Interview über sinnvolle Standards in der Ganztagsbetreuung
Von diesem Schuljahr an gibt es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung, der in der Grundschule stufenweise ausgebaut wird. Interview mit Caspar van Laak über sinnvolle Standards.
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Herr van Laak, Sie sind Koordinator der Ganztagsbetreuung am Gymnasium der Benediktiner Schäftlarn. Die Schule hat eine mehr als fünfzigjährige Erfahrung mit der Nachmittagsbetreuung, das System ist ausgeklügelt. Wie ist die Ganztagsbetreuung in Bayern aufgebaut – und wie jene in Schäftlarn?
In Bayern gibt es den offenen und den gebundenen Ganztag. Der Unterschied besteht darin, dass bei letzterem der Klassenverband erhalten bleibt. In Schäftlarn gibt es den gebundenen Ganztag, der aus unserer Sicht viele Vorteile hat. Die ganze Klasse ist in einem Raum versammelt, es gibt eine feste Bezugsperson, alle Schüler stehen vor denselben Herausforderungen.
Wie sieht der Ablauf des Ganztagsprogramms nach der sechsten Stunde aus?

Nach der sechsten Stunde gibt es ein Mittagessen, das die Jahrgangsstufen bereits mit ihren Erziehern einnehmen. Dafür sind 45 Minuten vorgesehen. Anschließend haben die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, an Wahlkursen teilzunehmen oder in die Freizeit zu gehen, dieses Element erstreckt sich abermals über eine Dreiviertelstunde. Es folgt die erste Studierzeit, wie wir sie nennen, à 45 Minuten. Nach einer Pause von 20 Minuten folgt die zweite, diesmal einstündige Studierzeit. Schluss ist um 16:40 Uhr.
Wie kann man sich die Studierzeiten vorstellen?
Sie finden im jeweiligen Klassenraum statt. Die Materialien, Schulbücher und was noch benötigt wird, müssen nicht hin- und hergetragen werden, Arbeitsblätter müssen nicht umständlich gesucht werden. Fällt einem Schüler ein, dass er sich auf einen Test am nächsten Tag vorbereiten muss, hat er die entsprechenden Materialien in jedem Fall zur Hand. In jeder Klasse gibt es leicht abweichende Rituale, die sich zwischen dem Erzieher und der Klasse einspielen: Werden die Hausaufgaben an die Tafel geschrieben; werden die Schüler von selbst ruhig; kommen sie mit einer Frage nach vorne oder melden sie sich? Diese Abläufe schaffen Struktur und Halt, jeder weiß, was er zu tun hat.
Wie lange gibt es den Ganztag in Bayern – und wie lange gibt es ihn schon in Schäftlarn?
In Bayern gibt es Ganztagsangebote an Schulen im größeren Stil seit dem Jahr 2002. Damals begann auf staatlicher Seite der schrittweise Ausbau offener und gebundener Ganztagsschulen. Kirchlichen Ganztag gibt es schon sehr viel länger, weil es kirchliche Internate schon sehr lange gibt. In Schäftlarn und auch in anderen kirchlichen Schulen wuchs der Ganztagsbetrieb aus dem Internatsbetrieb. Der Ganztag am Gymnasium Schäftlarn existiert seit 1974.
Was konnte man aus der Internatstradition und aus den lateinschulischen Ursprüngen Schäftlarns übernehmen?
Schon im Internat gab es eine Nachmittagsgestaltung mit Kindern, auch dort wurde mit Erziehern gearbeitet, mit denen sich die Lehrer ausgetauscht haben. Es gab ein Mittagessen, eine Spielzeit, die Hausaufgaben und den Klassenverband. Schon damals nannte man die Erzieher Präfekten.
Wie lange arbeiten Sie schon als Koordinator des Ganztags?
Ich bin seit 17 Jahren an der Schule und seit zehn Jahren in der Koordination tätig.
Was bringen ordentliche Hausaufgaben?
Hausaufgaben zeigen einem Schüler, inwieweit er in der Lage ist, eine ähnliche Aufgabe wie im Unterricht selbständig bearbeiten zu können. Die Hausaufgabe ist eine Übungsmöglichkeit für alle schriftlichen Tests. Erzieher dürfen bei den Hausaufgaben nur grob eingreifen – nur dann, wenn es in die falsche Richtung geht. Denn es sollen auch Fehler in den Hausaufgaben verbleiben, damit die Lehrer sehen, was Probleme bereitet.
Wer sind die Erzieher in Schäftlarn?
Das sind bei uns Personen, die einen pädagogischen Hintergrund haben, aber aus den unterschiedlichsten Berufen stammen. Denn den Ganztagserzieher gibt es nicht als Ausbildungsberuf oder Studium, daher steigen alle fachfremd in die Materie ein. Der jeweilige Erzieher ist rückgebunden an den Klassleiter. Er bespricht sich mit ihm über die Verteilung der Aufgaben und hat bei uns auch Einsicht in die Noten. Über die Schulmanager-App kann er die Hausaufgaben einsehen, auch über die gesamte Woche hinweg.
Wie gewinnen Sie Ihre Erzieher oder Präfekten, wie sie bei Ihnen heißen?
Wir bieten die Möglichkeit an, dass schon Sozialpädagogik-Studenten als Werkstudenten tätig sind, um sie dann als Bachelor der sozialen Arbeit zurückzugewinnen. Auch Lehrkräfte erhalten bei uns die Möglichkeit, sich jenseits von Noten auf die Betreuung zu konzentrieren. Einige unserer Lehrer sind auch als Erzieher tätig. Es gibt aber auch viele Quereinsteiger.
Auch Promovierte sind darunter, wie ich gesehen habe.
Wir haben unter anderem promovierte Biologen, Altphilologen, Romanisten, Theologen und Physiker.
Man hört immer wieder, es sei so schwierig, in Deutschland Erzieher für den Ganztag zu gewinnen.
Schwierig ist, dass die meisten Betreuungsjobs am Nachmittag gebraucht werden. Frauen und Männer, die selbst eigene Kinder zu betreuen haben, favorisieren natürlich Arbeitsplätze, deren Arbeitszeiten in der Hauptsache am Vormittag liegen. Ich denke, dass sich der Staat früher oder später überlegen könnte, ob er nicht den Erziehungs- mit dem Unterrichtsbereich verschränkt und mit dem rhythmisierten Ganztagskonzept arbeitet. Schulstunden finden dann teilweise am Nachmittag statt und Betreuungsstunden am Vormittag. Die Hausaufgaben können dann auch am Vormittag zwischendurch erledigt werden. So könnten Erzieher am Vormittag und am Nachmittag eingesetzt werden, da Erzieherstellen mit höherem Stundenumfang natürlich stärker gefragt sind.
Wie wird einem Kind geholfen, das in der Betreuung Schwierigkeiten mit den Hausaufgaben hat?
Bei uns in Schäftlarn gibt es die Möglichkeit, dass das Kind ins Lernbüro geschickt wird, wo abgestellte Fachlehrer Unterstützung anbieten. Zweitens kann der Erzieher selbst helfen, drittens ist die Peer-Group eine wichtige Stütze.
Was genau ist ein Lernbüro – wie viele halten sie vor?
Wir halten Lernbüros für mehrere Gruppen vor. Eines ist für die Kleineren, die Klassen 5 und 6; zwei Räume sind belegt für die Fächer Mathematik und Latein, das bei uns von der fünften Klasse an unterrichtet wird. In der Mittelstufe kommen noch Englisch und Französisch hinzu. In der Oberstufe geht es in der Hauptsache um Mathematik und Spanisch, weil wir mit dieser Sprache relativ spät beginnen. Das System funktioniert bei uns, weil wir derzeit eine relativ gute Personaldecke haben.
Sollte das, was Sie anbieten, aus Ihrer Sicht Standard sein an deutschen Schulen?
Wenn wir davon ausgehen, dass der Staat Eltern ermöglichen möchte, zum Arbeiten zu gehen, dann erwarte ich persönlich, dass Kinder bis zu einem gewissen Alter eine Betreuung erhalten, die gewisse Standards erfüllt. Nur so können aus meiner Sicht Kinder gut durch die Schule kommen, ohne dass sich irgendwelche Probleme aufstauen.
Wo sehen Sie Lücken im Ganztagskonzept, wie es heute vielerorts verwirklicht wird?
In Bayern sehe ich vielerorts das Problem, dass Erzieher und Lehrer – die Schule und die Betreuung am Nachmittag – zu wenig zusammenarbeiten. Die Betreuer haben keinen gescheiten Einblick in die Noten, die Hausaufgaben, den Unterricht. Zum Teil werden Noten aus Datenschutzgründen nicht weitergegeben. Meines Erachtens müssen Lehrer und Erzieher intensiv miteinander sprechen, damit die Erzieher die Schüler im Ganztag qualitativ gut unterstützen können.
Wenn ich als Erzieher eine große Gruppe im offenen Ganztag betreuen muss, ist es nach meiner Einschätzung viel schwieriger, den einzelnen Kindern und ihren Hausaufgabensituationen gerecht zu werden. Wenn zu viele Kinder aus zu vielen verschiedenen Schulklassen in einer Betreuungsgruppe zusammengefasst werden, verliert die Tätigkeit für den Erzieher an Attraktivität und auch an Qualität. Das Kind wird dann zwar oft betreut, aber Hausaufgaben macht es eigentlich nicht, weil die Betreuer zu viele verschiedene Hausaufgabensituationen von zu vielen Kindern inhaltlich nicht gut begleiten können.
Wie lange ist die Einführungsphase für Erzieher, die neu bei Ihnen anfangen?
Der Erzieher darf zunächst an mehreren Tagen in verschiedenen Studiersälen hospitieren. Aus den unterschiedlichen Konzepten kann er herausarbeiten, was zu ihm persönlich am besten passt. Anschließend suchen wir einen Studiersaal aus, dem der Erzieher länger zugeordnet wird. Der Betreuer überlässt ihm dann gelegentlich das Feld. Wenn das gut funktioniert hat, denken wir über einen eigenständigen Einsatz nach. Dieser wird dann durch Hospitationen und kollegiale Unterstützung von erfahrenen Kollegen begleitet, bis es läuft. Dieser Prozess kann bis zu drei Monaten dauern.
Die größte Herausforderung für alle Erzieher an unserer Schule ist, die richtige Balance zwischen Distanz und Nähe zu finden. Die Schüler sollen sich mit ihren Sorgen aufgehoben fühlen und Unterstützung bei den Hausaufgaben bekommen. Der Erzieher muss nah an den Themen der Klasse dran sein, ohne selbst zum Spielball der Kinder zu werden.