Hohe Armutsgefahr und viele Alleinerziehende: Unterhaltsvorschuss-Sparpläne sorgen für Kritik
Ein neues Smartphone, neue Sneaker, ein voller Kühlschrank: Je älter Kinder werden, desto höher sind oft die Ausgaben. Besonders Alleinerziehende geraten finanziell unter Druck, wenn der Ex-Partner keinen Unterhalt zahlt. Dann springt bis zur Volljährigkeit der Staat mit dem Unterhaltsvorschuss ein. Bundesfamilienministerin Karin Prien will die Leistung nun kürzen – und stößt damit auf Kritik. Warum Verbände gerade in Sachsen-Anhalt vor den Folgen warnen.
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AUDIO: Unterhaltsvorschuss: Deshalb wiegen die Kürzungen in Sachsen-Anhalt schwer (2 Min)
Pläne der Bundesfamilienministerin
Unterhaltsvorschuss: 4.500 Kinder in Sachsen-Anhalt von Kürzung bedroht
Stand: 18.07.2026 05:00 Uhr
Ein neues Smartphone, neue Sneaker, ein voller Kühlschrank: Je älter Kinder werden, desto höher sind oft die Ausgaben. Besonders Alleinerziehende geraten finanziell unter Druck, wenn der Ex-Partner keinen Unterhalt zahlt. Dann springt bis zur Volljährigkeit der Staat mit dem Unterhaltsvorschuss ein. Bundesfamilienministerin Karin Prien will die Leistung nun kürzen – und stößt damit auf Kritik. Warum Verbände gerade in Sachsen-Anhalt vor den Folgen warnen.
von Chiara Swenson, Leonhard Eckwert, MDR SACHSEN-ANHALT
Wenn sich Eltern trennen, übernimmt oft ein Elternteil den Großteil der Sorgearbeit. Dafür kann Unterhalt vom anderen Elternteil verlangt werden. Wenn dieser aber nicht gezahlt wird, ist es möglich, vom Staat einen finanziellen Vorschuss zu erhalten. In Sachsen-Anhalt haben vergangenes Jahr rund 33.300 Alleinerziehende diese Hilfeleistungen bekommen. Mehr als 90 Prozent von ihnen sind Frauen.
Nun will Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU), dass die Vorschüsse nur noch bis zum 16. Geburtstag des Kindes gezahlt werden. Die Begründung: Stark gestiegene Kosten und geringe Rücklaufquoten von säumigen Zahlern.
Bundefamilienministerin Prien (CDU) will den Kostenanstieg beim Unterhaltsvorschuss eindämmen.
Rund 4.500 Kinder wären in Sachsen-Anhalt betroffen
Durch die Kürzungen, die Prien plant, würden rund 4.500 Kinder in Sachsen-Anhalt kein Geld mehr bekommen. Aus Sicht von Daniel Kemp, Geschäftsführer des Kinderschutzbundes Sachsen-Anhalt sind diese Pläne nicht tragbar: "Wir haben in Sachsen-Anhalt eine hohe Kinderarmut. Auch bei Elterngeld steht die Kürzung an. Und wenn wir die Eltern befragen, die Alleinerziehenden befragen, dann ist das für die gerade ein Signal, was deutlich macht, wir sind nichts wert."
Wir haben in Sachsen-Anhalt eine hohe Kinderarmut. Auch bei Elterngeld steht die Kürzung an. Und wenn wir die Eltern befragen, die Alleinerziehenden befragen, dann ist das für die gerade ein Signal, was deutlich macht, wir sind nichts wert. Daniel Kemp, Geschäftsführer des Kinderschutzbundes Sachsen-Anhalt
Beinahe jede dritte Familie ist alleinerziehend - Tendenz steigend
In Sachsen-Anhalt gibt es besonders viele Alleinerziehende im Vergleich zu anderen Bundesländern. 2025 gab es rund 84.000 Alleinerziehende in Sachsen-Anhalt, wie die vorläufigen Zahlen des Statistischen Landesamtes zeigen. Beinahe jede dritte Familie besteht somit aus nur einem Elternteil. Die Tendenz ist seit Jahren steigend. Gerade Alleinerziehende seien eine Gruppe, deren Kinder von Armut bedroht sind, sagt Daniel Kemp vom Kinderschutzbund. Die Sparmaßnahmen hätten daher massive Folgen für die Kinder und Jugendlichen.
Ein Blick auf die Einkommensverhältnisse im Land stützt Kemps Befürchtungen: In Sachsen-Anhalt sind im Bundesvergleich besonders viele Menschen armutsgefährdet. Jeder fünfte hat demnach ein Einkommen, dass unter 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland liegt. Das zeigt eine Auswertung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes für 2025. Nur in Bremen ist die Armutsquote höher. Alleinerziehende sind dabei noch stärker betroffen.
Hintergrund für die Kürzungen sind laut Bundesfamilienministerium Sparpläne im Bundeshaushalt. Die Kürzungen ab 16 Jahren erklärte Prien unter anderem auch damit, dass Alleinerziehende von Kindern im Alter von 16 oder 17 Jahren in der Lage seien, eine Vollzeitberufstätigkeit auszuführen.
Der Landesverband von Profamilia befürchtet jedoch negative Konsequenzen bei den Jugendlichen: "Mitunter könnten Heranwachsende mehr unter Druck stehen, selbst zum Familieneinkommen beizutragen und durch Jobs neben der Schule/Ausbildung einer höheren Belastung ausgesetzt sein." Dies gefährde die Abschlüsse aber auch die psychische Gesundheit der Jugendlichen. Man wünsche sich von der Politik Verlässlichkeit für die Familien und einen klaren Blick auf die Lebensrealitäten, so der Landesverband.
Landesozialministerium kritisiert Sparpläne
Auch vom SPD geführten Landessozialministerium gibt es deutliche Kritik an den Plänen: „Der Staat muss den Druck auf Unterhaltspflichtige erhöhen und nicht auf Kinder, die am wenigsten für die Situation können", sagt Sozialministerin Petra Grimm-Benne. Doch das Geld zurückzuholen, funktioniert selten: Vergangenes Jahr nur in 15 Prozent der Fälle in Sachsen-Anhalt.
Die Landessozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) kritisiert die gerplanten Einsparungen.
Der Grund: Viele Unterhaltspflichtige haben ein zu geringes Einkommen und können nicht zahlen. In vielen Fällen gehe zudem der Vollstreckungsversuch ins Leere, da kein pfändungsfreies Einkommen bzw. Vermögen besteht, teilte das Sozialministerium auf MDR-Nachfrage mit.
Angesichts der Tatsache, dass viele Unterhaltspflichtige auf das Auto angewiesen sind, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen, ist fraglich, ob ein Führerscheinentzug der richtige Weg ist. Petra Grimm-Benne, Landessozialministerin (SPD)
Mehr Druck auf säumige Väter?
Bundesfamilienministerin Prien will nicht nur kürzen, sondern auch die Rückführquote verbessern. Dafür sollen zentrale Einrichtungen in den Ländern gebündelt werden. Zudem soll es einfacher werden, ein Fahrverbot zu verhängen, wenn gegen die Unterhaltspflicht verstoßen wird. Sozialministerin Petra Grimm-Benne begrüßt die Intention, aber sieht den konkreten Vorschlag kritisch: "Angesichts der Tatsache, dass viele Unterhaltspflichtige auf das Auto angewiesen sind, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen, ist fraglich, ob ein Führerscheinentzug der richtige Weg ist."
Auch auf Bundesebene gibt es scharfe Kritik vom Koalitionspartner SPD. Noch liegt allerdings kein Gesetzesentwurf zu den Plänen vor.
MDR (Chiara Swenson, Leonhard Eckwert, Karin Roxer)