Viel mehr als Tabak, Cola und ein offenes Ohr – Wie ein Büdchen in Duisburg zum sozialen Anker wird
tzWeltStand: 16.08.2026, 18:21 UhrKommentareUns auf Google folgenVerena-Kristina Kirchberg hat über ihr Leben als Büdchen-Betreiberin in Duisburg das Buch „Ich bin Büdchen“ geschrieben. © Katrin Gänsler/KNAEgal...
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Stand: 16.08.2026, 18:21 Uhr
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Egal, ob sie Büdchen, Trinkhalle oder Kiosk heißen. Die kleinen Verkaufsstellen haben längst Kultstatus. Ein Büdchen in einem alten Arbeiterviertel im Herzen des Ruhrgebiets ist aber noch viel mehr.
Duisburg (KNA) – Auf der schmalen Holzbank wird es eng. Sie steht im Kundenflur von Bruckis Büdchen und zieht viele Menschen an. Eine Tasse Kaffee, ein kaltes Bier, vor allem aber Zeit zum Erzählen und – mindestens ebenso wichtig – zum Zuhören. Der Kiosk bietet mehr als Tabakwaren, Getränke, Eis und Süßigkeiten aus großen Schütten. Er ist längst zum Treffpunkt von Hochheide geworden. Das Viertel – unter anderem Standort von einst sechs „Weißen Riesen“, jenen Hochhäusern aus den 1970er Jahren – gilt seit langem als sozialer Brennpunkt mit verfehlter Stadtpolitik.
Artikel der KNA
Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Verena-Kristina Kirchberg kennt die Klischees, die dem Stadtteil anhaften. Sie steht im Verkaufsraum von Bruckis Büdchen. An der Wand steht ein großes Regal mit den Verkaufsschlagern: Tabakwaren und Getränke. Und falls am Wochenende oder abends noch etwas fehlt, hat sie auch Filtertüten, Konserven, Kondome und Grablichter im Angebot – letztere gehen an Allerheiligen über den Tresen. Vor dem Fenster zur Straße stehen Tisch und Stuhl. Zeit, um dort zu sitzen, bleibt wenig. Wenn keine Kunden da sind, müssen Regale und Kühlschränke befüllt und der Kaffeeautomat gesäubert werden.
Am 10. Oktober 2018 eröffnete Bruckis Büdchen im Elternhaus von Jürgen, mit dem sie den Kiosk anfangs gemeinsam betrieb. Der Verkaufsraum war über Jahrzehnte verpachtet, stand dann leer, erzählt Kirchberg. Es musste eine Lösung her: „Hast Du Bock auf eine Trinkhalle?“, fragte Jürgen mich. Ich habe eine Nacht darüber geschlafen und fand: „Ja, habe ich‘“, blickt sie zurück.
Hommage an Köln
Kirchberg, ausgebildete Gärtnerin für Zierpflanzen, kündigte ihren Job – und eine anstrengende Zeit zum eigenen Büdchen begann; zunächst eine Sieben-Tage-Woche und ohne die Gewissheit, dass der Plan auch aufgeht, aber mit viel Optimismus und auch Begeisterung für jenen Teil der Ruhrgebietsstadt, in dessen Nähe die Zechensiedlung Rheinpreussen liegt. Dass Trinkhalle, die dort übliche Bezeichnung, allerdings nicht im Namen steht, ist eine Hommage an Kirchbergs Heimatstadt Köln. Dort und überall im Rheinland heißen Kioske Büdchen.
Kinder kommen an den Verkaufsschalter, Menschen, die gerade mit ihrer Schicht fertig sind. Kirchberg bereitet Cappuccino zu, holt Tabak und Zigaretten und aus dem Kühlschrank Eistee. Unter dem Verkaufstresen gibt es ein Fenster. Häufig reicht ein Blick auf die Schuhe und Kirchberg weiß, welche Bestellung die Kundin oder der Kunde gleich aufgeben wird. „90 Prozent sind Stammkunden. Das ist ein großes Glück“, sagt sie. Auch wenn Autos vorfahren, weiß sie oft, wer gleich aussteigen wird.
Süßes – aber bitte halal
Doch nicht aus jedem Besuch wird auch ein Geschäft: Ein Junge muss ohne Einkauf wieder abziehen. Er hätte gerne Marshmallows gekauft – aber bitte halal. Das sei schwierig, sagt Kirchberg. Sie erhalten in der Regel Gelatine aus Schweineknochen oder -haut.
Trotzdem ist sie auf Kunden, die sich an die Essensvorschriften im Koran halten und etwa auf Schweinefleisch verzichten, eingestellt. Während rechts vom Verkaufsfenster Dutzende Schütten mit Weingummi, Lutscher und Lakritz stehen, gibt es rechts welche mit Fröschen, süßen Brezeln und Salz-Heringen in halal. „Mir ist es wichtig, auch dieser Kundschaft etwas anzubieten“, sagt die Büdchen-Betreiberin, die für das Angebot allerdings schon kritisiert wurde. Unverständlich für Kirchberg. „Was stört dich das?“, ruft sie Kritikern entgegen, „wir leben hier zusammen.“
Für Toleranz und Offenheit solle das Büdchen an einem Ort, an dem steigende Unzufriedenheit zu spüren ist, stehen: „Meinung ist in Ordnung; Platz für Homophobie und Fremdenfeindlichkeit gibt es aber nicht.“ Klar auch: „Meckern macht die Welt nicht schöner.“ Stattdessen gelte es, Ideen einzubringen und das Viertel mitzugestalten.
Der etwas andere Respekt
Klarheit braucht es auch bei jungen Menschen, erlebt Kirchberg. Bis zu einem gewissen Grad dürften Teenager ihre Hormonschübe ausleben. Schluss ist aber dann, wenn sie ihren Abfall auf die Straße werfen oder Kaugummis irgendwohin kleben.
Sie ruft sie zur Ordnung – und ist als eine aus dem Viertel, die Tag für Tag das Umfeld im Blick hat, wohl so manches Mal erfolgreicher als Mitarbeiter des Ordnungsamtes oder der Polizei. Bekannt ist sie ohnehin. Wenn sie im Supermarkt einkauft, ist sie neugierige Blicke in den Einkaufswagen gewohnt.
„Ich bin Büdchen“
Über weitere Begegnungen schreibt Verena-Kristina Kirchberg nun in ihrem ersten Buch. „Ich bin Büdchen“ erscheint am 19. August im Kösel Verlag. Es beschreibt zahlreiche Persönlichkeiten im Viertel, deren Alltag und Herausforderungen. Es sind Geschichten über Alkoholkonsum und Drogenabstürze, vor allem aber auch über Hilfe und Solidarität untereinander.
Das ist auch das erklärte Ziel der Betreiberin. Sie hilft beim Schreiben des Stundenzettels für die Arbeitsstelle, organisiert über Facebook eine neue Waschmaschine für eine Kundin mit kleiner Rente. Leitungswasser gibt es selbstverständlich gratis. Jürgen ist auch schon von Duisburg nach Polen gefahren: Eine andere Kundin musste vor ihrem gewalttätigen Mann in Sicherheit gebracht werden.
Aufgrund solch ungewöhnlicher Hilfsaktionen, der Begeisterung für die Arbeit hinterm Verkaufstresen und dem Einsatz für Hochheide ist Verena-Kristina Kirchberg ab und zu auch im Fernsehen zu sehen, etwa in der WDR-Talkshow Kölner Treff.
Trinkhalle, Späti, Büdchen – deshalb lieben wir den Kiosk um die Ecke
Überall zwischen Flensburg und Freiburg finden sich kleine Verkaufsstellen mit langen Öffnungszeiten. Ihre Entstehungsgeschichte ist unterschiedlich – Kultstatus haben sie heute aber alle.
Abends ein Bier kaufen, die vergessenen Zigaretten besorgen oder sich nach der Schule eine gemischte Tüte mit Süßigkeiten gönnen. Dank Büdchen, Trinkhalle, Späti oder Kiosk ist das möglich – vor allem in Großstädten. Sie bieten aber nicht nur einen schnellen Einkauf, sondern spiegeln auch deutsche Geschichte.
Im Zuge der Industrialisierung entstanden ab Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Trinkhallen. Wann aber die erste Bude eröffnete, dazu gibt es nach den Worten der Kulturanthropologin Gabriele Dafft kein eindeutiges Datum. „Die Trinkhallen entwickelten sich im Ruhrgebiet in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so erfolgreich, weil es hier Schwerindustrie und Zechen gab. Es war ein Ballungsgebiet, und die Arbeiterschaft musste versorgt werden. Entsprechend willkommen war dann auch die allmähliche Sortimentserweiterung, die zur Jahrhundertwende einsetzte“, sagt Dafft, die als wissenschaftliche Referentin im LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte arbeitet.
Trinkhallen gegen Alkoholismus
Ursprünglich waren es hauptsächlich Getränke für Arbeiter – und zwar Kaffee und Tee, aber vor allem industriell abgefülltes Wasser. Sauberes Trinkwasser war damals längst nicht überall verfügbar. Gleichzeitig sollte der Alkoholkonsum eingeschränkt werden. Daher der Begriff Trinkhalle, der heute hingegen oft mit Alkohol in Verbindung gebracht wird, ist es doch ein praktischer Ort, um ein Feierabend- oder Wegbier zu kaufen.
In den folgenden Jahrzehnten zeigte sich, wie anpassungsfähig die kleinen Verkaufsstellen sind. Kioske – das Wort stammt aus dem Persischen und bedeutet Gartenpavillon – ließen sich in so manche Baulücke pressen, sie überstanden zwei Weltkriege und wurden nach diesen zur Rettung von so mancher Witwe, so manchem Kriegsversehrten. Als staatliche Fürsorge erhielten sie bevorzugt Konzessionen.
Ab den 1950er Jahren entstanden wiederum in Ostdeutschland die ersten Spätis – Spätverkaufsstellen – für Schichtarbeiter in der DDR. Ebenfalls anders als bei einem Späti heute in Berlin, Leipzig oder Magdeburg: Verkauft wurden weniger alkoholische Getränke, sondern vor allem Grundnahrungsmittel. Auch sollten Menschen im Schichtdienst die Möglichkeit haben, schnell vergriffene Lebensmittel zu kaufen.
Langen Ladenöffnungszeiten trotzen
Alleinstellungsmerkmal der Verkaufsstellen waren einst die langen Öffnungszeiten. Doch in Westdeutschland wurde der Verkauf an Tankstellen zur Konkurrenz; ab 1996 wurden die Ladenöffnungszeiten immer weiter ausgedehnt. „Kioske fingen an, Kaffee-to-go anzubieten, oder wurden zu Paketshops“, erklärt Dafft den Überlebenswillen.
Was ihnen auch hilft, ist die Kunst. Bereits ab den 1980er Jahren entdeckte das Kabarett den Kommunikationsort Kiosk, der mit vielen Klischees behaftet ist. Ab 1999 folgte die RTL-Serie „Alles Atze“, in der der gleichnamige Kioskbetreiber aus Essen-Kray im Mittelpunkt steht. Geschlossene Büdchen werden außerdem zu Ausstellungsorten; längst gibt es Kalender zu Trinkhallen und Fotoausstellungen mit besonders hässlichen Exemplaren.
Ort der Erinnerung
Auch sind Trinkhallen, so Dafft, ein Gefühl von Heimat und gemeinsamer Erinnerung. „Kinder erledigen hier ihren ersten selbstständigen Einkauf.“ Viele Studierende in Köln treffen sich entlang der Zülpicher Straße zum Mäuerchen-Bier. Ältere Menschen kennen ihre Büdchen-Betreiber manchmal seit Jahrzehnten. Mitunter sind diese im Alltag zentrale Ansprechpartner. Dafft sagt: „Kioske sind ein hochgradig symbolischer Ort.“
Großwerden mit der Trinkhalle
So wurde auch Fred Linder auf sie aufmerksam und kommt mittlerweile fast täglich – zum Reden und auf ein Getränk. Er ist im Viertel großgeworden – 1970 zog die Familie nach Hochheide. Trinkhallen waren Teil seiner Kindheit. „Ich habe Süßigkeiten gekauft und auch gerne Abziehtattoos“, erinnert er sich – zum Leidwesen seiner Mutter.
Heute gibt es Pfirsicheistee für Linder. Der Mann mit der Lederjacke, dem weißen T-Shirt und den Jeans sitzt auf der Holzbank im Kundenflur und unterhält sich. Waren es früher die kleinen, besonderen Einkäufe – sie unterstützen Kinder auch beim Selbstständigwerden –, sind es heute die Kontakte, die der Kioskbesuch ermöglicht. „Ich mag auch ihre soziale Ader“, sagt Linder über Betreiberin Kirchberg.
Diese will sie sich auf jeden Fall erhalten – und ein sozialer Anker in Duisburg-Hochheide bleiben.