Ukrainer haben es geschafft – 40-Jährige und ihre Söhne arbeiten in Traumberufen

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Ukrainer haben es geschafft – 40-Jährige und ihre Söhne arbeiten in Traumberufen

Stand: 09.08.2026, 23:15 Uhr

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Ukrainer, Bad Hersfeld, Azubis, Geflüchtete

Sie haben es geschafft: Oleksii und seine Mutter Tetyana Tsarik aus der Ukraine haben Ausbildungsplätze gefunden. Der 20-Jährige ist Industrie-Elektriker und zeigt fürs Bild ein Multimeter. Die 40-Jährige macht eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten und hat einen Tröste-Teddy im Arm. © Kim Hornickel

Tetyana Tsarik lässt sich mit 40 Jahren zur zahnmedizinischen Fachangestellten ausbilden. Weil das Geld knapp ist, wechselt sich die Familie in der Fahrschule ab.

Rotenburg/Bad Hersfeld – In ihrer Heimat in der Ukraine hatte Tetyana Tsarik ein großes Aquarium mit vielen Fischen, heute steht ein kleines Becken in ihrem Wohnzimmer in Bad Hersfeld. Zwei Guppys ziehen ihre Bahnen. „Die Leute im Baumarkt sind streng, man bekommt nicht einfach so Fische, man muss die Wasserqualität mehrfach nachweisen“, sagt Tetyana Tsarik in fließendem Deutsch. Die strengen Regeln überraschen sie. Manches ist ihr in der neuen Heimat immer noch fremd.

Nach ihrer Flucht aus der Ukraine und der Ankunft in Deutschland vor vier Jahren müssen sich Tetyana Tsarik und ihre zwei erwachsenen Söhne ein neues Leben aufbauen. Eine Wohnung, einen Job, einen Führerschein – und eben ein kleines Aquarium sind für sie nicht selbstverständlich. Einen ersten Schritt hat die Familie aber kürzlich geschafft: Die drei haben eine Wohnung gemietet, in der sie unbefristet bleiben können.

Endlich ein Zuhause

Das war bisher nicht möglich. Immer wieder musste die kleine Familie umziehen. Von Kleba nach Hersfeld, dann nach Kirchheim und Mansbach und zurück nach Bad Hersfeld – jetzt ist Familie Tsarik froh, dass sie bleiben kann. Unter anderem das graue Sofa, der kleine weiße Schminktisch – die Möbel haben sich die drei nach und nach online gebraucht gekauft.

Große finanzielle Sprünge sind zwar nicht drin, aber die 40-Jährige und ihre 22 und 20 Jahre alten Söhne setzen Prioritäten – zwei Auszubildenden-Gehälter müssen für alles reichen. Tetyana lässt sich gerade zur zahnmedizinischen Fachangestellten ausbilden, ihr Sohn Andrii Tsarik lernt den Beruf des Fachinformatikers. Der 20-jährige Oleksii Tsarik ist mit seiner Ausbildung als Industrie-Elektriker fertig. Seine Prüfung hat er geschafft. Jetzt sucht er einen Job und schreibt Bewerbungen. „Ich möchte in der Nähe von Fulda arbeiten. Ich bin noch jung und möchte in einer großen Stadt leben“, sagt er. Die Arbeit mit den Händen mache ihm Spaß. Er zieht ein Multimeter aus der Tasche. Das Gerät misst unter anderem Spannung, Stromstärke und Widerstand.

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Firma K+S ist sein Traum

Seine Ausbildung hat Oleksii Tsarik über Kontakte gefunden. Da hatte er schon 30 Bewerbungen verschickt. Doch etwas Wichtiges fehlte ihm bisher: der Führerschein. „Wenn ich einen Führerschein habe, dann kann ich auch zum Beispiel bei K+S arbeiten. Dort habe ich mich auch beworben“, sagt der 20-Jährige. Weil das Geld jedoch knapp war, entschied der Familienrat gemeinsam, wer den Führerschein zuerst machen durfte. Sein Bruder brauchte den Führerschein damals, um zur Arbeit nach Bad Hersfeld zu kommen. Inzwischen haben die drei wieder etwas Geld gespart und Mutter Tetyana Tsarik und ihr Sohn gehen gemeinsam zur Fahrschule. „Mit meinem älteren Sohn Andrii bin ich schon zur Berufsschule gefahren“, sagt Tetyana Tsarik und muss lachen.

Ganz auf sich allein gestellt ist die Familie in ihrem Alltag zum Glück nicht. Im ukrainischen Hilfeverein in Rotenburg hat Tetyana Tsarik Anschluss gefunden. Besonders bei der Ankunft in Deutschland helfen sich die Frauen gegenseitig, bei Behördengängen, Wohnungssuche, Sprachkursen oder hören einander einfach zu.

Vereinsgründerin Olena Miatlik weiß, wie schwer es ist, in Deutschland eine Ausbildung zu machen, wenn nebenbei noch Deutschkurse, Wohnungssorgen und Kinderbetreuung dazukommen. Umso wichtiger ist es ihr, dass Menschen wie Tetyana Tsarik ihre Erfolgsgeschichte erzählen. „Ich soll mutig sein und zeigen, was möglich ist, hat Olena gesagt. Und sie hat recht. Ich bin stolz auf mich, denn ich habe es geschafft, dass mein Traum, in einem medizinischen Beruf zu arbeiten, in Erfüllung geht“, sagt Tsarik und lächelt verlegen.

Rakete traf ihr Viertel

Sie will Hilfe leisten können, wenn es anderen schlecht geht. 2022, im Krieg, als Russland ihr Viertel bombardierte, hatte die gelernte Verkäuferin noch kein medizinisches Fachwissen. Eine Rakete schlug damals in der Nachbarschaft ein. Die Nachbarin wurde verletzt. „Sie ist gestorben, der Krankenwagen kam nicht durch“, erzählt Tetyana Tsarik und schaut auf den kleinen Wohnzimmertisch, auf dem Kekse und Plätzchen in einer weißen Schale liegen. „Aber jetzt habe ich beim Thema Notfälle in der Prüfung eine Eins bekommen“, sagt die 40-Jährige und schaut auf.

Um die deutsche Sprache, das Fachwissen und die vielen medizinischen Begriffe zu lernen, üben Tetyana Tsarik und ihre Söhne jeden Tag, auch nach der Schule. In der Praxis Dr. Ruppel-Schönewolf in Bad Hersfeld wendet die 40-Jährige ihr Wissen dann an – und wird gelobt. „Die Leute sind sehr nett mit mir. Sie sagen, dass ich so positiv bin und bedanken sich.“ Wenn die Auszubildende von Begegnungen mit Patienten erzählt, dann lächelt sie. Oleksii Tsarik nickt. „Die Sprache ist schwierig, aber wenn ich mal einen Fehler mache, dann wurde an der Arbeit ein Witz gemacht und es ging weiter“, sagt der 20-Jährige. Den oft gehörten deutschen Spruch „Übung macht den Meister“ kennen die beiden schon auswendig.

Der Arbeitsalltag fehlt Oleksii Tsarik. Er hofft, schnell eine Stelle zu finden. „Ich langweile mich zu Hause und möchte etwas tun.“ Aber während er auf Rückmeldungen der Firmen wartet, hat der gelernte Elektriker Zeit, weiter an seinen Zukunftsplänen zu feilen: „Ich möchte irgendwann Meister werden“, sagt er. Welche Pläne hat seine Mutter Tetyana Tsarik? Die 40-Jährige hat sich umgehört und will auch nach der Ausbildung weiterlernen: „Ich hoffe, dass ich mich über die Landesärztekammer fortbilden kann“, sagt sie.