„Technologie zu verbieten funktioniert nicht“: Irans Vizepräsident erklärt die Internetsperren für gescheitert
wa.dePolitikVPNs hebeln die Zensur aus: Irans Vizepräsident räumt Kontrollverlust im Netz einStand: 08.09.2026, 23:41 UhrKommentareUns auf Google folgenDer Iran sperrt seit Jahren das Internet, Apps und Webseit...
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VPNs hebeln die Zensur aus: Irans Vizepräsident räumt Kontrollverlust im Netz ein
Stand: 08.09.2026, 23:41 Uhr
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Der Iran sperrt seit Jahren das Internet, Apps und Webseiten. Nun räumt ein Spitzenpolitiker ein, dass die Bürger mit VPN-Diensten die Kontrolle längst unterlaufen.
Teheran – Als im Jahr 2022 Hunderttausende im Iran auf die Straße gingen, drosselte das Mullah-Regime die Internetgeschwindigkeit massiv. Bestimmte Apps und Webseiten waren ganz geblockt, darunter auch WhatsApp. Sich für Demonstrationen abzusprechen, sollte für Iraner und Iranerinnen dadurch schwieriger werden. Auch während der Massenproteste zu Jahresbeginn wurde der Zugang zum Internet erneut stark eingeschränkt. In den ersten Kriegswochen war die Bevölkerung zeitweise vollständig vom Internet abgeschnitten.

Nun erklärte Irans Vizepräsident Mohammed Resa Aref, die Sperren im Netz für gescheitert. „Der Ansatz, Technologie zu verbieten, funktioniert nicht“, sagte der Politiker bei einem Treffen mit Geistlichen in der Pilgerstadt Ghom, wie die staatliche Nachrichtenagentur Irna berichtete. Sogenannte Tunneldienste (VPN) hätten die Kontrolle über den virtuellen Raum zunichtegemacht, sagte Aref weiter.
Vizepräsident: Internetzensur schwächte Iran im Krieg
Der Vizepräsident sagte, das Internet sei wie eine Autobahn. „Wenn ein Fahrzeug auf einer Autobahn einen Verstoß begeht, soll man dann die gesamte Autobahn sperren oder gegen genau dieses Fahrzeug vorgehen, das den Verstoß begangen hat?“, fragte Aref. Eine Alternative zu der kompletten Abschaltung des Internets oder den Sperrungen einzelner Apps nannte er nicht. Kritik übte der Vizepräsident an den Sperren offenbar auch, weil er dadurch Nachteile im Krieg sieht.
„Das Filtern des Internets zerstört unsere sicherheitsdienstliche Übersicht, und auch in den jüngsten Kriegen haben wir dadurch Schaden erlitten“, zitiert ihn die türkische Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi. Ob der Iran nun also einen Kurswechsel bei der Internetzensur anstrebt, blieb offen. Das Netz bleibt indes weiter zensiert: Auf der Seite des Projekts „Eyes of Iran“ hieß es zuletzt über das Internet im Iran, es sei seit dem 26. Mai „wiederhergestellt, aber stark gefiltert.“ Laut der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation Freedom House zählt das iranische Online-Umfeld „zu einem der repressivsten weltweit“, wie es in einem Bericht aus dem Jahr 2025 heißt.
Auch wenn Aref mangelnde Kontrolle über die Internetsperren beklagt, hat Teheran andere Möglichkeiten, seine Bevölkerung im Blick zu behalten. Zuletzt enthüllte das Rechercheprojekt von Forbidden Stories gemeinsam mit Medienpartnern wie dem Spiegel, Le Monde, Der Standard, Tamedia und ZDF, dass das iranische System mithilfe einer russischen Gesichtserkennungssoftware, die Bevölkerung überwacht. Die Software erkennt demnach Gesichter innerhalb von Sekunden und kann auch Bewegungen der Menschen, ihre Kontakte und soziale Beziehungen nachvollziehbar machen.
30 bis 40 Millionen Dollar Schaden pro Tag: Internetsperren belasten Irans Wirtschaft massiv
Neben den von Aref genannten Folgen für den Krieg, haben die Internetsperren auch wirtschaftliche Konsequenzen. Vor allem die Digitalwirtschaft des Landes litt und tausende Iraner und Iranerinnen verloren ihre Arbeit. Die iranische Wirtschaft kostet die Abschaltung des Netzes täglich Schätzungen zufolge 30 bis 40 Millionen US‑Dollar. Das teilte Afshin Kolahi, der Vorsitzende der Kommission für wissensbasierte Wirtschaft bei der iranischen Handelskammer, laut Reuters mit. Deshalb zogen die Sperren zuletzt auch den Unmut innerhalb der iranischen Regierung auf sich.
Der Iran ist wirtschaftlich wegen des fortdauernden Krieges wirtschaftlich ohnehin stark angeschlagen. Die Inflation liegt mittlerweile bei über 80 Prozent. „Immer mehr Menschen können ihren normalen Lebensmitteleinkauf nicht mehr aus eigener Tasche bezahlen und müssen deshalb auf Ratenzahlung oder Kredit zurückgreifen“, erklärt die Nahost-Expertin Natalie Amiri in einem Beitrag auf Instagram. Der Iran verstärke jetzt erneut die Präsenz seiner regimetreuen Sicherheitskräfte des Mullah-Regimes auf den Straßen, erklärte die Expertin Amiri weiter.
Das solle die Menschen von Protesten abhalten. „Aufgrund der wirtschaftlich wirklich katastrophalen Situation wird der Druck immer größer und das Regime hat Angst, dass die Menschen wieder auf die Straße kommen.“ Auch politisch hat das offenbar Auswirkungen: Die US-Kriegsexperten des Institute for the Study of War (ISW) analysierten in ihrem jüngsten Bericht, „Irans jüngste Bemühungen, die USA zur Aufhebung der Blockade [von Hormus] zu zwingen, spiegeln möglicherweise die wachsende Besorgnis des Regimes über die Auswirkungen der Blockade auf die iranische Wirtschaft wider.“ (Quellen: dpa, Freedom House, ISW, Forbidden Stories, Natalie Amiri) (bme)