Steffen Krach im Wahlkampf: „Die Umfragen sind scheiße! Aber wir kämpfen weiter“

Der SPD-Spitzenkandidat startet mit großformatigen Plakaten in die heiße Wahlkampfphase und gibt sich kämpferisch. Doch die Umfragen bleiben verheerend. Glaubt Krach noch an die Wende?

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Steffen Krach im Wahlkampf: „Die Umfragen sind scheiße! Aber wir kämpfen weiter“

Es ist heiß an diesem Nachmittag im Hof des Kulturhauses Astra in Berlin. Gut 30 Grad, pralle Sonne. Steffen Krach steht mittendrin und spricht mit einer Inbrunst, die dem Wetter trotzt. Um ihn herum: Wahlplakate, Parteianhänger, Kameras. Und hinter ihm, zunächst noch mit weißen Planen verhüllt, die neuen Großplakate der Berliner SPD – bereit für ihren großen Auftritt in der Stadt.

Krach trägt auf einem der Motive ein knallrotes Jogging-Shirt, darunter die Botschaft: „Berlin wieder nach vorn.“ Der Mann will Energie ausstrahlen. Dynamik. Lösungskompetenz. Irgendwo auch Trotz. Denn die Umfragewerte der SPD sind seit Monaten im Keller.

Kämpfer gegen den Stillstand

Die Slogans auf den kleineren Plakaten sind griffig und alltagsnah: „Spielplatz ohne Spritze“, „Grundschule ohne Handy“, „Baustellen sind zum Bauen da, nicht zum Stellen“. Das Versprechen dahinter ist klar: Krach als Macher, als einer, der die kleinen, nervenden Dauermissstände dieser Stadt endlich anpackt. Und das große Thema fehlt natürlich nicht: „Der Mietenwahnsinn endet jetzt“, prangt auf einem der Großplakate. Es ist die erste Welle von vier großformatigen Motiven – weitere sollen folgen.

Krach nutzt die Bühne für eine Kritik am Senat unter Kai Wegner. „Es scheint für den Senat unter der Führung von Kai Wegner so zu sein, dass das kleinste Problem zu groß ist, um es zu lösen. Im Winter ist es das Glatteis, im Frühjahr die nicht funktionierenden Rolltreppen am Hauptbahnhof und im Sommer ist es die Giftraupe – und der Regierende Bürgermeister stellt sich hin und sagt: Ich kann das alles nicht lösen. Das kann nicht unser Anspruch sein“, sagt Krach. Sein Gegenentwurf klingt so: „Ich will nicht nach Zuständigkeiten fragen, sondern nach Notwendigkeiten handeln.“

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Expo, Olympia und Baden in der Spree

Auch beim Thema Stadtentwicklung setzt Krach auf klare Kante. Kein Schwimmen in der Spree wegen eines jahrzehntealten Schifffahrtsgesetzes? Für ihn inakzeptabel. „Das kann man lösen. Das haben andere Städte wie Paris gezeigt.“ Das Tempelhofer Feld soll nicht bebaut, sondern ein Jahrhundertpark werden – direkt angrenzend eine neue Bildungsuniversität mit 20.000 Studierenden.

Und Expo und Olympia? „Ich will auch keine Diskussion mehr darüber führen, ob wir Expo oder Olympia können. Nein, wir können beides.“

Imame in Deutschland ausbilden

Das zentrale Wahlkampfthema bleibt die Wohnungspolitik. Krach fordert einen Mietendeckel auf Landesebene und will dafür die Länderöffnungsklausel im Bund durchsetzen. „Ich werde da nicht nachlassen“, kündigt er an. Und er wird konkret: „Jetzt gibt es noch die Chance, ihre Mietverträge anzupassen, ohne Strafe. Aber wenn ich im Amt bin, als Regierender Bürgermeister, dann klingelt ziemlich schnell die Mietenpolizei.“ Massive Bußgelder für Vermieter, die weiter „abzocken“ – das ist die Ansage.

Ein Mietenkataster soll Transparenz schaffen: „Wir sehen, wo wird zweckentfremdet, wo werden zu hohe Mieten genommen, wo gibt es Leerstand?“

Krach verweist auch auf seine Mitgründung des Instituts für Islamwissenschaft an der Humboldt-Universität – ohne Unterstützung der CDU, wie er betont. Angesichts aktueller Debatten über islamistischen Terror sieht er sich bestätigt: „Jetzt zeigt sich, wie wichtig es ist, dass die Imame in Deutschland ausgebildet werden.“

Nach dem islamistischen Anschlag auf den Christopher Street Day hatte Krach zuletzt auch deutliche Töne gegen die Linke angeschlagen: Wer islamistischen Terror nicht klar benennen wolle, verharmlose ihn – und verlasse damit den gemeinsamen Boden im Kampf für ein freies, queeres Berlin. Ungewohnt direkte Worte an die Adresse eines potenziellen Koalitionspartners.

Umfragen im Keller

Und dann ist da noch die Realität der Zahlen. Laut einer neuen Insa-Umfrage liegt die SPD bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September nur auf Platz vier: AfD 19 Prozent, CDU 18 Prozent, Linke 18 Prozent, Grüne 16 Prozent – und die SPD abgeschlagen mit 13 Prozent. Krach selbst spricht es offen aus: „Wir kennen die Umfragen – und die sind scheiße, muss man so ganz offen sagen. Aber wir werden die nächsten 53 Tage kämpfen um jede einzelne Stimme für die Sozialdemokratie.“

Der Gegenwind aus dem Bund ist stark. Die Bundes-SPD kämpft selbst mit schwachen Zustimmungswerten, und dieser Sog erfasst auch die Berliner Genossen. Krachs Angriffe auf Wegner haben kaum Früchte getragen, der Hauptgegner ist weg – und die Kampagne muss nun gegen ein diffuses Gefühl des Misstrauens ankämpfen.

Ist die Energie im Astra-Hof echte Überzeugung oder gute Miene zum bösen Spiel? Krach selbst lässt keinen Zweifel: „Wir versprechen nicht allen alles, und wir machen auch keine unseriösen Versprechen. Wir machen ein ganz konkretes Angebot, was vom Tag eins meiner Amtszeit greifen kann.“

Sozialdemokratische Tradition

Was Krach noch hat, ist die Geschichte. Berlin ist wie kaum eine andere deutsche Großstadt von der Sozialdemokratie geprägt. Von Ernst Reuter über Willy Brandt und Klaus Wowereit bis zu Franziska Giffey stellte die SPD über Jahrzehnte den Regierenden Bürgermeister.

Die Erzählung der Stadt ist eng mit der SPD verbunden – als Partei des Wiederaufbaus, der Teilung, der sozialen Modernisierung. Krach weiß das und setzt darauf: „Wenn eine Stadt wächst und immer wieder Menschen hierherkommen wollen, dann kann nicht alles schlecht gewesen sein, was die Sozialdemokratie in den letzten 36 Jahren gemacht hat.“

Krach hofft, dass die Berliner sich an die guten Seiten der Sozialdemokratie erinnern. Ob das für eine Aufholjagd von mehr als fünf Prozentpunkten reicht, werden die nächsten Wochen zeigen.

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