Darja Varfolomeev: Weltmeisterin im Mehrkampf bei Heim-WM
Im Finale im Mehrkampf der Rhythmischen Sportgymnastik ist die Favoritin plötzlich eine Verfolgerin. Doch Darja Varfolomeev hält dem immensen Druck stand. Der Hype um sie ist bei der Heim-WM gewaltig.
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Rund um die Frankfurter Festhalle ist Darja Varfolomeev an diesem Freitagnachmittag eigentlich überall. Auf den Plakaten der vor allem jungen Fans, in den Gesprächen der Kinder ist ihr Name allgegenwärtig. Viele der jungen Besucherinnen sind offenbar selbst Gymnastinnen. Sie kommen in Trainingsjacken, posieren wie eine Athletin. Sogar aus den Lautsprechern der Frankfurter S-Bahn ertönt „Daschas“ Stimme: „Hier ist Olympiasiegerin Darja Varfolomeev. Nächster Halt: Messe. Viel Spaß bei den Weltmeisterschaften in der Rhythmischen Sportgymnastik“.
Varfolomeev ist das Gesicht dieser Heim-WM. Nicht zuletzt wegen ihrer Titel, sie wurde 2023 Weltmeisterin im Mehrkampf, verteidigte den Titel 2025 und gewann dazwischen in Paris Olympia-Gold. Was sie für den Nachwuchs ihrer Sportart bedeutet, ist in diesen Tagen vor der Festhalle nicht zu überhören. Für die vielen jungen Mädchen ist Varfolomeev ein Vorbild, für den Veranstalter das Zugpferd und für die Konkurrenz die Frau, die es zu schlagen gilt.
In der Festhalle, rund um die 13 mal 13 Meter große Wettkampffläche, ist es laut. Und als Darja Varfolomeev in der zweiten Finalgruppe diese zum ersten Mal an diesem Tag betritt, wird es nochmal lauter. Der F.A.Z. hatte sie nach der Qualifikation erzählt, dass sie das Publikum wegen ihrer Konzentration während der Übungen nicht höre. Die Unterstützung spüre sie dennoch. „Man will noch mal das Beste zeigen, man will noch mal etwas drauflegen, man will die Zuschauer begeistern, weil die für dich da sind.“
Ihr Auftaktgerät ist der Reifen. Kurz vor dem Ende der Übung greift sie danach und fasst zunächst ins Leere. Der Reifen gleitet an ihrer Hand vorbei. Varfolomeev greift sofort nach und bringt ihn im zweiten Versuch unter Kontrolle. Ein Raunen zieht durch die Festhalle. Sie turnt weiter, als sei nichts geschehen. Wenig später endet die Musik. Dann erscheint die Wertung: 28,300 Punkte. Mehr als zwei Punkte fehlen auf die beste Reifenübung des Finales. Damit liegt die 19-Jährige nach der ersten Rotation auf Rang zehn unter 18 Athletinnen. Die Favoritin ist plötzlich eine Verfolgerin.
Nach der Ballwertung zurück im Titelrennen
Sie habe vor der Ballübung gewusst, wird Varfolomeev nach dem Finale sagen, dass sie die gesamte Schwierigkeit zeigen müsse, wenn sie noch um die ersten drei Plätze kämpfen wolle. „Ich war super nervös.“ Der zehnte Rang bringt selbst die erfolgreichste Gymnastin ihrer Generation durcheinander. „Ich wusste nicht, wohin damit.“ Klar sei nur gewesen, dass sie ihr Bestes geben „soll, kann und muss.“
Das stellt Varfolomeev mit dem Ball eindrucksvoll unter Beweis. Sie wirft das Gerät in die Höhe, die Halle schreit. Der Ball fällt zurück und landet sicher in ihren Händen. Auch bei den nächsten Würfen behält sie die Kontrolle. Von der Nervosität ist auf der Fläche kaum etwas zu erkennen. Zu Beginn ist die Anspannung auf den Rängen noch deutlich zu spüren. Doch mit jedem sicheren Fang werden die Rufe lauter. Als die Musik endet, erscheinen kurze Zeit später 30,050 Punkte auf der Anzeigetafel: die beste Ballwertung des Finales. Innerhalb einer Übung hat sich Varfolomeev zurück in den Medaillenkampf geturnt. Doch als Nächstes wartet ausgerechnet jenes Gerät, das ihr am Vortag zum Verhängnis geworden war: die Keulen.

In der Qualifikation waren ihr die Keulen entglitten. 27,950 Punkte hatten nur für Rang neun gereicht. Ausgerechnet die Titelverteidigerin verpasste damit das Gerätefinale der besten acht um einen Platz. Für die Mehrkampfqualifikation blieb der Fehler dagegen ohne Folgen, weil dort nur die drei besten der vier Gerätewertungen zählen. Im Finale gibt es kein Streichresultat: Alle vier Wertungen werden addiert. Einen weiteren Geräteverlust darf sich Varfolomeev nicht erlauben, wenn es noch für Gold reichen soll.
„Komm, Mädel“, schallt es von der Tribüne, als Varfolomeev kurze Zeit später mit den beiden Keulen auf der Fläche steht. Die Halle klatscht den Takt mit, doch die Anspannung ist spürbar. Als Varfolomeev die Keulen hochwirft hält das Publikum die Luft an. Der Fang gelingt, der nächste Schrei bricht los. Immer wieder bewegt sich Varfolomeev dicht an den vorderen Rand der Fläche und richtet ihre Bewegungen auf die Kampfrichter aus. Zum Abschluss tippt sie mit einem Finger auf den Wettkampfteppich als wolle sie allen nachdrücklich mitteilen: Ich bin noch da.
„Jetzt, Dasha, hol dir Gold“
Diesmal entgleitet ihr nichts. Die Keulen steigen nach oben und landen wieder in ihren Händen. Als die Musik endet, ist die Festhalle kaum zu halten. Eine nahezu fehlerfreie Keulenübung nach dem Patzer in der Qualifikation - 31,500 Punkte. Es ist die beste Keulenübung des Finales und die höchste Gerätewertung aus Qualifikation und Mehrkampffinale. Die Trainerin Isabell Sawade lächelt ihre Athletin verschmitzt an. Varfolomeev senkt für einen Moment fast schüchtern den Blick. Ihre Antwort auf den Fehler vom Vortag könnte kaum deutlicher ausfallen.
Vor der letzten Rotation hat Varfolomeev 89,850 Punkte gesammelt. Mit knapp 26,000 weiteren Punkten würde sie die bis dahin Führende überholen. Nach Rang zehn zum Auftakt hat sie den Wettkampf so weit gedreht, dass sie sich vor allem noch selbst stoppen kann. Die Festhalle scheint das zu spüren. Schon Minuten vor ihrer Bandübung erheben sich die Menschen von ihren Plätzen. „Go Dasha“, rufen sie aus mehreren Teilen der Arena.
Vor ihrer letzten Routine wartet Varfolomeev im blau glitzernden Wettkampfanzug am Rand der Fläche. Als ihr Name aufgerufen wird, geht sie mit großen Schritten auf die Fläche zu ihrer letzten Übung am heutigen Tag. „Jetzt, Dasha“, ruft jemand, „hol dir Gold.“ Dann beginnt die Musik, die Festhalle verstummt. Varfolomeev dreht sich, bewegt kurz die Lippen, es wirkt so, als spreche sie mit sich selbst, dann lässt das Band durch die Luft fliegen. Sie wirft den Stab fast bis unter das Hallendach. Der Schrei der Ränge steigt hinterher. Varfolomeev fängt ihn und schleudert ihn abermals nach oben.
Nach gut anderthalb Minuten endet die Musik. Varfolomeev verlässt winkend die Fläche und setzt sich neben Sawade auf das Sofa, auf dem die Athletinnen ihre Wertung abwarten. Auf der großen Leinwand erscheint ihre Trainerin. Sawade hat Tränen in den Augen. Dann leuchten 29,650 Punkte auf der Anzeigetafel auf. Mit insgesamt 119,500 Punkten nach vier Durchgängen übernimmt Varfolomeev deutlich die Führung. Sie atmet tief aus und lächelt. Noch müssen einige Konkurrentinnen antreten. Um Varfolomeev von der Spitze zu verdrängen, wäre nun allerdings ein außergewöhnliches Ergebnis nötig.
Vorfreude auf den Urlaub
Die Italienerin Sofia Raffaeli zeigt noch einmal eine starke Übung. Trotzdem bleibt sie in der Gesamtwertung knapp zwei Punkte hinter Varfolomeev. Stiliana Nikolova aus Bulgarien schiebt sich mit 117,600 Punkten auf Rang zwei, nur fünf Hundertstel vor der Italienerin. Varfolomeev sitzt inzwischen zwischen ihren beiden Konkurrentinnen auf dem Sofa und blickt angespannt nach vorne. Realistisch kann keine der verbleibenden Athletinnen Varfolomeev noch einholen. In ihrem Gesicht ist der Sieg trotzdem noch nicht angekommen.
Erst als die letzte Gefahr vorüber ist, wird aus dem Wettkampf eine Feier. Nach 2023 und 2025 gewinnt Varfolomeev den wichtigsten Titel ihres Sports zum dritten Mal nacheinander. Als ihr die Goldmedaille umgehängt wird, duckt sie sich kurz, nickt und grinst in die Kameras.
Mit den ersten drei Plätzen sind zugleich je ein Olympia-Quotenplatz für Deutschland, Bulgarien und Italien verbunden. Die Startplätze für Los Angeles 2028 gehen an die Nationalen Olympischen Komitees und sind nicht persönlich an die Gymnastinnen gebunden.
Für Varfolomeev hat der Sieg bei der Heim-WM eine besondere Bedeutung. „Ich kann das noch nicht bis zum Ende realisieren“, sagt sie. Das Publikum habe sie angefeuert und mit ihr mitgefiebert. Die Hymne am Ende selbst zu singen, sei für sie unvergesslich gewesen. Was für ein Gefühl, das sei, könne sie kaum in Worte fassen.
Schon vor der WM hatte sie den Montag nach dem Wettkampf herbeigesehnt. In einem Video des Deutschen Turner-Bundes wurde sie gefragt, welche Schlagzeile sie sich für diesen Tag wünschte. Varfolomeev sprach nicht von Gold oder einem weiteren Titel. „Ich freu mich einfach auf Montag, weil da weiß ich, dass schon alles vorbei ist und dann kann ich in den Urlaub.“
Ganz so weit ist es noch nicht. Zunächst stehen am Sonntag die einzelnen Gerätefinals an. Anschließend folgen zwei oder drei Tage voller Termine, erzählt Varfolomeev nach ihrem Sieg. Erst wenn diese erledigt seien, könne sie beruhigt in den Urlaub fliegen. Dort wolle sie ihr Handy ausschalten, Zeit mit ihrer Familie verbringen und „wirklich nichts machen“.