„Historische Vereinbarung“? Trumps Gaza-Plan scheitert am Machtpoker von Hamas und Netanjahu

StartseitePolitikTrump-Friedensplan für Gaza steckt im „Du zuerst“-DilemmaStand: 06.08.2026, 21:53 UhrKommentareUns auf Google folgenEin Fahrplan soll Hamas-Entwaffnung und Israels Abzug verzahnen. Doch beide S...

  • 7 min read
„Historische Vereinbarung“? Trumps Gaza-Plan scheitert am Machtpoker von Hamas und Netanjahu

Trump-Friedensplan für Gaza steckt im „Du zuerst“-Dilemma

Stand: 06.08.2026, 21:53 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Ein Fahrplan soll Hamas-Entwaffnung und Israels Abzug verzahnen. Doch beide Seiten verlangen den ersten Schritt vom Gegner. Der Plan steckt fest.

Washington, D. C. – Ein neuer Friedensplan von US-Präsident Donald Trump soll den Gazastreifen entmilitarisieren, den Abzug der israelischen Armee ermöglichen und eine neue palästinensische Verwaltung einsetzen. Doch der aufwendig konstruierte Fahrplan kommt schon am Ausgangspunkt kaum voran. Weder Israel noch die Hamas beabsichtigen, ihre entscheidende Machtposition zuerst aufzugeben.

Content-Partnerschaft

Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsweek.com.

Der Konflikt dreht sich um eine scheinbar einfache, politisch aber hochriskante Frage. Israel möchte seine Truppen erst nach der vollständigen Entwaffnung der Hamas zurückziehen. Die islamistische Terrororganisation macht ihre Entwaffnung dagegen von einem vorherigen oder parallelen israelischen Abzug abhängig, wie beide Seiten öffentlich erklärten.

Benjamin Netanjahu und Donald Trump posieren nebeneinander im Oval Office des Weißen Hauses.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu (links) und US-Präsident Donald Trump am 28. Juli 2026 im Oval Office in Washington. Trumps Gaza-Fahrplan stößt bei Israel und der Hamas auf zentrale Vorbehalte. © GPO/AFP

Trump verkündet „historische Vereinbarung“ für Gaza

Trump hatte Ende Juli in den sozialen Medien erklärt, sein Board of Peace, der von ihm gegründete Friedensrat, dem aktuell 28 Staaten angehören, habe eine „historische Vereinbarung“ erreicht. Der US-Präsident bezeichnete sie als „monumentalen Schritt“ auf dem Weg zu Frieden und Sicherheit im Gazastreifen. Israel sei mit dem Ergebnis sehr zufrieden, behauptete Trump zunächst, obwohl die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu dem vorgelegten Entwurf nicht zugestimmt hatte.

Der vom Friedensrat veröffentlichte Fahrplan umfasst 15 Punkte. Er sieht die Entwaffnung der Hamas, einen schrittweisen israelischen Rückzug, eine palästinensische Übergangsverwaltung und den Wiederaufbau des weitgehend zerstörten Gazastreifens vor. Langfristig stellt das Dokument zudem einen politischen Weg zur palästinensischen Selbstbestimmung und Staatlichkeit in Aussicht.

Entwaffnung der Hamas und Israels Abzug sollen parallel laufen

Die militärische Infrastruktur der Hamas soll nach dem Plan schrittweise und innerhalb festgelegter Zeiträume abgebaut werden. Jeder Fortschritt bei der Entwaffnung wäre mit einer weiteren Phase des israelischen Rückzugs verbunden. Ein international besetztes Prüfungsgremium soll jeweils feststellen, ob beide Seiten ihre Verpflichtungen erfüllt haben.

Die zivile Verwaltung soll vorübergehend an das Nationale Komitee zur Verwaltung des Gazastreifens (National Committee for the Administration of Gaza, NCAG) übergehen. Eine internationale Stabilisierungstruppe soll die neue palästinensische Polizei ausbilden, die Waffenruhe absichern und zwischen palästinensisch und israelisch kontrollierten Gebieten eingesetzt werden. Der frühere UN-Nahostgesandte Nickolay Mladenov erklärte, Rückzug und Entwaffnung müssten sich „im Gleichschritt“ vollziehen.

Netanjahu lehnt vorgelegten Gaza-Entwurf ab

Netanjahu machte jedoch deutlich, dass Israel den veröffentlichten Fahrplan nicht akzeptiert hat. „Sie haben uns einen Entwurf geschickt – wir haben nicht zugestimmt, es ist nicht unser Entwurf. Wir haben unsere Anmerkungen geschickt“, sagte der Ministerpräsident in einer Videobotschaft. Israel werde seine Positionen im Gazastreifen halten, bis die Hamas vollständig entwaffnet und das Gebiet demilitarisiert sei.

Die Hamas stellt die umgekehrte Bedingung. „Wir werden keinen Schritt zur Entwaffnung unternehmen, bevor Israel sich aus dem Gazastreifen zurückgezogen hat“, sagte Hamas-Unterhändler Ghazi Hamad dem Sender Al Jazeera. Aussagen der Konfliktpartei lassen sich nicht unabhängig als Zusage für eine tatsächliche spätere Entwaffnung bewerten.

Trumps Friedensrat verschärft Bedingungen für Israels Rückzug

Nach einem Treffen Mladenovs mit Netanjahu änderte der Friedensrat Anfang August seine öffentliche Darstellung der Reihenfolge. Ein israelischer Rückzug über die sogenannte Gelbe Linie hinaus solle nun erst erfolgen, wenn leichte und schwere Waffen sowie Tunnel vollständig außer Betrieb genommen worden seien. Damit rückte der Friedensrat von Mladenovs vorheriger Formulierung eines Rückzugs „im Gleichschritt“ mit der Entwaffnung zumindest erkennbar ab.

Die Klarstellung dürfte die israelischen Sicherheitsbedenken berücksichtigen, erschwert aber eine Zustimmung der Hamas. Die Organisation hatte dem ursprünglichen Fahrplan nach eigenen Angaben nur unter der Bedingung einer parallelen Umsetzung zugestimmt. Der entscheidende Streit über die Reihenfolge bleibt somit ungelöst.

Gaza-Fahrplan lässt entscheidende Kriterien offen

Selbst bei einer grundsätzlichen Zustimmung beider Seiten blieben zentrale Umsetzungsfragen unbeantwortet. Der Fahrplan legt nicht konkret fest, welche Menge abgegebener Waffen welchen israelischen Rückzugsschritt auslösen würde. Ein detaillierter Zeit- und Maßnahmenplan soll erst innerhalb von 14 Tagen nach der Zustimmung aller Beteiligten ausgearbeitet werden.

Damit sollen beide Seiten zunächst auf einen Teil ihrer militärischen Hebelwirkung verzichten, bevor alle Kontrollmechanismen feststehen. Unklar bleibt etwa, wie Streit über die Entscheidungen des internationalen Prüfungsgremiums gelöst werden soll. Ebenso offen ist, ob die internationale Stabilisierungstruppe umstrittene Entscheidungen tatsächlich durchsetzen könnte.

Kontrolle der Hamas-Entwaffnung bleibt besonders schwierig

Ein israelischer Rückzug wäre vergleichsweise leicht zu überprüfen. Internationale Beobachter könnten Truppenbewegungen, Militärfahrzeuge und geräumte Stellungen dokumentieren. Bei der vollständigen Entwaffnung der Hamas wäre ein zweifelsfreier Nachweis erheblich schwieriger.

Inspekteure könnten bestätigen, dass Waffen abgegeben und bekannte Tunnel zerstört wurden. Sie könnten jedoch kaum sicher ausschließen, dass weitere Raketen, Waffenlager oder unterirdische Anlagen verborgen bleiben. Israel könnte deshalb stets auf noch nicht entdeckte Bestände verweisen, während die Hamas Israel vorwerfen könnte, einen unerfüllbaren Maßstab für einen dauerhaften Verbleib seiner Truppen zu nutzen.

Wo Trumps Gaza-Plan feststeckt

StreitpunktPosition IsraelsPosition der HamasVorschlag des FriedensratsOffene Frage
EntwaffnungIsrael verlangt eine vollständige, überprüfbare und dauerhafte Entwaffnung der Hamas vor einem weiteren Truppenabzug.Die Hamas erklärt, waffenbezogene Schritte erst nach der Erfüllung früherer israelischer Zusagen einzuleiten. Dazu zählt sie ein Ende der Angriffe, mehr Hilfslieferungen und vereinbarte Rückzugsschritte.Die Entwaffnung soll schrittweise erfolgen und mit einem israelischen Rückzug in mehreren Phasen verbunden werden.Welche Verpflichtung muss zuerst erfüllt sein?
Israelischer RückzugDie israelische Armee soll ihre derzeitigen Linien halten, bis die Entwaffnung abgeschlossen ist. Ein Rückzug über die Gelbe Linie hinaus komme erst danach infrage.Die Hamas verlangt zunächst die Einhaltung des vereinbarten Waffenstillstands und einen Rückzug auf die zuvor festgelegte Gelbe Linie.Weitere Rückzugsschritte sollen an überprüfte Fortschritte bei der Entwaffnung gekoppelt werden.Welche Waffenabgabe löst welchen Rückzugsschritt aus?
KontrolleIsrael fordert belastbare Sicherheitsgarantien und einen zweifelsfreien Nachweis, dass Waffen und militärische Infrastruktur dauerhaft unbrauchbar gemacht wurden.Die Hamas befürchtet, dass Israel offene Prüfkriterien nutzen könnte, um den vollständigen Rückzug auf unbestimmte Zeit zu verschieben.Ein internationales Prüfungsgremium soll die Umsetzung kontrollieren und den Übergang zur jeweils nächsten Phase freigeben.Was geschieht, wenn eine Konfliktpartei das Prüfergebnis nicht anerkennt?
Verwaltung GazasDie Hamas soll ihre politische und militärische Kontrolle über den Gazastreifen vollständig verlieren.Die Hamas hat grundsätzlich eine Übergabe der zivilen Verwaltung signalisiert, beansprucht nach Medienberichten aber weiterhin Einfluss auf den Übergangsprozess.Das Nationale Komitee zur Verwaltung des Gazastreifens soll die zivile Verantwortung vorübergehend übernehmen.Wie unabhängig kann das Technokratenkomitee tatsächlich handeln?
Künftige SicherheitIsrael will verhindern, dass sich die Hamas nach einem Abzug erneut bewaffnet oder ihre militärischen Strukturen wiederaufbaut.Die Hamas will ihre Waffen nicht an Israel oder andere ausländische Akteure übergeben, sondern allenfalls unter palästinensische Kontrolle stellen.Eine internationale Stabilisierungstruppe und neu ausgebildete palästinensische Polizeikräfte sollen den Waffenstillstand und die öffentliche Sicherheit absichern.Wer setzt die Vereinbarung durch, wenn eine Seite ihre Verpflichtungen verletzt?

Die Positionen beruhen auf öffentlichen Aussagen der Konfliktparteien und dem veröffentlichten Fahrplan. Die Aussagen Israels und der Hamas lassen sich nicht als neutrale Tatsachendarstellung behandeln. Zentrale Kriterien und Durchsetzungsmechanismen sind weiterhin ungeklärt.

Hamas müsste ihre Macht im Gazastreifen aufgeben

Für die Hamas bietet der Plan trotz dieser Risiken erkennbare Vorteile. Israelische Angriffe könnten enden, Truppen könnten abziehen und der Wiederaufbau könnte beginnen. Zudem würde die Organisation von der Aufgabe entlastet, ein zerstörtes Gebiet zu verwalten, in dem sie grundlegende Dienstleistungen nur noch eingeschränkt bereitstellen kann.

Der politische Preis wäre allerdings erheblich. Die Hamas müsste die zivile Verwaltung, die Sicherheitsstrukturen und ihre bewaffnete Macht an das neue palästinensische Komitee übergeben. Nach der Einordnung von „Newsweek“ käme dies einer weitgehenden Selbstabschaffung der Hamas als herrschender Kraft im Gazastreifen gleich.

Netanjahu steht vor riskanter Entscheidung

Auch für Netanjahu ist ein Entgegenkommen mit erheblichen innenpolitischen Risiken verbunden. Israel wählt am 27. Oktober eine neue Knesset, und Umfragen sehen den Ministerpräsidenten vor einem schwierigen Wahlkampf. Sicherheitspolitik, der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 und der weitere Umgang mit dem Gazastreifen gehören zu den prägenden Themen der Abstimmung.

Ein Rückzug vor der vollständigen Entwaffnung der Hamas könnte Netanjahus Versprechen eines „totalen Sieges“ infrage stellen. Zugleich müsste er mit Widerstand seiner rechtsnationalen politischen Verbündeten und Wähler rechnen. Mehrere Vertreter der israelischen Rechten haben Trumps Plan bereits öffentlich abgelehnt.

Trumps Friedensplan im Nahost-Konflikt: Ein Scheitern würde vor allem Netanjahu angelastet

Selbst ein erfolgreicher Friedensprozess böte Netanjahu politisch nur begrenzten Ertrag. Die Anerkennung würde sich Trump, der Friedensrat, arabische Vermittler und die neue palästinensische Verwaltung teilen. Bei einer erneuten Bewaffnung der Hamas oder einem weiteren Angriff auf israelische Zivilisten dürfte dagegen vor allem Netanjahu verantwortlich gemacht werden.

Genau darin liegt das zentrale „Du zuerst“-Dilemma des Plans. Beide Seiten könnten von einem Ende der Kämpfe profitieren, müssten dafür aber zuerst einen Teil jener Machtmittel aufgeben, die ihr politisches oder militärisches Überleben sichern. Trumps Friedensrat hat detailliert beschrieben, wie ein Weg aus dem Gaza-Konflikt aussehen könnte – doch bislang ist niemand bereit, den ersten Schritt zu gehen.