Siegt die Ukraine im Krieg um das Öl? Putin verschanzt sich hinter seinen Gouverneuren
StartseitePolitikStand: 14.08.2026, 19:35 UhrKommentareUns auf Google folgenEndet der Ukraine-Krieg an der Zapfsäule? Russland geht der Sprit aus, und der Kreml lässt seine Regionen im Stich. Entfremdung zum Di...
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Stand: 14.08.2026, 19:35 Uhr
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Endet der Ukraine-Krieg an der Zapfsäule? Russland geht der Sprit aus, und der Kreml lässt seine Regionen im Stich. Entfremdung zum Diktator nimmt zu.
Moskau – „Die Reparaturen werden die Anlage voraussichtlich monatelang außer Betrieb halten“, sagt Jewgeni Solntsew. Den Gouverneur des Gebiets Orenburg rund um die russische Großstadt Orsk zitiert der Kiyv Independent mit einer Hiobsbotschaft für den Kriegsherren Wladimir Putin: Vorerst wird kaum noch Öl aus einer beschädigten Raffinerie fließen. Mehrere schwere Wirkungstreffer auf Russlands Energieinfrastruktur werden Putins Kriegsmaschine voraussichtlich für ein halbes Jahr behindern – auch deshalb, weil die Sanktionen des Westens den Nachschub an Ersatzteilen zu unterbinden suchen.

Neben der Raffinerie im Süden des Uralgebirges im Bezirk Orenburg, nahe der kasachischen Grenze, sollen ukrainische Langstreckendrohnen aktuell auch noch im Raum Leningrad eingeschlagen sein. Der Kiyv Independent bezieht sich auf eine Meldung von Alexander Drozdenko: Laut dem dortigen Gouverneur habe die Ukraine in der Nacht zum 13. August mit Drohnen die Infrastruktur im Hafen von Ust-Luga beschädigt. Das dortige Ölterminal gilt als wichtig für den Umschlag von für den Export bestimmtem Rohöl und Erdölprodukten. Wladimir Putin gehen durch die geänderte Taktik der Verteidiger somit nicht nur eigene Ressourcen aus, sondern auch Einnahmen des Staates. Die Europäische Union behauptet, dass 90 Prozent der Öl-Importe aus Russland verboten sind.
Trotz der Treibstoffknappheit: Putin hat die Situation als „nicht kritisch“ heruntergespielt
Auch die USA haben bereits 2022 die Öl-Importe aus Russland gestoppt. Aber trotz der durch die Drohnentreffer verursachten Treibstoffknappheit bleibt die russische Führung vermeintlich gelassen, wie Associated Press im Juli berichtet hatte: Putin habe die mangelhafte Versorgung des Binnenlandes für eine der weltweit führenden Ölfördernationen als „nicht kritisch“ heruntergespielt, so die Nachrichtenagentur über ein Interview des Diktators Ende Juni mit einem russischen Journalisten. Allerdings scheint er den Druck nach unten weiterzugeben, wie Sam Jones aktuell berichtet. Damit versuche er, die Regierung gegen die sich anbahnende Katastrophe zu schützen, vermutet der Autor des US-Thinktanks „Jamestown Foundation“.
Niemand hat eine Antwort auf die Krise, weil niemand anerkennen will, dass Putins Krieg sie verursacht hat.
Jones zufolge soll die Krise regional gelöst werden, allerdings bleibt Putin mit einem Fuß auf dem Gas und tritt mit dem anderen die Bremse – auf Kosten der lokalen Verwaltungschefs: „Der Kreml hat die Gouverneure daran gehindert, auf dem freien Markt nach verfügbaren Treibstoffen zu suchen, wodurch ein System entstanden ist, in dem Gouverneure mit Verbindungen zu einflussreichen Patronagenetzwerken wahrscheinlich mehr Unterstützung von staatlichen Ölkonzernen erhalten als solche mit weniger engen persönlichen Verbindungen.“ Unabhängige Tankstellen seien besonders betroffen von der kriegsbedingten Ebbe. Im Juni hätten sowohl die Krim als auch Sewastopol den freien Benzinverkauf eingestellt, so Jones.
Krim-Bewohner trifft die Sprit-Krise hart: Kauf nur an jedem zweiten Tag möglich
Er berichtet von regional unterschiedlich organisierten Zuteilungsschlüsseln – auf der Krim wird der Kauf an einen elektronisch übermittelten QR-Code gekoppelt, im Gebiet Orjol an gerade und ungerade Kfz-Kennzeichen, sodass der Kauf nur an jedem zweiten Tag möglich wird. Laut Jones würde in anderen Bezirken verstärkt zur Arbeit im Homeoffice aufgerufen. Putin mitsamt der russischen Regierung läuft möglicherweise die Zeit davon: Vom 18. bis 20. September sind Wahlen zum russischen Parlament, der Staatsduma – der Wahlkampf allerdings wird auf kleiner Flamme geführt; zu brisant die aktuelle Lage des Ukraine-Krieges, der seine Auswirkungen jetzt deutlich im russischen Binnenland zeigt.
Anders als Wladimir Putin sich das gedacht und versprochen hatte. Allerdings warnen Analysten vor voreiligen Schlussfolgerungen über ein Ende des Ukraine-Krieges: „Wie lange Russlands Wirtschaft unter diesen Umständen bestehen kann, lässt sich nur spekulieren. Am wahrscheinlichsten ist, dass Moskau die Kriegsanstrengungen noch mindestens einige Jahre finanzieren kann, sofern Putin dies wünscht“, schreibt Edward Fishman für den US-Thinktank „Council on Foreign Relations“. Der Spezialist für Energiepolitik hält einen Sieg über Putin allerdings für möglich – wenn der Hahn für russisches Öl noch rigoroser zugedreht würde. Ihm sind die Sanktionen noch viel zu ineffizient. Gleiches gilt für die ukrainischen Drohnenangriffe.
Ukraine-Krieg kehrt sich um: Verschiebung des Kräfteverhältnisses bei den Tiefenangriffen
Trotz aller Erfolge scheint der Krieg gegen Russland ohne Raketen schwerlich zu gewinnen zu sein, berichtet Jean-Philippe Lefief. „Wir haben zwar eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses bei den Tiefenangriffen beobachtet, doch russische Angriffe werden oft von weitaus zerstörerischeren Raketen begleitet, während die ukrainischen Angriffe fast ausschließlich auf Drohnen basieren“, zitiert der Autor der französischen Tageszeitung Le Monde den wissenschaftlichen Direktor des Instituts für Strategie- und Verteidigungsstudien an der Universität Lyon. Aktuell scheint die Ukraine die russische Taktik zu kopieren und auf Masse zu setzen: Le Monde notiert allein für einen Angriff am 18. Juni die von russischen Behörden veröffentlichte Zahl von 992 abgeschossenen ukrainischen Drohnen über Russland und der Krim.
Falsch sei allerdings die Vermutung, das beweise eine effektive russische Luftabwehr, so Lefief. Dennoch lässt sich daraus die Schwierigkeit der ukrainischen Taktik ausmachen: Viel zu wenige Drohnen erreichten ihr Ziel, und diese Drohnen trügen auch zu geringe Sprengstoffkapazitäten. Allerdings justieren die ukrainischen Ingenieure nach – die Langstreckendrohnen FP-1 und Ljutyi bilden die Speerspitzen der ukrainischen Angriffsbemühungen. An der FP-1 sei zuletzt das Flügeldesign modifiziert worden, um der Maschine besseren Auftrieb zu geben, Sprit zu sparen und die Reichweite zu erhöhen. Der Segen ihres Erfolgs ist gleichzeitig ihr Fluch: Mit jedem zusätzlichen Kilometer sinkt auch ihre maximale Zuladung – von 120 bis auf 50 Kilo Sprengstoff.
Ukraine: Drohnenkrieg erreicht „Sättigungseffekt“ in beiden gegnerischen Lagern
Die Zerstörungskraft der Lyutyi ist mit ihren 50 bis 75 Kilogramm Sprengstoff ebenfalls mager. Allerdings liegen die Abschusszahlen von 80 bis 90 Prozent der ukrainischen Drohnen ähnlich hoch wie auf der Gegenseite die der russischen Geran-Drohnen. Le Monde-Autor Liefief spricht von einem „Sättigungseffekt“ in beiden gegnerischen Lagern. Die Treffer resultieren jeweils aus den Kapazitätsgrenzen der gegnerischen Luftverteidigungen. Ohne Beimengung von Raketen mit ihren Zuladungen von bis zu einer Tonne Sprengstoff verursachen die Drohnenangriffe in der Regel Schäden, die einfach zu beheben sind. Oder besser: zu beheben wären, denn die Energie-Industrie leidet unter Schwierigkeiten mit der Ersatzteilversorgung.
Allerdings hat der Westen bisher versäumt, innerhalb der Lieferketten alle Türen zu schließen, wie das Investigativ-Magazin The Insider Anfang des Jahres aufgedeckt hat: Putins Regime hängt danach am Tropf von mehr als 300 Zulieferern aus dem Westen. Die „Zwischenhändlerkette“, so The Insider, funktioniere weiterhin. In den russischen Geran-Drohnen fänden sich nach wie vor integrierte Schaltkreise des US-Herstellers Xilinx, die über einen Zwischenhändler zum sanktionierten Drohnenhersteller STC gelangten, so die Insider-Autoren. Ähnlich operiert die russische Rüstungsindustrie: „Die Ausrüstung ist importiert, und angesichts der Sanktionen könnten die Reparaturen bis zu sechs Monate dauern. Das Werk wurde komplett stillgelegt“, berichtet Jewgeni Solntsew über die Anlage in Orsk, so der Kiyv Independent.
Laut Analyst Sam Jones werde sich Wladimir Putin im September wohl dennoch seinen Wahlsieg erkämpfen, wie Jones für die „Jamestown Foundation“ schreibt. „Die Kluft zwischen Russlands herrschender Elite und der Bevölkerung war jedoch selten so deutlich. Die Gouverneure werden versuchen, die soziale Stabilität in ihren Regionen aufrechtzuerhalten, doch keiner von ihnen wird die wahren Ursachen der Defizite benennen. (…) Niemand hat eine Antwort auf die Krise, weil niemand anerkennen will, dass Putins Krieg sie verursacht hat.“ (Quellen: Europäische Union, Associated Press, Jamestown Foundation, Council on Foreign Relations, Le Monde, The Insider, Kiyv Independent) (hz)