Wie die Kommunistenjagd Hollywood prägte – die gefeierte Retrospektive in Locarno

Die schwarze Liste der Nachkriegsjahre zerstörte Karrieren und wurde zum Werkzeug eines politischen Machtkampfs. Die gefeierte Retrospektive am Locarno Film Festival zeigt nun die Hintergründe dieser dunklen Epoche. Ein Treffen mit dem Kurator.

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Wie die Kommunistenjagd Hollywood prägte – die gefeierte Retrospektive in Locarno

«Warum verschwinden die nicht einfach?» – wie die Jagd auf Kommunisten Hollywood veränderte

Die schwarze Liste der Nachkriegsjahre zerstörte Karrieren und wurde zum Werkzeug eines politischen Machtkampfs. Die gefeierte Retrospektive am Locarno Film Festival zeigt nun die Hintergründe dieser dunklen Epoche. Ein Treffen mit dem Kurator.

08.08.2026, 05.30 Uhr

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Neun Mitglieder der sogenannten Hollywood Ten, einer Gruppe Filmschaffender, die sich weigerten, vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe auszusagen, und dafür ins Gefängnis gingen.

Neun Mitglieder der sogenannten Hollywood Ten, einer Gruppe Filmschaffender, die sich weigerten, vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe auszusagen, und dafür ins Gefängnis gingen.

UCLA Library / Wikimedia Commons

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging das Gespenst des Kommunismus in der amerikanischen Filmindustrie um. Zuvor hatte Franklin D. Roosevelt lange eine sowjetfreundliche Politik betrieben, sogar Filme fördern lassen, die das Regime im Kreml positiv darstellten. Nach dem Tod des US-Präsidenten und dem Sieg über Nazideutschland und Japan drehte die Stimmung im Land schnell. Die «Truman-Doktrin» machte die Blockbildung offiziell, aus den einstigen Alliierten wurden Systemfeinde.

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1947 wurde das bereits existierende «Komitee für unamerikanische Umtriebe» (HUAC) reaktiviert, es begann mit Unterstützung des FBI-Direktors J. Edgar Hoover, gegen mutmassliche kommunistische Einflüsse vorzugehen. Vor allem das glamouröse Hollywood mit seinen zahlreichen europäischen Exilanten war betroffen: Akten von Filmemachern wurden angelegt, öffentliche Verhöre als Medienspektakel inszeniert, Drehbücher zensiert. Es entstand ein Klima der Denunziation und der permanenten Paranoia – obwohl die Kommunistische Partei in den USA nicht verboten war und kaum ein Künstler je als überzeugter Stalinist in Erscheinung trat.

Das heimliche Highlight

«Red & Black – Hollywood Left and the Blacklist», so ist die diesjährige Retrospektive am Locarno Film Festival über diese Epoche betitelt. Präsentiert werden Klassiker wie der Western «High Noon» (1952) oder das Gewerkschaftsdrama «On the Waterfront» (1954) und dazu Perlen wie der dokumentarische Kurzfilm «The Hollywood Ten». Verantwortlich dafür ist, wie in den Vorjahren, Ehsan Khoshbakht.

Das Gespräch mit dem Kurator findet in der Bibliothek des Pala Cinema in Locarno statt, wo Khoshbakht gerade gebundene Ausgaben der wegweisenden französischen Filmzeitschrift «Cahiers du cinéma» studiert. Nirgends habe er darin eine Erwähnung der «Blacklist» gefunden, sagt er: «Ich denke, dass die Reaktionen auf die schwarze Liste in anderen Teilen der Welt ein recht vernachlässigtes Forschungsgebiet darstellen.»

Der Kurator Ehsan Khoshbakht.

Der Kurator Ehsan Khoshbakht.

PD

Der in London lebende Filmexperte ist ganz in seinem Element und merklich stolz auf seine Arbeit – die Retrospektive ist das heimliche Highlight in diesem Jahr. Sie passe «perfekt zu einem Festival wie Locarno, das nie den einfachen Weg gewählt hat», so lobte Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider, als sie die 79. Ausgabe eröffnete. Branchenmagazine wie «Variety» berichten fast enthusiastischer über die Rückschau als über den laufenden Wettbewerb.

Nicht zu Unrecht, schliesslich zählen die Nachkriegsjahre zu den volatilsten der Geschichte Hollywoods. Während die amerikanische Wirtschaft boomte, steckte die Filmindustrie in der Krise. Die Einspielergebnisse blieben hinter den Erwartungen, mit dem Fernsehen stand das nächste Massenmedium in den Startlöchern, und ein Kartellurteil zwang die grossen Studios, ihre Kinoketten zu verkaufen. Hinzu kam die Angst, politisch unliebsam aufzufallen.

Wer immer als «unamerikanisch» verdächtigt wurde, konnte ins Visier der HUAC und ab 1950 des republikanischen Senators Joseph McCarthy geraten. Landete man auf der «Blacklist», bedeutete das ein faktisches Berufsverbot. Zehn Filmemacher, die später als Hollywood Ten bekannt wurden, unter ihnen der Drehbuchautor Dalton Trumbo, verweigerten die Aussage vor dem HUAC und wurden wegen Missachtung des Kongresses zu Haftstrafen verurteilt. Antisemitismus spielte eine wichtige Rolle dabei: Sechs von ihnen waren jüdisch.

Auf die ständige Konfrontation mit dem «Red Scare» reagierte die Traumfabrik konfus und oft mit Unverständnis. Sehr deutlich illustriert wird dies in der Komödie «The Front» von 1976, in der Woody Allen als Strohmann für einen Drehbuchautor fungiert, der mit Arbeitsverbot belegt wurde. Natürlich zitiert ihn das HUAC irgendwann zum Verhör: «Warum verschwinden die nicht einfach alle und lassen uns die Show machen? Wer braucht das?», so fragen sich die Angeklagten im Film.

Für Khoshbakht liegt der Hauptgrund der «Blacklist» in den «Union Wars», den Gewerkschaftskämpfen, die kurz vor Kriegsende erneut erbittert aufgeflammt waren, im Kampf um Urheberschaft und bessere Vergütung: «Die grossen Hollywood-Studios und ihre Eigentümer versuchten, den Einfluss der Gewerkschaften, insbesondere der Screen Writers Guild, zurückzudrängen. Sie gründeten arbeitgebernahe Organisationen und nutzten die antikommunistische Stimmung, um die Gewerkschaften zu diskreditieren.»

Auch wenn der Kurator schon länger über die Retrospektive nachdachte, ist es kein Zufall, dass sie gerade jetzt läuft: «Politisch ging es damals darum, die Reformen von Roosevelt rückgängig zu machen. In gewisser Weise ähnelt das dem Versuch Donald Trumps, alles zurückzudrehen, was Barack Obama und Joe Biden auf den Weg gebracht haben.» Ein politisches System primär darauf aufzubauen, die Errungenschaften der Vorgänger grundsätzlich zu zerstören und rückgängig zu machen, sei kurzsichtig und gefährlich.

Doch wie real war die kommunistische Gefahr damals tatsächlich? Schliesslich gab es Spione und Verräter auf beiden Seiten. Der prominenteste war Julius Rosenberg, der 1953 in den USA zusammen mit seiner Frau Ethel hingerichtet wurde, nach einem bis heute allerdings höchst umstrittenen Prozess. «Meiner Ansicht nach wurde die kommunistische Bedrohung erheblich aufgebauscht, insbesondere im Jahr 1947», sagt Khoshbakht.

Selbst interne FBI-Einschätzungen aus dem Jahr 1946 seien zu dem Schluss gekommen, dass eine kommunistische Unterwanderung Hollywoods «gegenwärtig nicht existent» sei. Und die Behauptungen von McCarthy, Hunderte von Kommunisten hätten staatliche Institutionen unterwandert, hätten sich als reine Propaganda erwiesen, so der Kurator. «Das Ziel war letztlich, all jene auszugrenzen, die ein anderes Kino machen wollten als jenes, das den politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen der Mächtigen entsprach.»

Auswirkungen auf Locarno

Auch das damals noch junge Locarno Film Festival, gegründet 1946, bekam die Auswirkungen der amerikanischen Paranoia zu spüren. 1953 wurde im Tessin das Noir-Drama «The Glass Wall» gezeigt, über einen ungarischen Holocaustüberlebenden, der in Amerika erneut Ablehnung erfährt. Das Drehbuch stammte von einem Autor, der auf der «Blacklist» gelandet war.

Der Film sollte dann den Goldenen Leoparden gewinnen. Weil dieser Entscheid jedoch politisch zu heikel erschien, wurde der Hauptpreis insgesamt auf drei Filme verteilt: «The Composer Glinka» aus der Sowjetunion und den soliden Hollywoodfilm «Julius Caesar», erzählt Khoshbakht. Mit Logik habe dies alles nichts zu tun gehabt, sondern nur mit vorauseilendem Gehorsam: «Daran zeigt sich, wie stark solche Überlegungen damals selbst die Preisvergabe eines freien Festivals wie Locarno beeinflussten.»

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