US-Raketen werden knapp: Warum das für NATO, Ukraine-Krieg und China zum Problem werden könnte
StartseitePolitikUSA verbrauchen immer mehr Raketen – Folgen für NATO und Ukraine-KriegStand: 07.08.2026, 20:27 UhrKommentareUns auf Google folgenDie USA verbrauchen im Iran-Konflikt enorme Mengen moderner Rake...
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USA verbrauchen immer mehr Raketen – Folgen für NATO und Ukraine-Krieg
Stand: 07.08.2026, 20:27 Uhr
Die USA verbrauchen im Iran-Konflikt enorme Mengen moderner Raketen. Nachschub kommt nur langsam. Das könnte NATO, die Ukraine und China betreffen.
Washington, D. C. – Die USA verbrauchen im Krieg mit dem Iran große Mengen ihrer wichtigsten Präzisionswaffen. Besonders betroffen sind Tomahawk-Marschflugkörper und JASSM-Lenkflugkörper, die Ziele aus großer Entfernung treffen können. Weil die Produktion mit dem Verbrauch nicht Schritt hält, wächst die Sorge, dass Washington in anderen möglichen Konflikten weniger Reserven zur Verfügung stehen könnten.
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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit telegraph.co.uk.
Die Frage ist inzwischen auch politisch brisant. US-Präsident Donald Trump räumte am Donnerstag (6. August) ein, dass die Bestände bei bestimmten Waffen zurückgegangen seien, betonte zugleich aber, bei anderen verfüge das US-Militär über nahezu unbegrenzte Mengen. Berichte über einen Streit mit Verteidigungsminister Pete Hegseth wegen knapper Munition weist das Weiße Haus zurück.

Tomahawk und JASSM: Iran-Krieg leert wichtige US-Bestände an Raketen
Besonders wichtig sind Tomahawk-Marschflugkörper. Sie werden vor allem von Schiffen und U-Booten gegen weit entfernte Ziele an Land eingesetzt. Eine Analyse der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) schätzte den US-Bestand vor Beginn des Iran-Krieges auf rund 3100 Tomahawks – mehr als 1000 sollen bis zum Frühjahr eingesetzt worden sein.
Bei der Joint Air-to-Surface Standoff Missile (JASSM) sieht es ähnlich aus. CSIS ging vor dem Krieg von rund 4.400 verfügbaren Flugkörpern aus und schätzte den Verbrauch bis April auf mehr als 1.100. Beide Systeme ermöglichen Angriffe aus großer Entfernung, ohne dass Flugzeuge tief in stark verteidigten gegnerischen Luftraum eindringen müssen.
Warum knappe US-Raketen auch NATO und Ukraine betreffen
Gerade diese Fähigkeit macht die Waffen auch für andere Krisen entscheidend. Im Fall eines militärischen Konflikts mit Russland könnten weitreichende Präzisionswaffen dazu dienen, Luftabwehrstellungen, Kommandozentren oder andere militärisch wichtige Ziele zu bekämpfen. Ähnliche Überlegungen spielen bei amerikanischen Planungen für einen möglichen Konflikt mit China im Westpazifik eine Rolle.
Der Autor Lewis Page argumentiert deshalb im Telegraph, der amerikanische Bestand an Langstreckenwaffen habe Bedeutung weit über den Iran-Krieg hinaus. Er sieht darin auch einen Bestandteil der konventionellen Abschreckung gegenüber Russland. Die weitergehende These, dass gerade diese Raketen Wladimir Putin bislang vom Einsatz von Atomwaffen im Ukraine-Krieg abgehalten hätten, ist allerdings eine Einschätzung und lässt sich nicht als gesicherte Ursache belegen.
Ukraine-Krieg: USA drohten Russland mit „katastrophalen Konsequenzen“
Die damalige Regierung von Joe Biden hatte Russland 2022 für den Fall eines Atomwaffeneinsatzes in der Ukraine mit schweren Konsequenzen gedroht. Washington ließ bewusst offen, wie eine amerikanische Reaktion konkret aussehen würde. Konventionelle Präzisionsschläge wurden von Fachleuten dabei als eine denkbare Reaktionsmöglichkeit diskutiert.
Langstreckenwaffen wie Tomahawk und JASSM könnten solche Einsätze ermöglichen, ohne unmittelbar auf amerikanische Atomwaffen zurückzugreifen. Genau darin sieht Page einen wichtigen Abschreckungseffekt: Je größer und glaubwürdiger die konventionellen militärischen Möglichkeiten Washingtons sind, desto mehr Handlungsoptionen besitzt ein US-Präsident in einer Eskalationskrise.
Auch China beobachtet schrumpfende US-Raketenbestände
Noch unmittelbarer könnte sich der Verbrauch auf die amerikanische Abschreckung gegenüber China auswirken. Das CSIS warnt, dass die Verluste im Iran-Krieg ein zeitweiliges Risiko für einen möglichen Konflikt im westlichen Pazifik schaffen. Nach Einschätzung der Denkfabrik besitzt Washington zwar weiterhin genügend Waffen für plausible Szenarien im Iran, doch die Wiederauffüllung wichtiger Vorräte dürfte Jahre dauern.
Damit betrifft die Entwicklung auch Verbündete wie Japan, Südkorea oder Australien. Japan hatte etwa Hunderte Tomahawks in den USA bestellt. Bereits im Frühjahr wurde berichtet, dass amerikanische Einsätze gegen den Iran Auswirkungen auf den vorgesehenen Lieferplan haben könnten.
Warum die USA nicht einfach billigere Bomben einsetzen
Für viele Angriffe verfügen die Vereinigten Staaten über deutlich billigere Präzisionsbomben in größeren Stückzahlen. Diese haben jedoch einen entscheidenden Nachteil: Meist müssen bemannte Flugzeuge näher an das Ziel heranfliegen und damit stärker in den Wirkungsbereich gegnerischer Luftabwehr eindringen.
Typischerweise werden weitreichende Waffen deshalb eingesetzt, um Luftabwehr, Radarstellungen und andere besonders gefährliche Ziele zunächst aus größerer Entfernung zu bekämpfen. Erst danach können Flugzeuge mit günstigeren Waffen vergleichsweise sicherer eingesetzt werden. Sind die Vorräte an Stand-off-Waffen begrenzt, wird dieses Vorgehen schwieriger.
Riskanter Einsatz über Iran zeigt Problem bemannter Angriffe
Wie gefährlich bemannte Missionen bleiben können, zeigte nach Darstellung des Telegraph ein Vorfall im April. Ein amerikanischer Kampfjet vom Typ F-15E Strike Eagle wurde demnach über dem Iran getroffen, die Besatzung musste sich mit dem Schleudersitz retten. Amerikanische Spezialkräfte bargen die Piloten anschließend bei einer aufwendigen Operation.
Der Telegraph berichtet ferner, die Rettungsmission habe insgesamt 155 Flugzeuge umfasst. Ein weiteres US-Flugzeug sei während des Einsatzes verloren gegangen, außerdem hätten zwei C-130-Transportmaschinen am Boden zurückgelassen und zerstört werden müssen. Diese Angaben stammen aus dem Bericht und sind öffentlich nur eingeschränkt unabhängig überprüfbar.
Tomahawk und JASSM im Vergleich
| Tomahawk | JASSM | |
|---|---|---|
| Typ | Seegestützter Marschflugkörper | Luftgestützter Marschflugkörper |
| Startplattform | Vor allem Kriegsschiffe und U-Boote | Kampfflugzeuge und Bomber |
| Reichweite | aktuelle Varianten etwa 1.600 Kilometer und mehr | etwa 370 Kilometer; JASSM-ER mehr als 900 Kilometer |
| Hauptaufgabe | Präzisionsangriffe auf weit entfernte Landziele | Präzisionsangriffe aus großer Entfernung außerhalb gegnerischer Luftabwehr |
| Stückpreis | je nach Variante grob zwei bis mehr als drei Millionen US-Dollar | je nach Variante rund zwei bis drei Millionen US-Dollar |
| Geschätzter US-Bestand vor Iran-Krieg | rund 3.100 | rund 4.400 |
| Geschätzter Verbrauch im Iran-Krieg | mehr als 1.000 | mehr als 1.100 |
| Strategische Bedeutung | Zentrale Langstreckenwaffe der US-Marine für Angriffe aus sicherer Entfernung | Wichtiges Stand-off-System für Luftangriffe gegen stark geschützte Ziele |
Hinweis: Reichweiten und Preise unterscheiden sich je nach Variante und Beschaffungslos. Bestands- und Verbrauchszahlen sind öffentliche Schätzungen; genaue US-Munitionsbestände sind nicht öffentlich. (Quellen: Center for Strategic and International Studies, The Hill, The Telegraph)
Produktion von Tomahawk und JASSM benötigt Jahre
Das eigentliche Problem liegt deshalb nicht allein im bisherigen Verbrauch, sondern im Tempo der Nachproduktion. Das CSIS schätzt, dass die Wiederherstellung des Vorkriegsbestands an Tomahawks bei den derzeit geplanten Kapazitäten etwa vier bis fünf Jahre dauern könnte. Für JASSM fällt die Prognose mit ungefähr einem Jahr deutlich günstiger aus.
Für 2026 rechnet die Analyse mit 207 neuen Tomahawks. Für 2027 wurden 785 Stück beantragt. Bei JASSM sollen 2026 dagegen mehr als 800 Flugkörper geliefert werden. Die tatsächliche Entwicklung hängt allerdings von Haushaltsbeschlüssen, Produktionskapazitäten und Lieferketten ab.
USA gehen die Raketen aus: Trump räumt Engpässe bei Teilen des US-Arsenals ein
Trump versucht zugleich, Sorgen über eine akute militärische Schwäche zurückzuweisen. Am Donnerstag sagte er, die USA verfügten bei einigen besonders leistungsfähigen Waffen über nahezu unbegrenzte Vorräte. Bei anderen gebe es dagegen Engpässe. Gleichzeitig kündigte er zusätzliche Produktionsanlagen unter anderem für Patriot- und Tomahawk-Systeme an.
Der Aufbau zusätzlicher Kapazitäten lässt sich jedoch nicht kurzfristig erreichen. Auch Rheinmetall-Chef Armin Papperger erklärte am Freitag mit Blick auf eine geplante Produktion amerikanischer ATACMS-Raketen in Deutschland, der Wiederaufbau erschöpfter Bestände werde Zeit benötigen. Erste Umsätze aus dem Gemeinschaftsprojekt mit Lockheed Martin erwartet Rheinmetall erst 2028.
Die entscheidende Frage lautet damit weniger, ob den USA sämtliche Raketen ausgehen. Dafür gibt es bislang keine belastbaren Hinweise. Strategisch problematisch ist vielmehr, dass ein langwieriger Krieg große Mengen besonders wertvoller Waffen verbraucht, deren Ersatz Jahre dauern kann – während Washington gleichzeitig Russland, China und weitere mögliche Krisen im Blick behalten muss.