Riskante Rettungsmission im All: NASA kämpft um Swift

Seit mehr als zwanzig Jahren schlägt das NASA-Teleskop Swift Alarm, wenn irgendwo im Weltraum die energiereichsten Explosionen aufleuchten. Nun ist der Satellit aber selbst zum Notfall geworden: Seine Umlaufbah...

  • 4 min read
Riskante Rettungsmission im All: NASA kämpft um Swift

Seit mehr als zwanzig Jahren schlägt das NASA-Teleskop Swift Alarm, wenn irgendwo im Weltraum die energiereichsten Explosionen aufleuchten. Nun ist der Satellit aber selbst zum Notfall geworden: Seine Umlaufbahn sinkt, und ohne Hilfe wird er unkontrolliert in die Erdatmosphäre eintreten und verglühen. Ein amerikanisches Raumfahrtunternehmen soll Swift deshalb mit einem Raumschlepper retten.

Die Sonne ist schuld

2004 beförderte die NASA das Teleskop auf eine Erdumlaufbahn in etwa 600 Kilometer Höhe, um sogenannte „Gamma-Ray Bursts“ (Gammablitze) zu detektieren. Solche Ausbrüche extrem energiereicher elektromagnetischer Strahlung entstehen durch Ereignisse wie das Verschmelzen zweier Neutronensterne.

„Brightest Of All Time“ – Aufnahmen des Swift-Teleskops vom Nachglühen des Gammablitzes GRB 221009A im Jahr 2022
„Brightest Of All Time“ – Aufnahmen des Swift-Teleskops vom Nachglühen des Gammablitzes GRB 221009A im Jahr 2022NASA/Swift/A. Beardmore (University of Leicester)

Doch nun verliert das nach dem im Jahre 2017 verstorbenen Missionsleiter Neil Gehrels benannte Observatorium an Höhe. Das ist ein Schicksal, das vielen Satelliten im niedrigen Erdorbit irgendwann einholt. Denn bis dorthin reichen die Ausläufer der Erdatmosphäre, überaus dünne Luft, welche die dort kreisenden Satelliten allmählich ausbremst. Allerdings beschleunigte sich der Prozess zuletzt: Im Laufe ihres elfjährigen Aktivitätszyklus erreicht die Sonne momentan ein Maximum, was bereits 2024 zu intensiven Weltraumwetter-Ereignissen führte. Da diese stärker waren als erwartet, dehnte sich die Erdatmosphäre in einem größeren Umfang aus und erhöhte den Luftwiderstand auf das Weltraumteleskop. Aktuell befindet sich Swift auf einer Höhe von etwa 360 Kilometern über der Erdoberfläche.

Doch noch immer liefert Swift für die Astronomen wertvolle und vor allem vielseitige Daten. Ein Verlust des Satelliten würde die Beobachtung der „Gamma-Ray Bursts“ erschweren. Auch finanziell ist Swift nicht leicht zu ersetzen: Bau und Inbetriebnahme kosteten rund 500 Millionen Dollar.

Kostengünstige Rettung

Deshalb hat die NASA eine ungewöhnliche Rettungsmission im September 2025 in Auftrag gegeben. Für 30 Millionen Dollar soll das Start-up-Unternehmen Katalyst Space Technologies Swift wieder auf eine höhere Umlaufbahn befördern. „Dies ist keine Mission mit hundertprozentiger Erfolgsgarantie“, sagt der Tech-CEO Ghonhee Lee in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. „Von NASA bis zu Katalyst ist allen klar, dass dies ein hohes Risiko mit hohem Gewinnpotential birgt.“

Binnen neun Monaten entwickelte und testete die Firma ihr robotisches Raumfahrzeug LINK und integrierte es anschließend in das Trägersystem. „Eine normale Mission dieser Art hätte wahrscheinlich fünf Jahre Vorbereitungszeit in Anspruch genommen“, sagt Lee. Eine Herausforderung war unter anderem die Entwicklung des Andockmechanismus: „Wir wissen nicht einmal genau, wie Swift aussieht. Niemand hat Fotos von der Unterseite des Raumschiffs gemacht oder verfügt über aktuelle Informationen.“

NASA-Satellit Swift am Kennedy Space Center vor dem Start im Jahr 2004
NASA-Satellit Swift am Kennedy Space Center vor dem Start im Jahr 2004AFP

Zumindest lässt sich die Lage von Swift aktiv steuern. Das Unternehmen hofft daher, am Boden des Satelliten Flansche anbringen und mit diesen LINK andocken zu können. Erprobt haben sie das mit einem maßstabsgetreuen Modell des Teleskops.

Nach zwei wetterbedingten Startabbrüchen und einem technischen Problem der Trägerrakete, startete LINK erfolgreich am 3. Juli vom Atoll Kwajalein in den Marshallinseln in die Erdumlaufbahn. Das Ziel der Mission ist, dass der 425 Kilogramm schwere Raumschlepper den Forschungssatelliten auf seine ursprüngliche Erdumlaufbahn befördert.

Derzeit testet LINK im Orbit seine Sensoren, Antriebs-, Navigations- und Robotiksysteme. Danach soll sich der Schlepper Swift annähern, geeignete Greifpunkte finden und andocken. Gelingt dies, hebt LINK den Satelliten über drei Monate mithilfe seiner Xenon-Ionentriebwerke auf die 600 Kilometer hohe Zielumlaufbahn an. Anschließend kann sich die Sonde abdocken und Swift die Wiederinbetriebnahme angehen.

Ein Vorbild für weitere Missionen

Für die NASA ist diese Mission mehr als nur eine Rettungsaktion. Sollte dieses Manöver glücken, wäre das ein Nachweis dafür, dass man auch anderen Satelliten „ein zweites Leben schenken“ könne. Neben den wirtschaftlichen Vorteilen könnten Raumfahrzeuge auf diesem Wege zukünftig gewartet oder gar repariert werden.

Auch von Seiten der Firma Katalyst darf es zukünftig gerne mehr solcher Orbitalmanöver geben: „Unser Ziel ist es, Hunderte von robotischen Raumfahrzeugen, genau wie LINK, in der Umlaufbahn zu haben, die ständig zwischen der erdnahen Umlaufbahn und dem Mond manövrieren“, sagte der Firmenmanager Lee gegenüber Reuters.

Zuerst aber muss LINK das Rendezvous mit Swift tatsächlich durchführen. Ob aus dem Raumschlepper ein Wegweiser für weitere Missionen wird, entscheidet sich mit dem Erfolg dieses Satelliten.