"Der Winter wird bitter": Militärexperte sieht Ukraine in dramatischer Lage
Flugabwehr für die Ukraine "Da werden sich die Amerikaner verweigern"Aktualisiert am 06.08.2026 - 07:35 UhrLesedauer: 4 Min.Keine einzige russische Rakete konnte die Ukraine in der Nacht zu Mittwoch abfangen. E...
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Flugabwehr für die Ukraine
"Da werden sich die Amerikaner verweigern"
Aktualisiert am 06.08.2026 - 07:35 UhrLesedauer: 4 Min.
Keine einzige russische Rakete konnte die Ukraine in der Nacht zu Mittwoch abfangen. Eine Verbesserung der Lage ist nicht in Sicht, sagt Militärexperte Gressel.
Der jüngste Angriff legt die Verwundbarkeit der Ukraine schonungslos offen: Von 28 russischen Raketen konnten die Verteidiger in der Nacht zu Mittwoch keine einzige abfangen. Mindestens 17 Menschen wurden bei dem Angriff in und um Kiew getötet, 44 weitere verletzt. Und es dürfte nicht der letzte traurige Tag für die Ukraine in diesem Krieg gewesen sein.
Seit Monaten appelliert Präsident Wolodymyr Selenskyj an die Verbündeten, mehr Flugabwehrraketen zu liefern. Besonders dramatisch ist der Mangel an Munition für die Patriot-Systeme der Ukraine. Als wirksamstes Mittel gegen russische Raketen wie Iskander, Zirkon oder Kinschal gelten Patriot-Raketen der jüngsten Generation vom Typ PAC-3. Diese wurde speziell gegen Raketen entwickelt, während sich die Vorgängerversion PAC-2 etwa zur Bekämpfung von Kampfjets besser eignet.
Nun aber könnten die PAC-3-Bestände der Ukraine endgültig zur Neige gegangen sein, fürchtet auch der österreichische Militärexperte Gustav Gressel.
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"Zuletzt kam noch eine kleine Lieferung aus Polen"
"Die Lagerbestände sind geheim, aber wenn überhaupt, hat die Ukraine nur noch sehr wenige dieser Raketen", sagt Gressel auf Anfrage von t-online. "Es kann sein, dass die Ukrainer noch welche zurückhalten, es kann aber auch sein, dass sie jetzt komplett ausgegangen sind", so Gressel. Größere Mengen an PAC-3-Raketen habe Kiew lange nicht erhalten. "Zuletzt kam noch eine kleine Lieferung aus Polen, die sind aber auch längst verschossen", erklärt der Politikwissenschaftler und Offiziersausbilder des österreichischen Bundesheeres.
Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation löste kürzlich die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump aus, der Ukraine die Herstellung von Patriot-Raketen in Lizenz zu gestatten. Die Zusage aus Washington kam überraschend, schließlich hatte sich die Trump-Regierung den Bitten aus Kiew monatelang verschlossen. Doch vorige Woche relativierte Trump seine Zusage schon wieder und nach Angaben des US-Botschafters bei der Nato, Matthew Whitaker, wird die Ukraine die Patriot-Lizenz nicht vor dem Winter erhalten. Für Gustav Gressel kommt diese Entwicklung nicht überraschend.
Gressel glaubt nicht an Patriot-Lizenzen für die Ukraine
"Ich glaube nicht, dass die Ukraine wirklich die Lizenz für Patriot-Raketen bekommt, da werden sich die Amerikaner verweigern", so der Militärexperte. "Wenn es um den Export von Waffen geht, ist die US-Bürokratie extrem langsam, mal ganz abgesehen von den politischen Launen des Präsidenten." Zur Debatte stehe ohnehin nur die Erlaubnis zur Produktion von PAC-2-Raketen, deren Nutzwert gegen Russlands ballistische Raketen begrenzt ist. "Ob die Ukrainer jemals Lizenzen für PAC-2 bekommen, hängt von der bestellten Stückzahl und politischen Faktoren ab", so Gressel. Theoretisch sei es aber denkbar.
Ein Grund für die ausbleibenden Patriot-Lieferungen an die Ukraine ist wohl auch der seit Ende Februar andauernde Krieg der USA gegen den Iran. Das US-Arsenal an Abfangraketen hat sich infolge des Konflikts gefährlich geleert: Einer aktuellen Schätzung des Center for Strategic Studies in Washington zufolge verfügt die US-Armee derzeit über höchstens noch 827 Patriot-Raketen – vor dem jüngsten Waffengang waren es demnach mehr als 2.300.
Ukraine erhält nur noch ein Drittel so viele Abfangraketen wie 2025
US-Generalstabschef Dan Caine soll wegen der schrumpfenden Bestände Bedenken geäußert haben bezüglich der Lieferung von Patriot-Raketen an die Ukraine. Wie dramatisch die Lage sein muss, lassen auch Angaben des ukrainischen Präsidenten vom Mittwoch erahnen. Selenskyj zufolge erhält sein Land derzeit nur noch ein Drittel so viele Flugabwehrraketen wie im Jahr 2025.
Vor diesem Hintergrund schaut Gustav Gressel mit Sorge auf die kommenden Monate. "Der Winter wird bitter für die Ukrainer", so der Militärexperte. "Die Russen werden ihre Angriffe wieder auf Energieeinrichtungen konzentrieren wie schon im vergangenen Winter. Rüstungsbetriebe greifen sie nur gelegentlich an, weil sie in der Regel nicht wissen, wo die sich befinden. Abgesehen davon werden sie wieder wahllos zivile Ziele angreifen, um maximalen Terror zu verbreiten", fürchtet Gressel. Und bis sich die Ukraine mit eigenen Mitteln gegen den russischen Terror wehren kann, dürfte noch einige Zeit vergehen.
Russland nutzt die Lage gnadenlos aus
Unter dem Namen Freyja entwickelt die ukrainische Rüstungsfirma Fire Point bereits ein eigenes Flugabwehrsystem, auch unter Beteiligung der deutschen Firma Diehl Defence. Der Konzern könnte Infrarot- und Radarsuchköpfe beisteuern, wie es sie im Flugabwehrsystem Iris-T verbaut, das auch bereits in der Ukraine im Einsatz ist. "Es wird aber dauern, bis das Freyja-System fertig entwickelt ist", sagt Gustav Gressel. "Die ersten Tests damit wird es nächstes Jahr geben, die Serienproduktion dürfte ab 2028 beginnen." Nach jüngsten Angaben von Firmenchefin Iryna Terekh will Fire Point dann jährlich mindestens 2.000 Abfangraketen herstellen.
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Doch Russland ist sich der Schwäche der ukrainischen Flugabwehr bewusst – und nutzt die Situation gnadenlos aus. Nach Angaben der Vereinten Nationen steigert Russland die Intensität seiner Luftangriffe von Monat zu Monat. Der ukrainischen Luftwaffe zufolge hat Russland allein im Juli 376 Raketen auf die Ukraine abgefeuert – und damit mehr als doppelt so viele wie im Juni. Den jüngsten UN-Zahlen zufolge waren die Monate Mai und Juni die bisher tödlichsten für ukrainische Zivilisten seit dem russischen Überfall im Februar 2022.
Insgesamt wurden im ersten Halbjahr 2026 demnach 1.396 Zivilisten bei russischen Angriffen getötet und knapp 8.000 weitere verletzt. Das ist laut UN eine Steigerung von 37 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum und von 114 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2024. "Die Zahlen zeigen einen alarmierenden Trend an und machen deutlich, dass die Bedrohung für ukrainische Zivilisten nicht nur hoch ist, sondern auch immer weiter zunimmt", warnen die UN in ihrem Bericht.
