„Wenn Eltern abdanken“: Verhalten von Mutter in H&M-Umkleide löst Diskussionen aus

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„Wenn Eltern abdanken“: Verhalten von Mutter in H&M-Umkleide löst Diskussionen aus

Stand: 21.08.2026, 20:30 Uhr

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Eine Frau ärgert sich über eine Mutter, die sich nicht bei ihr für das Verhalten ihres Kindes entschuldigt. Wie weit darf bedürfnisorientierte Erziehung gehen?

Frankfurt – „Mir ist gerade das absolute Horrorszenario passiert und eventuell werde ich jetzt für dieses Video den absoluten Backlash von der Mütter-Mafia bekommen, aber um ehrlich zu sein, ist es mir einfach egal“, sagt eine junge Frau namens Marie (@znowhite) in einem TikTok-Video. Sie erzählt, dass sie an einem Samstag bei H&M gewesen sei und es dort entsprechend voll gewesen sei. Sie habe neue Bikinis gebraucht und sich mit einigen zur Auswahl in eine Umkleidekabine begeben.

Mutter mit Kind in Klamottengeschäft

Ein Vorfall in einem Umkleidebereich hat Diskussionen über bedürfnisorientierte Erziehung ausgelöst. (Symbolbild) © Depositphotos/IMAGO

„Beim zweiten Bikini hatte ich gerade das Unterteil an, obenrum war ich splitterfasernackt, da kommt ein kleiner vierjähriger Junge und reißt meinen Vorhang auf – und alle Leute, die da in der Umkleide standen, haben meine Brüste gesehen“, erzählt sie. „Ich konnte gar nicht so schnell schalten, habe natürlich sofort wieder den Vorhang zugemacht und bin im Erdboden versunken.“ Der springende Punkt sei, dass die Mutter sich nicht bei ihr für das Verhalten ihres Kindes entschuldigt habe.

„Ich bin fuchsteufelswild“: Frau kritisiert bedürfnisorientiertes Erziehen in Umkleide

Sie habe zu ihrem Sohn gesagt: „‚Schatzi, du weißt doch, wir sind jetzt hier in der Umkleide, da ziehen sich ganz viele Frauen um, da kannst du nicht einfach einen Vorhang aufmachen‘ – so hat sie mit dem geredet, nachdem ich da gerade fünf Minuten Striptease gemacht habe“, ärgert sich Marie. Sie habe Verständnis dafür, dass man seine Kinder bedürfnisorientiert erziehe. „Aber wenn dein Kind meint, es müsste eine Frau in aller Öffentlichkeit entblößen, dann geht man doch hin und entschuldigt sich und setzt sich nicht zu seinem Sohn und tut so, als hätte er jemandem im Sandkasten eine Schippe weggenommen. Ich bin fuchsteufelswild.“

„Der Mutter hätte ich aber was erzählt“, schreibt eine Person in den Kommentaren unter Maries TikTok-Video. „Das ärgert mich gerade wirklich, was ich in diesem Video höre. Ich erziehe meine Kinder selbst so weit wie möglich bedürfnisorientiert. Aber bedürfnisorientierte Erziehung bedeutet nicht, dass sich alles nur um die Bedürfnisse des Kindes dreht. Es geht um die Bedürfnisse aller Beteiligten, also auch um die der Mutter und natürlich auch um die anderer Menschen“, kommentiert eine andere Person. „Genau deshalb hätte man dem Kind hier klare Grenzen setzen und ihm erklären müssen, dass sein Verhalten nicht in Ordnung war. Das lässt sich absolut bedürfnisorientiert und gleichzeitig konsequent vermitteln.“

Erziehungsberater setzt auf Bedürfnisgerechtigkeit statt Bedürfnisorientierung

„Diese ganzen Begriffe wie ‚bindungsorientiert‘ oder ‚bedürfnisorientiert‘ sagen sich so einfach, aber: Stimmt das überhaupt? Meistens denkt man dabei nur an die Kinder – aber wo bleiben eigentlich die Eltern?“, sagt der Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Ich halte es für viel sinnvoller, statt von ‚bedürfnisorientiert‘ von ‚bedürfnisgerecht‘ zu sprechen. Bedürfnisgerechtigkeit bedeutet, dass auch die Bedürfnisse [anderer] berücksichtigt werden.“

Dies beinhalte auch das Setzen klarer Grenzen durch die Eltern, wobei diese laut Rogge nicht mit den Grenzen anderer Bezugspersonen, wie Großeltern, konform sein müssten. „Wenn ein Kind sagt: ‚Das ist gemein!‘, weil Eltern klare Grenzen setzen, dann ist das völlig in Ordnung“, sagt Rogge. Wichtig sei primär, die Bedürfnisse des Kindes zu kennen – genauso wie die eigenen. Und die der anderen Beteiligten, wie die der Frau in der Umkleidekabine. Keines ist wichtiger als das andere – alle verdienen Raum.

„Kinder werden zu kleinen Tyrannen“: Psychiater reagiert auf Erziehung ganz ohne Grenzen

Der Psychiater und Leiter einer Beratungsstelle, Simon Meier, ergänzt: „Bedürfnisse stehen immer in Konkurrenz zueinander.“ Kinder müssten lernen, dass sie „nicht alleine auf diesem Planeten sind und ihre Bedürfnisse auch manchmal aufschieben müssen“. Dafür benötigten sie klare Grenzen, „eine Art Gartenzaun, der ihnen Orientierung und Halt“ gibt, sagt der Experte. „Wenn Eltern chronisch abdanken und ihre Kinder einfach machen lassen, kann es zu Bindungsdesorganisation kommen.“ Die zeige sich dann zum Beispiel daran, dass Kinder „kontrolliert strafendes Verhalten“ zeigen würden. „Die Kinder werden zu kleinen Tyrannen, bestimmen, wer wo zu sitzen hat, wer was anzieht, und schlagen vielleicht auch mal ihre Bindungspersonen“, sagt Meier der Frankfurter Rundschau.

Manche Mütter bereuen extrem bedürfnisorientiertes Erziehen im Nachhinein. Zum Beispiel Jacylin Williams aus den USA. Sie erzählt bei Instagram: „Ich habe gar kein echtes Gentle-Parenting gelebt – ich bin in Permissive-Parenting (dt. nachgiebige Erziehung) abgerutscht, ohne es zu merken.“ Anerkennung von Gefühlen wurde zu Überverarbeitung. Aus Erklärungen endlose Diskussionen. „Meine Erziehung hatte viel Wärme, aber wenig Struktur (das war mir damals nicht bewusst). Und das hat ängstliche, anspruchsvolle und gefällige Kinder hervorgebracht.“ (Quellen: TikTok, Instagram, eigene Recherche)