neos geben den Traum vom Regieren auf. Verantwortung: ja. Aber nicht um jeden Preis.
21. Februar 2025, Bundeskanzleramt: Die Neos verhandeln wieder
Nach dem Scheitern der Gespräche mit FPÖ-Chef Herbert Kickl und dem Wiederzusammenfinden mit der SPÖ ruft Christian Stocker erneut Meinl-Reisinger an. Er sagt ihr, dass die Verhandlungen gut laufen würden, dass ÖVP und SPÖ aber einen dritten Partner brauchen. Meinl-Reisinger stimmt zu, wieder zu verhandeln.
Eine Einbahnstraße in die Regierungsverantwortung. "Ein zweites Mal steht man nicht auf", das war damals schon allen klar, berichten mehrere informierte Menschen. Die Linie der Parteiführung war klar: Diesmal machen die Neos mit.
Die Vorstandsmitglieder bekommen Listen von Mitgliedern, die sie durchtelefonieren und von der Koalition überzeugen sollen. Und schließlich stimmen 94 Prozent der Mitglieder dafür. Die Partei weiß, dass sie in den nächsten Jahren einiges schlucken wird müssen; aber nach der zähen Oppositions-Zeit könnte man auch endlich etwas weiterbringen, so die Hoffnung.
10. Oktober 2025, vor dem Parlament: Es wird zu viel
Als Meinl-Reisinger Außenministerin wird, rechnen viele damit, dass Partei-Urgestein Nikolaus Scherak den Posten des Klubchefs übernimmt. Doch daraus wird nichts. Offiziell winkt Scherak ab, weil er als Klubobmann nicht mehr nebenbei arbeiten dürfte. In den Wochen und Monaten danach wird aber auch klar, dass sich Scherak wohl oft schwer getan hätte, die Regierungslinie im Klub zu vertreten.
So stimmt er gegen die Überwachung von verschlüsselten Chats ("Messenger-Überwachung") oder stellt sich öffentlich gegen Sepp Schellhorn. Bei der Abstimmung über die neuen Social-Media-Regeln für Regierungsmitglieder geht er aus dem Saal. Scherak wird in Grundsatzfragen zur innerparteilichen Opposition.
Wer das nicht sein möchte: Stephanie Krisper. Am Morgen des 10. Oktober 2025 stellt sie ein Rücktrittsvideo auf Instagram, selbst aufgenommen, vor dem Parlamentsgebäude, im Hochformat, mit dumpfem Ton. Die "Messenger-Überwachung", der Stopp der Familienzusammenführung – sie könne da nicht mehr mit. Und tritt ab.
Die Neos müssen sich fragen: Haben wir uns von Scherak und Krisper entfernt – oder sie sich von uns?
10. Juli 2026, Parlament: Dengler ist raus
Es gibt zwei Versionen darüber, welchen Zweck die Klubsitzung nach dem letzten Plenartag im Juli gehabt hat. Die Neos sagen, Dengler hätte noch einmal verwarnt werden sollen, nachdem er kurz zuvor unangekündigt gegen ein Budgetkapitel stimmte. Dengler glaubt: Sein Rausschmiss aus Klub und Partei sei da schon geplant gewesen. Schließlich sei er schon wenige Minuten nach der Sitzung von seinem Outlook-Konto ausgesperrt gewesen.
Alle hätten sehen können, dass er das Gespräch mit seinen Parteikolleginnen und Parteikollegen aufnahm, beteuert Dengler. Die Neos hingegen sagen: Dengler habe die Aufnahme heimlich gemacht. Der Kärntner Abgeordnete Janos Juvan habe das bemerkt und darauf hingewiesen. Dengler verteidigte sich und löschte die Aufnahme, um die Wogen zu glätten – aber da war es schon zu spät. Meinl-Reisinger sei laut geworden, aus dem Raum gegangen, wieder hineingekommen. Dann sei es sehr schnell zum Ausschluss gekommen. Justizsprecherin Sophie Wotschke habe Dengler auch gefragt, ob er die Aufnahme auch aus dem "Gelöscht"-Ordner entfernt und damit endgültig eliminiert habe – Dengler gab der technisch versierten Chefin der Parteijugend sein Handy. Wotschke drückte den Knopf.
Am Montag erhielt Dengler von der Parlamentsdirektion dann den "Leitfaden für Abgeordnete ohne Klubzugehörigkeit." Am Mittwoch holte er seine Sachen aus dem Klub. Dengler ist weg. Die Identitätsfrage bleibt. (Sebastian Fellner, Maximilian Werner, 18.7.2026)