Für Likes ans Limit? Eine Generation im Extremsport-Fieber
Ich kann nicht kraulen, hasse Joggen und habe auch kein eigenes Rennvelo. Trotzdem melde ich mich für meinen ersten Triathlon an und stehe neun Monate später, kurz vor dem Startschuss, am Ufer des Sempachersees...
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Ich kann nicht kraulen, hasse Joggen und habe auch kein eigenes Rennvelo. Trotzdem melde ich mich für meinen ersten Triathlon an und stehe neun Monate später, kurz vor dem Startschuss, am Ufer des Sempachersees. Mich erwarten: 500 Meter schwimmen, 20 Kilometer Velofahren und 5 Kilometer rennen.
Diese spontane Idee, mich auf all diese Strapazen einzulassen und dafür zu trainieren, ist Teil eines Trends, der gerade eine ganze Generation junger Erwachsener erfasst: Immer mehr Menschen quälen sich freiwillig bis an ihre mentalen sowie körperlichen Grenzen und posten es in den sozialen Medien.
Wenn Training zum Content wird
Das Wettrennen läuft auch auf Instagram und Tiktok. Wer schafft den härtesten Lauf, die krasseste Challenge? Und wer erhält am meisten Aufmerksamkeit? Sport-Influencer wie Peter Bolliger machen das zu ihrem Beruf und verdienen damit ihr Geld.
Social Media sind wie ein Commitment-Buddy für mich.
«Wenn ich mein Ziel öffentlich teile, muss ich auch dafür trainieren», sagt Peter Bolliger, während er bei 30 Grad über eine Schotterstrasse joggt. Der 30-jährige Content-Creator aus dem Kanton Aargau dokumentiert seinen Trainingsalltag für Hunderttausende Followerinnen und Follower. Letzten Sommer lief er 26 Marathons in 26 Tagen durch alle Kantone der Schweiz. Seine nächste Challenge: ein Ultra-Trail-Run über 101 Kilometer und 6700 Höhenmeter.
Peter Bolliger beim Training für den Ultra-Trail-Run.
Peter Bolliger / SRF
Was von aussen wie eine endlose Erfolgsserie aussieht, hat auch eine Kehrseite. Peter Bolliger erzählt, dass Marathon, Triathlon und andere Extremsportarten auf Social Media extrem gepusht worden seien. Ein absolvierter Marathon erscheint inzwischen, als wäre es nichts. Das normalste der Welt. «Das ist sicher die negative Seite von Social Media», sagt Bolliger.
Sein Rezept dagegen: Bewusst wahrnehmen, wann einem der Vergleich mit anderen schadet – und dann den Blick auf die eigenen Fortschritte richten, statt auf fremde Bestzeiten.
1642 Franken für ein Ziel, das sich kaum jemand zutraut
Die Vorbereitung für einen solchen Event kostet einiges an Zeit, Nerven und Geld. Triathlonanzug, Sportuhr, Schwimmbrille, Velohelm, Laufschuhe: Am Ende gebe ich für meinen ersten Triathlon 1642 Franken an Equipment-Kosten aus.
Auch Schwimmunterricht benötige ich. Die erste Schwimmstunde verläuft mässig, der Trainer ist zunächst skeptisch, ob zwei Schwimmstunden für die Vorbereitung reichen. Aber ich lerne die Technik schnell. Dazu wächst mit jeder Trainingswoche mein Ehrgeiz.
Die Trainingsfortschritte teile ich, wie viele andere aus diesem Umfeld, auf Social Media. Die Reaktionen sind überraschend zahlreich: Kommentare, neue Followerinnen und Follower, Zuspruch und zahlreiche Tipps von anderen Sportlerinnen. Ein gutes Gefühl – aber eines, das mich auch nachdenklich macht. Geht es um die Erfahrung selbst? Oder nur darum, zu zeigen, dass man es schafft?
Wenn der Körper die Rechnung präsentiert
Dass diese Grenzerfahrungen nicht ohne Risiko sind, zeigt sich am Zürich City Triathlon. Der Event zählt mit 6000 Teilnehmenden zu den grössten Triathlons der Schweiz. Die Olympische Distanz war bereits weniger als zwei Wochen nach Anmeldestart ausverkauft, kurze Zeit später auch alle anderen Kategorien. Die Warteliste umfasste über 1500 Personen, die meisten von ihnen mussten vertröstet werden.
Rettungssanitäter Sandro Herren am Zürich City Triathlon.
SRF
Bei über 35 Grad kämpften sich die Teilnehmenden durch den Event. Rettungssanitäter Sandro Herren und sein Team – acht Rettungssanitäter, eine Notärztin und drei Personen der Sanitätskompanie der Milizfeuerwehr – stehen für den Ernstfall bereit. Und tatsächlich landen einige Athletinnen und Athleten bei ihnen.
Laien kennen ihren Körper weniger gut und können Warnsignale nicht so gut einschätzen wie Profis.
Viele treiben sich bis zur totalen Erschöpfung. «Die Teilnehmenden sind sehr ehrgeizig und kämpfen sich durch. Und nach dem Ziel bricht man dann zusammen. Aber Hauptsache, man hat es geschafft», erklärt Sandro Herren. Für ihn gehört das Risiko zum Sport dazu – solange die Teilnehmenden wissen, worauf sie sich einlassen.
Auch Content-Creator Peter Bolliger kennt die Grenze zwischen Ehrgeiz und Selbstüberschätzung gut.
Du kannst deinen Körper nicht austricksen. Er holt sich die Pause so oder so!
Beim gemeinsamen Nachtessen mit seiner Ehefrau Rebecca sagt Peter: «Der Körper holt sich die Pause, sobald du mental loslässt.» Nach einem besonders intensiven Projekt in der Wüste wurde er krank. Für ein paar Tage konnte er nicht mehr trainieren.
Seine Partnerin Rebecca kennt diese Momente aus nächster Nähe. Sie beschreibt, wie sich der Alltag rund um seine Challenges anfühlt: fordernd, manchmal auch belastend – aber auch mit Stolz auf das, was er leistet. «Das Schönste ist, wenn ich an der Ziellinie auf Peter warte und weiss, dass alles geklappt hat», erzählt Rebecca gerührt. Sie freut sich auf alle kommenden Läufe und Challenges und wird Peter immer unterstützen.
Den Ultra-Trail-Run über 101 Kilometer und 6700 Höhenmeter im Berner Oberland musste Peter Bolliger allerdings am Vorabend kurzfristig absagen. Seine Frau Rebecca musste notfallmässig ins Spital. In diesem Moment stand für ihn sofort fest, was wichtiger ist als jede Bestzeit.
Der Zieleinlauf – und die Frage danach
Meine Triathlon-Vorbereitungen sind nach neun Monaten abgeschlossen und der Tag des ersten Triathlons steht an: Schwimmen, allerdings ohne zu kraulen (zu viele Menschen, zu viele Wellen und zu wenig Luft). Velofahren mit brennenden Beinen.
Und ein letzter Lauf, bei dem sich mir die Frage aufdrängt, warum man sich das eigentlich antut. Beim Zieleinlauf mischen sich Erschöpfung und Stolz zu einem kaum beschreibbaren Gefühl.
Danach folgt das obligate Finisher-Bild auf Social Media. Schnell zeigt sich: Die Reaktionen fühlen sich gut an. Vielleicht zu gut. Denn kaum ist das Ziel erreicht, stelle ich mir schnell die Frage: Was kommt als Nächstes?
Endlich geschafft: Jubel im Zieleinlauf.
Elena Müller / SRF
Nicht alle machen bei diesem Spiel mit. Manche Athletinnen und Athleten posten bewusst wenig, um genau diesem Erwartungsdruck zu entgehen und in ihrem eigenen Tempo zu bleiben.
Die Grenze, die diese Generation auslotet, liegt nicht nur auf der Strecke zwischen Start und Ziel – sondern auch zwischen dem, was man für sich persönlich schafft, und dem, was es braucht, damit andere es sehen.