Wenn Arbeit nur Mühsal und Last bedeutet, will sie niemand: Zeit, einen Begriff neu zu denken
Stocker und sein Sager Wenn Arbeit nur Mühsal und Last bedeutet, will sie niemand: Zeit, einen Begriff neu zu denken Müssen wir mehr arbeiten, und welchen Stellenwert hat Care-Arbeit? In Österreich tob...
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Stocker und sein Sager
Wenn Arbeit nur Mühsal und Last bedeutet, will sie niemand: Zeit, einen Begriff neu zu denken
Müssen wir mehr arbeiten, und welchen Stellenwert hat Care-Arbeit? In Österreich toben derzeit zwei Debatten zur Arbeitszeit. Es wäre lohnend, sie zu verbinden
András Szigetvari Nicolas Dworak
Das Thema Arbeit lässt Österreich nicht los. Diese Woche sorgte der Vorschlag des Chefs der niederösterreichischen Industriellenvereinigung, Kari Ochsner, einen Feiertag zu streichen oder die Regelarbeitszeit um eine Wochenstunde zu verlängern, für Aufregung. Die Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA) warnt vor einem Angriff auf die Rechte der Beschäftigten.
Ochsner begründet seinen Vorschlag damit, dass Österreich internationale Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen müsse und ein Schlüssel darin liege, mehr zu arbeiten.
Sein Vorschlag reiht sich ein in eine lauter werdende Debatte, ob wir Europäer angesichts neuer Herausforderungen mehr leisten müssen. Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas bedrohe zunehmend das Wachstumsmodell exportorientierter Länder wie Deutschland und Österreich. Zugleich sorgt der demografische Wandel dafür, dass das Arbeitskräftereservoir kleiner wird. Ohnehin wird in Europa weniger gearbeitet als in anderen Weltregionen. In Österreich wird deshalb über eine Anhebung des Pensionsantrittsalters diskutiert und die "Lifestyle-Teilzeit" beklagt. In Deutschland zeigen die CDU und namhafte Ökonomen Sympathien dafür, einen Feiertag zu streichen. Wir müssten "mehr und vor allem effizienter" arbeiten, sagt Kanzler Friedrich Merz.
Darf es auch Hingabe im Job sein?
Parallel tobt in Österreich eine Diskussion über die Wertigkeit von Care-Arbeit. Angestoßen hatte sie Kanzler Christian Stocker (ÖVP), als er sagte, Kinderbetreuung sei keine Arbeit. Das erfordere eine Form von Hingabe und solle nicht als ökonomische Transaktion verstanden werden. Später entschuldigte er sich. Doch die Frage bleibt: Wie definieren und teilen wir in unserer alternden Gesellschaft all das auf, was unser Land zusammenhält? Wie bringt man Kinderbetreuung und Arbeit unter einen Hut?
Nun steht es jedem frei, den Begriff Arbeit zu definieren, wie er möchte. Aber in Soziologie, Philosophie und weiten Teilen der Ökonomie besteht kein Zweifel, dass Kindererziehung natürlich Arbeit ist, wenn auch eben keine Erwerbsarbeit. Im Weltbild einer Hannah Arendt etwa war jede Form unmittelbarer Reproduktionstätigkeit Arbeit.
Auf einen interessanten Punkt macht die Politikwissenschafterin Barbara Prainsack aufmerksam. Stocker habe sich bei der Kategorisierung vertan: "Zu sagen, was man mit Liebe und Hingabe mache, sei keine Erwerbsarbeit, entspricht nicht der Realität. Es gibt viel Arbeit, die mit Passion verrichtet wird." Das betrifft jedenfalls Sport, Kultur und kreative Tätigkeiten.
Hier tut sich eine interessante Verbindung der beiden Debatten auf: Wenn wir Arbeit kulturell mit Mühsal, Fremdbestimmung und Last verbinden, ist es logisch, dass Menschen möglichst wenig davon wollen. Ist Arbeit dagegen etwas, das man mit Hingabe, Sinn und Freude macht, sieht die Debatte über Arbeitszeit plötzlich anders aus.
Neue Formen der Arbeit gesucht
Nun kommt die Verbindung nicht von ungefähr, Arbeit ist oft eine Last. Aber es gibt Ideen, Arbeit neu zu denken. Eine davon skizzieren die Politologin Prainsack und AMS-Chef Johannes Kopf in einem Sammelband („Wie wir leben wollen“). Statt allein auf Arbeitszeit zu fokussieren, sollte es darum gehen, die Qualität von Jobs zu steigern und Arbeit als Tätigkeit zu verstehen, mit der ein Beitrag für die Gesellschaft geleistet wird. Statt einer strikten Trennung von Care- und Erwerbsarbeit und einer Konzentration von Letzterer in der Lebensmitte könnten neue Mischformen entstehen.
Über Zeitkonten könnte etwa ein Ausgleich geschaffen werden: Je nach individuellen, familiären und gesellschaftlichen Bedürfnissen würden sich Phasen intensiver Erwerbsarbeit mit Phasen abwechseln, in denen Care-Arbeit im Fokus steht. Eine solidarische Gesellschaft müsste solche Modelle ökonomisch absichern, sagt Prainsack.
Das würde helfen zu verhindern, dass Menschen beim Versuch, Familie und Job unter einen Hut zu bringen, ausbrennen und gar keiner Erwerbsarbeit mehr nachgehen. Dafür wäre auch nicht mit 65 Jahren Schluss. Menschen könnten dann deutlich längere Phasen mit Erwerbsarbeit leisten.
Das Modell würde bedeuten, nicht nur Menschen in Erwerbsarbeit als Leistungsträger zu definieren. Auch Care-Arbeit für andere oder sich selbst, etwa Bildung, würde gesellschaftliche Wertschätzung erfahren. Ebenso Menschen in Berufen, die so hart sind, dass ein 40-Stundenjob nicht möglich ist – etwa in der Pflege. Vielleicht würde dies bestehende Frustrationen reduzieren und damit manche Menschen animieren, in bestimmten Lebensphasen mehr Erwerbsarbeit zu leisten.
Was noch getan werden muss
Die Autoren Jennifer Nedelsky und Tom Malleson rufen in ihrem Buch "Part-Time for All: A care Manifesto" dazu auf, Erwerbs- und Care-Arbeit gemeinsam zu denken. Männer wie Frauen sollten über ihre aktive Lebenszeit hinweg im Schnitt bis zu 30 Stunden bezahlter Erwerbsarbeit in der Woche nachgehen und je 25 Stunden Care-Arbeit leisten. Eine große Umverteilung: Bei Frauen mit einem oder mehreren Kindern unter 15 Jahren liegt die Teilzeitquote in Österreich bei 75 Prozent. Jene der Männer beträgt nur 8,5 Prozent.
Die grundlegendere Frage bleibt aber: Wie viel Erwerbsarbeit brauchen wir überhaupt? Muss es wirklich mehr sein, wie Ochsner fordert? Der Ökonom Thomas Piketty kommt zu einem anderen Schluss: In seinem "Global Justice Report" sinkt die Arbeitszeit in Europa bis zum Ende des Jahrhunderts von heute 1500 auf 1000 Stunden im Jahr. Weniger Erwerbsarbeit soll helfen, Wohlstand innerhalb planetarer Grenzen zu organisieren. Zugleich soll Arbeit stärker von der materiellen Güterproduktion in Bereiche wie Bildung, Gesundheit, Kultur und Freizeit wandern. Die Frage wäre dann nicht mehr nur, wie wir Menschen zum Arbeiten bringen, sondern: Welche Arbeit wollen wir überhaupt noch verrichten? (András Szigetvari, Nicolas Dworak, 22.8.2026)
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