Trockenstress und Hitzewellen: Wie verwundbar sind Hessens Wälder?

StartseiteRhein-Main & HessenStand: 17.08.2026, 07:00 UhrKommentareUns auf Google folgenBäume machen eine harte Zeit durch im Sommer 2026. Immer heftigere Waldbrände weltweit machen auch vor Hessen nicht h...

  • 5 min read
Trockenstress und Hitzewellen: Wie verwundbar sind Hessens Wälder?

Stand: 17.08.2026, 07:00 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

11.07.2026, Hessen, Kronberg: Trockene Äste an einem Laubbaum, in den Wäldern des Taunus zwischen Kronberg und Oberursel. Wegen der anhaltenden Trockenheit steigt dort jedoch die Waldbrandgefahr drastisch. Foto: Helmut Fricke/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Bäume machen eine harte Zeit durch im Sommer 2026. Immer heftigere Waldbrände weltweit machen auch vor Hessen nicht halt. Ein Förster erklärt, welche kleinen Fehler im Wald große Folgen haben können. © Helmut Fricke/dpa

Weltweit wüten immer heftigere Waldbrände. Bald auch in Hessen? Ein Forscher und ein Förster erklären, wie real diese Gefahr ist und was jeder von uns dagegen tun kann.

Hessen – An mehreren Orten in Hessen sind in den vergangenen Monaten Waldfeuer ausgebrochen. Das Hessische Forstministerium hat deshalb vergangene Woche Alarmstufe A für Waldbrandgefahr ausgerufen.

„Die Lage ist momentan sehr angespannt", sagt Klaus Velbecker, Leiter des Forstamts Groß-Gerau, das für 13 000 Hektar Wald in Südhessen zuständig ist. Die Hitzeperiode mit über 40 Grad habe die Oberböden massiv austrocknen lassen, berichtet er. Die Grasschicht sei größtenteils abgestorben und erinnere inzwischen an trockenes Stroh. „Wir haben jetzt schon den Stand wie normalerweise erst Ende September", sagt Velbecker. Das sei brandgefährlich – und für die Jahreszeit hochungewöhnlich.

Waldbrandsaison in Hessen verläuft intensiv

Die Alarmstufe A bedeutet für das Forstamt einige konkrete Vorkehrungen. Die Mitarbeiter nehmen Kontakt zu Brandschutz-Dienststellen auf und werden für das Thema sensibilisiert. Zusätzlich fahren sie intensiver Streife, um Waldbesucher etwa auf illegales Feuermachen oder Rauchen zu kontrollieren. Auch Feuerwehren patrouillieren laut Velbecker mit kleineren Einsatzfahrzeugen durch die Wälder.

Förstner Klaus Velbecker zählt für sein Forstamt in diesem Jahr bereits 18 Waldbrände auf rund drei Hektar. Zum Vergleich waren es 2024 zwei Brände und 2023 acht. Im heißen und trockenen Jahr 2022 waren es 38. Die Waldbrandsaison ist erst im Oktober vorbei, Juli und August gelten laut Velbecker als intensivste Monate. Groß-Gerau sei eines der waldbrandanfälligsten Forstämter Hessens, weil die Region besonders trocken und warm sei. „Wir haben hier noch viele Nadelholzbestände mit viel Gras im unteren Bereich. Das sind die Bereiche, die natürlich besonders schnell Feuer fangen", sagt Velbecker.

Vorschaubild für den lokalen Newsletter für das Bundesland Hessen (FR)

Jetzt abonnieren! © IPPEN.MEDIA

Abonnieren Sie HIER Ihr News-Update für ganz Hessen

Kompakt und aktuell: Erhalten Sie immer am Dienstag und Freitag die wichtigsten Nachrichten aus Hessen als E-Mail direkt in Ihr Postfach.

Der Blick ins Ausland macht nervös: In Frankreich wüteten kürzlich die schlimmsten Waldbrände der Landesgeschichte – erstmals bildeten sich dort sogenannte Feuerwolken, ein Phänomen, das sonst aus Kanada oder Australien bekannt ist. Ist so etwas auch in Hessen denkbar?

Hessische Waldbeschaffenheit birgt Gefahren

Zumindest klimatisch nicht ohne Weiteres, sagt Prof. Dr. Thomas Hickler von der Goethe-Universität Frankfurt und dem Senckenberg-Forschungszentrum im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau für Ippen.Media. „Eigentlich leben wir in einem sogenannten Sommerregenklima“, erklärt er. In Spanien oder Südwestfrankreich herrsche dagegen Winterregenklima, dort würden die Sommer regelmäßig viel trockener. Doch das könnte sich ändern: Klimamodelle zeigen für die Zukunft weniger Niederschlag und mehr Sommerdürre – auch für Hessen.

Das Wetter ist laut Hickler aber nur ein Faktor. Entscheidend sei auch, wie viel brennbare Biomasse im Wald steht. „Nadelholzmonokulturen wie Kiefern, die es in Hessen überwiegend gibt, brennen besser als Laubmischwälder", so der Forscher. Steigende Verdunstung durch wärmere Sommer schwäche zudem viele heimische Baumarten. Besonders gefährlich seien tote, ausgetrocknete Nadelbäume, die gut brennen.

Viele hessische Wälder, etwa im Taunus, sind Hickler zufolge zudem nicht natürlich gewachsen. Nach dem Krieg habe man aus Holznot großflächig Fichten gepflanzt, eine Baumart, die eigentlich aus kälteren, feuchteren Regionen stammt und dem Klimawandel schlecht gewachsen ist, erklärt der Waldforscher.

Keine Nachrüstung in Hessen vorgesehen

Im Ernstfall stehen in Hessen rund 80 000 ehrenamtliche und rund 3000 hauptberufliche Einsatzkräfte für den Brand- und Katastrophenschutz bereit, teilt eine Sprecherin des Hessischen Innenministeriums mit. Sie sind aktuell auch stark gefordert. In den drei Wochen vor dem 4. August 2026 haben die zuständigen kommunalen und Kreis-Kräfte demnach 20 Ereignisse bewältigt. Inzwischen dürfte die Zahl durch diverse Waldbrände in den vergangenen Tagen noch einmal deutlich angestiegen sein.

Wie Feuerwehren und Forstbehörden dabei zusammenarbeiten, regelt dem Ministerium zufolge ein gemeinsamer Waldbranderlass von Innen- und Landwirtschaftsressort. Die Alarmstufen A und B löst demnach das Landwirtschaftsministerium anhand des täglichen Waldbrandgefahrenindex des Deutschen Wetterdienstes aus. Die Gefahrenabwehr vor Ort übernehmen dann die zuständigen Kommunen und Landkreise, unterstützt von HessenForst mit Orts-, Wald- und Fachkenntnis.

Die Abläufe würden regelmäßig praktisch überprüft, so das Ministerium weiter. Trotz der dramatischen Bilder aus Südeuropa sieht das Innenministerium aktuell keinen akuten Aufrüstungsbedarf. Eine zusätzliche Nachrüstung allein wegen der Alarmstufe A sei derzeit nicht vorgesehen, die Verhältnisse in der Mittelmeerregion seien mit den hessischen nicht vergleichbar, teilt die Sprecherin mit. .

Der Mensch ist für den Wald die größte Gefahr

Trotz besorgniserregender Vorzeichen, ist ein Frankreich-Szenario bei der hiesigen Waldbeschaffenheit eher unwahrscheinlich, so sieht es auch Prof. Dr. Thomas Hickler. Der Laubwaldanteil nehme zu und Laubwälder brennen schlechter. Hinzu kommen laut Förstner Klaus Velbecker gute Walderschließung mit vielen Waldwegen für Löschfahrzeuge sowie viele Waldbesucher, die Brände früh melden. Auch die Feuerwehren im Kreis seien inzwischen deutlich besser ausgerüstet.

Gleichzeitig ist der Mensch jedoch die häufigste Brandursache. „Natürliche Ursachen machen bei Waldbränden gerade mal ein bis zwei Prozent aus. Der Rest ist menschengemacht“, sagt Velbecker. Meist gehe es um weggeworfene Zigarettenkippen oder um Autos, die auf trockenem Gras parken. „Auf einmal steht nicht nur das Gras in Brand, sondern auch das Auto, und mit ihm der Wald“, so Velbecker. Manchmal blockierten Waldbesucher unwissentlich auch die Zufahrtswege für die Feuerwehr.

Langfristig führe an einem Waldumbau kein Weg vorbei, sagt Velbecker. Nötig seien klimaresilientere, weniger waldbrandanfällige Bestände mit mehr Laubholz. Waldforscher Hickler nennt zusätzlich zu mehr Artenvielfalt auch Löschwasserreservoirs im Wald und eine bessere Überwachung, etwa per Satellit, als denkbare Gegenmaßnahmen. Doch beide Wald-Experten sind sich einig: Ohne die aufmerksame Mithilfe des Waldbesuchers oder der Waldbesucherin und ohne eine Rücksicht auf die Natur seitens des Menschen kommt kein wirksamer Waldschutz aus.