Ties Rabe: Warum reden wir nicht endlich über die Unterrichtszeit?
Mit ein paar Unterrichtsstunden mehr wären fast alle PISA-Probleme gelöst, meint der ehemalige Hamburger Schulsenator. ©Getty Es scheint nur ei...
- 6 min read
Mit ein paar Unterrichtsstunden mehr wären fast alle PISA-Probleme gelöst, meint der ehemalige Hamburger Schulsenator.
©GettyEs scheint nur ein kleiner Hinweis zu sein: „Empirische Befunde zeigen deutlich, dass bei zusätzlicher Unterrichtszeit höhere Fachleistungen erreicht werden.“ So steht es ein wenig versteckt auf Seite 54 in dem knapp 190 Seiten langen Gutachten „Basale Kompetenzen vermitteln – Bildungschancen sichern. Perspektiven für die Grundschule“ der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK). Herausgegeben von 16 führenden deutschen Bildungswissenschaftlern.
So viel Klarheit gibt es selten: Eine Reform, die zu höheren Fachleistungen führt und deren Erfolg „empirisch“ und „deutlich“ nachgewiesen ist – besser geht es doch gar nicht! Und eigentlich ist es auch ganz logisch. In drei Unterrichtsstunden lernt man mehr als in zwei. Dafür hätte die Schulwelt vermutlich kein knapp 190 Seiten starkes Gutachten gebraucht. Viele Bildungspolitiker und -experten aber offenbar schon. Denn die Unterrichtszeit steht leider selten auf ihrem Diskussionszettel.
Dabei hätte bereits eine minimale Erhöhung gewaltige Lerneffekte. Wenn alle Grundschulkinder pro Woche je eine zusätzliche Deutsch- und Mathematikstunde bekommen würden, wäre das 20 bis 25 Prozent mehr Deutsch- und Matheunterricht als bisher. In vier Schuljahren hätten die Kinder insgesamt ein dreiviertel bis volles Schuljahr mehr Lernzeit. Damit wären mit einem Schlag die meisten Bildungsprobleme in Deutschland gelöst.
Klingt verrückt, aber die Rechnung ist leicht überprüfbar. Denn alle Bildungsstudien berechnen im Kleingedruckten, wie lange Kinder lernen müssen, um höhere Kompetenzen zu erreichen: In einem Lernjahr verbessern sich Grundschulkinder laut IGLU-Studie beispielsweise im Lesen durchschnittlich um rund 40 Punkte. Mit 40 Punkten mehr wären Deutschlands Grundschulkinder Europameister im Lesen, noch vor Spitzenreiter England (34 Punkte Vorsprung) und Vizemeister Finnland (25 Punkte Vorsprung).
Mehr Unterrichtszeit ist die richtige Antwort auf unsere Bildungsprobleme
„Zu teuer, keine Lehrer!“, werden Kritiker entgegnen. Abwarten. Überschlägig gerechnet brauchen wir für zwei zusätzliche Unterrichtsstunden deutschlandweit rund 11.000 zusätzliche Vollzeitlehrkräfte. Aber die Schülerzahlen gehen deutlich zurück, und viele Bundesländer haben die Lehrerbildung reformiert. Das Ende des Lehrermangels rückt näher und wird von vielen Bildungsforscherinnen und -forschern bereits für die nächsten fünf Jahre vorhergesagt. Wenn in zwei bis drei Jahren, beginnend mit Klassenstufe 1, jedes Jahr aufwachsend eine Klassenstufe eine Stunde mehr Unterricht bekommt, dann ist vieles möglich, was heute unmöglich scheint.
Und die Kosten? Theoretisch eine Milliarde Euro pro Jahr für die rund 11.000, aber viel wahrscheinlicher null Euro. Ja, Sie haben richtig gelesen. Denn bis 2029 haben alle Grundschulkinder einen Rechtsanspruch auf Nachmittagsbetreuung bis 16 Uhr. Dafür muss die Bildungs- und Betreuungszeit bis 16 Uhr ausgeweitet werden. Und es ist gleichgültig, ob ausschließlich die Betreuungszeit oder ob auch die Unterrichtszeit erhöht wird. Beides kostet Geld. Das Deutschen Jugendinstitut berechnet in einem Gutachten für die Bundesregierung für eine Betreuungsstunde am Nachmittag sogar gut zwei Erzieher pro Schulklasse. Da ist eine normale Unterrichtsstunde mit einer Lehrkraft pro Schulklasse sogar preiswerter! Und überdies sind die Mehrkosten für die Ganztagsangebote schon lange im neuen Ganztagsprogramm „eingepreist“.
Selbst wenn diese Synergieeffekte mit dem Ganztagsprogramm aufgrund von Eigensinnigkeiten, Tricks und Schummeleien in den Finanzbeziehungen zwischen Ländern, Kommunen und Trägern nur zum Teil gehoben werden können, kostet mehr Unterricht in allen Grundschulklassen deutlich weniger als andere Schulreformen wie zum Beispiel das Startchancen-Programm oder der DigitalPakt Schule.
Das Problem: Nicht nur die Politik nimmt die Unterrichtszeit nicht ernst genug. Auch die Schulwelt bringt ihr nicht immer die Wertschätzung entgegen, die sie verdient hätte. Aus dem Gefühl heraus, dass Unterrichtszeit in Hülle und Fülle vorhanden ist und übergroße Lebensanteile der Kinder beansprucht, wird wertvolle Unterrichtszeit manchmal sogar schlicht vertrödelt.
Ein paar Beispiele: Muss man in den letzten Tagen vor den Sommerferien wirklich so viele Filme gucken und Quizspiele veranstalten? Ist es zwingend nötig, jüngere Schülerinnen und Schüler nach Hause zu schicken, damit die älteren ihre Abschlussklausuren schreiben können? Warum finden so viele Fortbildungsmaßnahmen und Lehrerkongresse vormittags statt? Warum fällt der Unterricht nach einem Ausflug oft auch dann aus, wenn dieser schon um 11 Uhr endet? Und warum läuft der Unterricht nach den Zeugniskonferenzen in vielen Schulen nur noch auf Sparflamme?
Übrigens: Als die Zahl der Unterrichtsstunden in allen Hamburger Grundschulen im Jahr 2011 von 26 auf 27 pro Woche erhöht wurde, haben viele Schulen mit Rückendeckung des Ministeriums im Unterricht „Frühstückspausen“ organisiert, um die Kinder „zu entlasten“.
Mehr Unterrichtszeit ist bezahlbar, nachweislich sehr wirksam und als Reform leichter umzusetzen als fast alle anderen Bildungsreformen.
Ties Rabe, ehemaliger Hamburger Schulsenator
Welchen Grund hat diese augenzwinkernde „Großzügigkeit“ beim Umgang mit der Unterrichtszeit? Liegt es vielleicht daran, dass in der Wahrnehmung der Schulwelt jeden Tag Unterricht ist? Nicht wenige engagierte Lehrkräfte wachen morgens mit dem Gedanken an den Unterricht auf und gehen abends mit der Unterrichtsplanung für den nächsten Tag ins Bett. Aus diesem persönlichen Erleben entsteht vielleicht das Gefühl, die Kinder hätten ständig Unterricht. Und dann will man ihnen vielleicht „etwas Gutes tun“, sie „entlasten“ und bei der Unterrichtszeit nicht auf die Minute achten. Doch das ist ein Fehler.
Denn Kinder sind zwar immer länger in der Schule, aber Unterricht bleibt für sie ein rares Gut. Bei den in Deutschland üblichen 24 Wochenstunden in der Grundschule hat ein Kind pro Schultag 216 Minuten Unterricht. Was gern übersehen wird: An jedem zweiten Tag des Jahres ist aufgrund von Ferien, Feiertagen und Wochenenden schulfrei. Überschlägig verbringt ein Grundschulkind deshalb nicht einmal ein Sechstel der Zeit zwischen Aufwachen und Schlafengehen im Unterricht. Mehr als fünf Sechstel lernt das Kind woanders – hoffentlich.
Angesichts dieser verschwindend geringen schulischen Lernzeit darf man sich nicht wundern, dass es der Schule nicht gelingt, die durch das Elternhaus bedingten gewaltigen Bildungsunterschiede zu überwinden. Dafür fehlt der Schule schlicht die Zeit. Der Einfluss des Elternhauses und anderer außerschulischer Kräfte ist allein zeitlich betrachtet mehr als fünfmal so hoch.
Das gilt gerade für die sprachlichen und mathematischen Schlüsselkompetenzen, zum Beispiel für das Lesen. Zu Hause wird Lesen immer mehr zur Ausnahme. Ein klares Indiz: Der Anteil von Kindern aus Familien mit weniger als zehn Büchern hat sich laut IQB-Bildungstrend in den letzten 15 Jahren verdoppelt. Mittlerweile gibt es in knapp 40 Prozent der Familien weniger als 25 Bücher – inklusive Kinderbücher. Das sind klare Hinweise darauf, dass die Bildungszeit in den Familien zurückgeht.
Mehr Unterrichtszeit ist deshalb eine gute und richtige Antwort auf unsere Bildungsprobleme. Mehr Unterrichtszeit ist bezahlbar, nachweislich sehr wirksam und als Reform leichter umzusetzen als fast alle anderen Bildungsreformen. Denn wir müssen dafür weder die Schulen umbauen noch ein gewaltiges Bildungsprogramm starten. Wir müssen nicht 750.000 Lehrkräfte auf Fortbildungen schicken, kein bundesweites Datennetz aufbauen, weder das Grundgesetz ändern noch die Bund-Länder-Verhältnisse neu ordnen. Wir müssen eigentlich nur anfangen.