„Washington Post“ nutzt Abonnentendaten für Preiswucher
Die „Washington Post“ knöpft ihren Abonnenten unterschiedliche Preise ab. Den Preis bestimmt ein Algorithmus, der persönliche Daten auswertet. Dagegen wendet sich nun eine Sammelklage.
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„Democracy dies through price gouging“ – „Die Demokratie stirbt durch Wucher“, schrieb ein Reddit-Nutzer im Frühjahr, als ans Licht kam, dass die „Washington Post“, deren Motto: „Democracy Dies in Darkness“ lautet, sogenanntes „dynamic pricing“, also eine „dynamische Preisgestaltung“ für ihre Abonnenten nutzt – aufgrund gesammelter Nutzerdaten. Als Preistreiberei bezeichnen dies viele, und zu erkennen ist es nicht auf Anhieb. Die „Washington Post“ etwa macht dies bloß im Kleingedruckten kenntlich: „Dieser Preis wurde von einem Algorithmus aufgrund Ihrer persönlichen Daten bestimmt.“
Dynamische Preisgestaltung heißt, von Kunden zu Stoßzeiten oder bei hoher Nachfrage höhere Preise zu verlangen. So machen es Fluggesellschaften, Hotels, Buchungsportale und Fahrdienste wie Uber seit jeher. Doch was die „Post“ und inzwischen auch andere Medien, darunter das „Wall Street Journal“, das Techmagazin „Wired“ sowie die Verlage Condé Nast und Hearst, aber auch Lokalportale wie NJ.com in New Jersey tun, hat eine andere Dimension. Hier geht es nicht um Schwankungen des Marktes, sondern um die Nutzung persönlicher Kundendaten für die Erstellung von Profilen, aus denen die KI die Zahlungsbereitschaft der Abonnenten ableiten soll. „Surveillance pricing“, Preisstaffelei mithilfe von Überwachung, wird das denn auch genannt.
„Ich habe nichts dagegen, für Journalismus zu bezahlen, aber das ist widerlich“
Welche Konsumentendaten von wo hierbei abgegrast und ausgewertet werden, bleibt bisher weitgehend im Dunkeln – und das ausgerechnet im Nachrichtengeschäft, das auf Transparenz beruht. Unter anderem, meinen Experten, werden Lesegewohnheiten, demographische und Standortdaten, Onlinesuchen und Gerätetypen abgefragt. Verärgert sind die Leser vor allem über die Heimlichtuerei hinter der Mitteilung: „Dieser Preis wurde von einem Algorithmus unter Nutzung Ihrer persönlichen Daten erstellt.“
„Was ist denn an der Mitteilung beruhigend, dass man einem geheimen Prozess mit unbekannten Resultaten ausgeliefert ist?“, fragte jemand auf Bluesky in einer Diskussion über Preisstaffelungen mithilfe von Nutzerdaten bei NJ.com. „Seltsam und gruselig“ fand das eine andere. „Ich habe nichts dagegen, für Journalismus zu bezahlen, aber das ist widerlich“, schrieb eine Dritte.
Jeff Bezos’ Amazon quetscht öffentliche Schulen mit hohen Preisen aus
Illegal ist diese Praktik in den USA nicht. Aber nicht immer spielt die Kundschaft mit: Als im vergangenen Dezember bekannt wurde, dass der Lieferdienst Instacart seinen Kunden Preisunterschiede von bis zu 23 Prozent für identische Ware auferlegte, sorgte das für so viel Empörung, dass die Firma das Verfahren stoppte. Und der Eigentümer der „Washington Post“, Jeff Bezos, geriet im vergangenen Jahr in die Kritik, als offenbar wurde, dass Amazon verschiedene öffentliche Schulen mit dynamischen Preisstrukturen für Schulbedarf ausquetschte – mit Preisen von durchschnittlich 17 Prozent über dem günstigsten Angebot.
Auch die Leser der „Post“ sind sauer. Eine Leserin namens Chelsea Blink legte eine Sammelklage mit der Argumentation auf, sie hätte ihr Abo gekündigt, wäre sie über solche Praktiken informiert gewesen – aber obwohl der US-Bundesstaat New York im Dezember des vergangenen Jahres ein Gesetz verabschiedet hatte, dem zufolge Firmen offenlegen müssen, wenn sie Konsumentendaten für ihre Preisstruktur verwenden, informierte die „Washington Post“ ihre Leser erst im März. Ob die Leser überhaupt informiert werden, hängt maßgeblich davon ab, wo sie wohnen. Bisher haben nur eine Handvoll Bundesstaaten, darunter New York, Kalifornien, New Jersey, Maryland, Michigan, und Connecticut, legale Rahmenbedingungen geschaffen oder sind dabei, dies zu tun.
Tim Giordano, Anwalt der Sammelkläger gegen die „Washington Post“, sagte gegenüber dem Magazin „Nieman Lab“, zwar habe „Journalismus echten Wert und Nachrichtenkonzerne alles Recht, ein profitables Geschäftsmodell zu verfolgen“. Aber solche „obskuren KI-Modelle“, die persönliche Daten auswerten, unterminierten das öffentliche Vertrauen in eine der wichtigsten Säulen der Demokratie.