Putins „Amazon“ brennt: Russen weinen – Ukraine gelingt massiver Wirkungsschlag

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Putins „Amazon“ brennt: Russen weinen – Ukraine gelingt massiver Wirkungsschlag

Tränen für verbrannte Pelzmäntel: Russen jammern nach Ukraine-Angriffen auf Online-Riesen Wildberries

Stand: 25.07.2026, 11:38 Uhr

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Ukrainische Drohnen zerstören Lager des russischen Amazon-Pendants. Verkäuferinnen beklagen weinend ihre Verluste – und blenden dabei den Kontext komplett aus. 

Moskau/KIew – Flammen verschlingen eine riesige Lagerhalle, während Tatjana Michailowa fassungslos davor steht. Ihre 4000 Pelzmäntel, monatelang im Voraus für den Winter geordert, gehen in Rauch auf. „Nicht bloß ein Lager verbrennt hier“, erklärt die Russin auf Instagram. „Es ist deine investierte Zeit, der ganze Stress, dein Geld und der letzte Rest Hoffnung. Nur noch Leere fühle ich.“

Russische Online-Händlerinnen weinen nach ukrainischen Angriffen auf Wildberries-Lagerhäuser

Russische Online-Händlerinnen weinen nach ukrainischen Angriffen auf Wildberries-Lagerhäuser. © dpa/Threads (Fotomontage)

Michailowa gehört zu Hunderten, womöglich Tausenden russischen Kleinunternehmern, die eine Angriffswelle ukrainischer Drohnen auf Wildberries in den Ruin treibt. Der Konzern gilt als russisches Pendant zu Amazon und dominiert den Online-Handel des Landes. Seitdem fluten Klagevideos die sozialen Netzwerke – vor allem junge Frauen weinen vor laufender Kamera über ihre Verluste. Für das Desaster machen sie ausschließlich die Ukraine verantwortlich.

Wildberries-Angriff im Ukraine-Krieg: Verkäuferinnen verzweifelt – „Alles zerstört“

Nach den jüngsten Treffern bei St. Petersburg am Freitag kursieren Aufnahmen voller Schock und Wut. „Erst töteten die Ukrainer meinen Mann. Dann betrog mich die Bank. Jetzt verbrannte alles, was mir blieb, in den Lagern. Was soll noch kommen?“, schluchzt eine Frau.

Völlig aufgelöst erklärt sich eine weitere Verkäuferin für bankrott. „Schluss, aus, vorbei. Offiziell pleite bin ich jetzt“, weint sie. „Im Lager verbrannte meine Ware. Danke, Ukrainer.“ Eine Geschäftsfrau aus St. Petersburg ringt ebenfalls mit den Tränen: „Kein Geschäft existiert mehr. St. Petersburg. Zerstört ist alles, die Lager verschwunden. Weshalb nur?“

Direkt an ihre Kunden wendet sich eine Mutter mit der Bitte um Hilfe: „Eine normale Mutter von zwei Kindern bin ich. Bei Wildberries verbrannte meine Ware“, sagt sie unter Tränen. „Kauft bitte den Rest meiner Produkte, ehe die Ukrainer die übrigen Lager niederbrennen.“

Die Fassungslosigkeit vieler bringt ein Mann auf den Punkt: „St. Petersburgs Wildberries-Lager stehen in Flammen. Schon von den Nachrichten zittere ich. Zwei, drei Lager würden brennen und dann aufhören, dachte ich – aber nein. Den Überblick habe ich längst verloren.“ Fassungslos fragt eine Verkäuferin nach Lektüre der Netzreaktionen: „Ukrainer, fehlt euch jegliches Mitgefühl?“

Russlands Amazon: Was Wildberries für die Händler bedeutet

Die Verzweiflung erschließt sich erst, wenn man Wildberries‘ Bedeutung in Russland kennt. Etwa die Hälfte sämtlicher Online-Verkäufe des Landes wickelt der Konzern ab, rund 48.000 Menschen beschäftigt er. Tatjana Kim, einst Lehrerin und junge Mutter, gründete die Plattform 2004 als Kleiderhändlerin. Mittlerweile beziffert „Forbes Russia“ ihr Vermögen auf 8,1 Milliarden US-Dollar – sie gilt als vermögendste Frau Russlands.

Im Gegensatz zu Amazon verkauft Wildberries kaum eigene Produkte. Fast ausschließlich  fungiert die Plattform als Marktplatz: Unabhängige Händler werden mit Käufern verbunden, ihre Waren gelagert, ausgeliefert und die Bezahlung abgewickelt. Zwischen 500.000 und 800.000 Verkäufer nutzen das System nach Schätzungen. Gerade einkommensschwächere Russen außerhalb der Metropolen – ein Kernbestandteil von Präsident Wladimir Putins Wählerbasis – schätzen die Plattform. Selbst in abgelegene Dörfer reicht das Netz der Abholpunkte.

„Ukrainer, habt ihr denn gar kein Mitgefühl?“

Diese Struktur trifft die Verkäufer nun mit voller Wucht. Brennt eine Halle, verbrennt nicht Wildberries‘ Ware – sondern ihre. Modedesignerin Wiktoria Terechowa schickte vergangene Woche nahezu ihre komplette Sommerkollektion an Kinderkleidung ins Großlager Elektrostal östlich von Moskau. Innerhalb weniger Tage war alles vernichtet: 12.000 Artikel, etwa 45 Prozent ihres Gesamtbestands, plus weitere 4000 Stücke bei Angriffen im Süden. Oleg Kondratjew, Mitgründer der Marke Airbase, verlor Ware im Wert von rund fünf Millionen Rubel (etwa 90.000 Dollar). „Unsere Kredite können wir nicht mehr bedienen, weil der Wildberries-Verkauf gestoppt ist. Steuern stehen bald an – zahlen können wir sie höchstwahrscheinlich nicht“, erklärt er.

Kaum Entschädigung für Händler – und brisante AGB-Änderung

Ein zweiter Grund nährt die Wut der Händler. Elf Tage vor den ersten Angriffen änderte Wildberries seine Verkäuferbedingungen. Die Haftung für durch „höhere Gewalt“ zerstörte Waren – ausdrücklich auch Drohnenangriffe – schloss der Konzern aus. Kleine und mittlere Händler bleiben auf ihren Verlusten sitzen. Zwar kündigte Konzernchefin Kim Entschädigungen an, doch Betroffene berichten von Almosen: Anton Brjanski, Importeur chinesischer Kleidung, verlor Ware im Wert von 4,6 Millionen Rubel (rund 44.000 Euro) – und erhielt 19.000 Rubel. „Weniger als ein Prozent des Schadens“, sagt er.

Der Gesamtschaden der ukrainischen Angriffe fällt gigantisch aus. Marktforscher Data Insight beziffert allein die zerstörten Waren auf geschätzte 170 Milliarden Rubel – etwa 2,2 Milliarden Dollar. Laut Wirtschaftszeitung Kommersant umfassen die getroffenen Standorte rund 552.000 Quadratmeter, etwa ein Zehntel der gesamten Wildberries-Lagerkapazität. Experte Jimmy Rushton, unabhängiger Außenpolitik-Analyst in Kiew, warnt: „Sollten diese Angriffe anhalten, wird Wildberries bald nicht mehr existieren.“

Ukraine-Angriffe auf Wildberries: Kiew nennt militärische Gründe

So schwer die Bilder wiegen: Willkürliche Schläge gegen Wehrlose sind die ukrainischen Angriffe nicht. Präsident Wolodymyr Selenskyj nannte Wildberries zwar nicht namentlich, erklärte jedoch, ukrainische Kräfte hätten „bedeutende Logistikeinrichtungen“ getroffen, über die sanktionierte Drohnenkomponenten und Navigationsausrüstung transportiert würden. Tatsächlich wurden auf der Plattform noch Stunden nach den Angriffen zahlreiche militärnahe Güter zum Kauf angeboten: Splitterschutzwesten, Erste-Hilfe-Sets, Feldrationen, Drohnenbrillen und Drohnenkomponenten – darunter bis zu zwölf Kilometer lange Glasfaserkabel zur abhörsicheren Steuerung von FPV-Drohnen an der Front. Auf der Einkaufsliste von Zivilisten stehen solche Kabel wohl kaum.

Als „unverzichtbare Komponente“ der russischen Logistik bezeichnet Serhij Kusan, Vorsitzender des Ukrainischen Zentrums für Sicherheit und Zusammenarbeit, den Konzern. „Der Hauptgrund für die Angriffe auf Wildberries-Lager ist, die russische Logistik und die Versorgung mit Gütern mit doppeltem Verwendungszweck, kritischer Elektronik und sanktionierten Waren für die russische Armee zu stören“, sagte er der BBC. Nach humanitärem Völkerrecht kann eine zivile Einrichtung zum legitimen Ziel werden, wenn sie wirksam zu militärischen Handlungen beiträgt.

Über den Nachschub hinaus geht es jedoch um mehr. „Jeden Russen berührt dieser Angriff, weil die Menschen immer stärker vom Online-Handel abhängen“, erklärte der russische Ökonom Sergei Gurijew, Dekan der London Business School, dem Exilmedium Meduza. „Jahrelang versuchte der Kreml, den Russen einzureden, das Leben gehe trotz des Krieges normal weiter. Diese Illusion lässt sich schwer aufrechterhalten, wenn riesige Rauchsäulen über den Städten aufsteigen. Ein doppelter Schlag sind diese Angriffe – gegen die Kriegsmaschinerie und gegen das Bild der Normalität.“

Pelzmäntel gegen Wohnhäuser: Was die Klagevideos verschweigen

Genau hier liegt der Punkt, den die Klagevideos ausblenden. Der Schmerz und die Existenzängste der Händlerinnen sind natürlich echt. Doch die Selbstinszenierung als unschuldige Opfer „barbarischer“ Ukrainer verschweigt die Verhältnisse. Pelzmäntel, Kinderkleider und Kosmetik brannten in den getroffenen Hallen – schmerzhafte, aber ersetzbare Waren. Die Beschäftigten wurden nach Unternehmensangaben zumeist vor den Einschlägen evakuiert.

Anders sieht Russlands Krieg gegen die Ukraine aus. Seit viereinhalb Jahren beschießt Moskau systematisch Postämter, Einkaufszentren, Kraftwerke, Brücken, Schulen und Krankenhäuser. Ganze Städte und Dörfer liegen in Trümmern. Erst diese Woche schlugen russische Raketen im Umland von Kiew ein und verletzten Dutzende Menschen. Der SRF-Korrespondent David Nauer resümiert dementsprechend: „Nach viereinhalb Jahren Krieg wollen die Ukrainer, dass die Russen den Krieg auch einmal richtig zu spüren bekommen.“

Ob Kiews Kalkül aufgeht, bleibt offen. Russlands Wirtschaft soll so stark geschädigt werden, dass sich der Kreml den Krieg irgendwann nicht mehr leisten kann. Putin gibt sich unbeeindruckt: „Stabil“ bleibe der Zustand der russischen Wirtschaft, „trotz externer Versuche der Destabilisierung“, sagte er. Für die weinenden Wildberries-Verkäuferinnen dürfte das ein schwacher Trost sein. Und genau das könnte Putin doch noch sehr gefährlich werden. (Verwendete Quellen: Kyiv Post, The Guardian, CBC, BBC, SRF) (cel)