Bondo GR: Nationalrätin wegen fahrlässiger Tötung angeklagt
Acht Menschen wurden von Geröllmassen erfasst und darunter begraben. Der Bergsturz in Bondo GR im Jahr 2017 kostete sie das Leben. Jetzt stehen fünf Kantons- und Gemeindeverantwortliche vor Gericht. Sie hätten die Tragödie kommen sehen müssen, so die Anklage.
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Sie soll für den Tod von acht Menschen in Bondo GR mitverantwortlich sein – jetzt schweigt sie
Bündner Nationalrätin wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung vor Gericht
Acht Menschen wurden von Geröllmassen erfasst und darunter begraben. Der Bergsturz in Bondo GR im Jahr 2017 kostete sie das Leben. Jetzt stehen fünf Kantons- und Gemeindeverantwortliche vor Gericht. Sie hätten die Tragödie kommen sehen müssen, so die Anklage.
Publiziert: 17:48 Uhr
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Aktualisiert: vor 12 Minuten
Darum gehts
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- Am 23. August 2017 erschütterte ein Bergsturz das Dorf Bondo GR
- Acht Menschen starben, 3 Millionen Kubikmeter Fels stürzten ins Tal
- Prozess gegen fünf Beschuldigte ab 24. August 2026 in Pontresina
Sandro ZulianReporter News
Am 23. August 2017 bebte im Bergeller Bergdorf Bondo GR, nahe der italienischen Grenze, der Boden. Die Nordostflanke des Piz Cengalo gab auf einer Höhe von 3000 Metern über Meer nach und schickte 3 Millionen Kubikmeter Geröll in Richtung Tal. Die Gesteinsmassen im freien Fall entsprechen dem Volumen von gut 13-mal dem Zürcher Prime Tower.
Nach dem Abbruch schob sich eine zerstörerische Geröll- und Eismasse in Richtung Bondo GR. Die Bilder und Videos von damals haben sich ins kollektive Schweizer Gedächtnis eingebrannt.
Am Tag des Geschehens sagte der SRF-Moderator in der «Tagesschau»: «Wenn ein Mensch – was im Falle von Bondo glücklicherweise nicht passiert ist – verschüttet und dann vermisst wird, zählt jede Minute.»
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Gute 24 Stunden später tauchte das sorgenvolle Gesicht des Bündner Kantonspolizei-Sprechers Roman Rüegg im Fernsehen auf, als er an einer Medienkonferenz in einer Turnhalle im Nachbardorf Stampa zerknirscht ankündigte: «Über Nacht hatten wir eine Lageentwicklung, die das Ganze doch in einem neuen Licht erscheinen lässt. Wir sprechen mittlerweile von vermissten Personen.»
Wer trägt die Schuld?
Acht vermisste Personen. Acht tote Personen. Die Leichen wurden nie gefunden. Der Berg hat sie behalten und bislang nicht wieder hergegeben. Wer trägt die Schuld am Tod der beiden deutschen Freunde Reinhard Höbrink (†59) und Helmut Karalus (†62), dem deutschen Vater Andreas Lauke und seiner Tochter Katharina (†19), einem Schweizer Paar und einem österreichischen Paar?
Geht es nach der Staatsanwaltschaft, ist die Sache klar: Unter anderem die heutige Bündner FDP-Nationalrätin Anna Giacometti (64), die damalige Gemeindepräsidentin von Bregaglia GR, zu der Bondo gehört.
Die Anklage ist sich sicher, dass nebst Giacometti auch ein privater Geologe mit eigener Firma, ein Forstingenieur des Bündner Amtes für Wald und Naturgefahren, ein Geologe und Bereichsleiter desselben Amtes und ein Förster der Gemeinde Bregaglia massgeblich daran schuld haben, dass die acht Menschen im Felssturz zu Tode kamen. Den fünf Beschuldigten wird mehrfache, fahrlässige Tötung vorgeworfen.
Vorboten ignoriert?
Die Staatsanwaltschaft erklärt: Die Behördenvertreter erkannten weit vor dem verheerenden Bergsturz nicht an, dass sich die Sicherheits- und Gefahrenlage am Piz Cengalo drastisch verschlechtert hatte.
In der Anklageschrift steht, dass es bereits ab dem 9. August deutliche Vorboten auf einen kurz bevorstehenden Bergsturz gegeben habe. Am 10. August rechnete Julien P.* – einer der angeklagten Geologen – mit einer instabilen Masse von 5 bis 6 Millionen Kubikmetern. Er empfahl gar, «die Val Bondasca vorläufig nicht mehr zu betreten», und erachtete für «sämtliche Maiensässhütten ein sofortiges Aufenthaltsverbot für sinnvoll».
Am 14. August hiess es in einem Mail von verschiedenen Mitarbeitern des Amtes für Wald und Naturgefahren an die Gemeinde Bregaglia dann aber: «Aus Sicht Naturgefahren hat sich die Gefährdungs- und Risikosituation für Fels-/Bergstürze aus dem Cengalo nicht massgebend verändert.»
«Val Bondasca offenhalten»
Gleichentags traf sich Gemeindepräsidentin Giacometti mit einer Gruppe, darunter zwei Mitangeklagte. Auch diese Aktennotiz irritiert: «Das Amt für Wald und Naturgefahren schlägt in Absprache mit dem Geologen Julien P. vor die 2015 beschlossenen Sicherheitsmassnahmen beizubehalten und das Val Bondasca offenzuhalten.» Zudem wurde beschlossen, Info-Plakate im Wandergebiet mit einem zusätzlichen Warnhinweis zu versehen.
In der Anklage heisst es: Die Beschuldigten seien verpflichtet gewesen, «Massnahmen zu empfehlen, um die Sicherheit der Wanderer und Berggänger zu gewährleisten». Das hätten sie verschlafen.
Das Verdikt der Anklage: Hätten die fünf beschuldigten Kantons- und Gemeindeverantwortlichen eine «vorsorgliche Sperrung» der Wanderwege umgesetzt, so wäre der Tod der acht Berggängerinnen und Berggänger «mit grösster Wahrscheinlichkeit vermieden worden».
Beschuldigte schweigen
Blick hat sämtlichen Angeklagten die Möglichkeit zur Stellungnahme eingeräumt. Vier gaben Antwort. Julien P. gibt sich am Telefon freundlich, lehnt ein Gespräch aber ab. Die damalige Gemeindepräsidentin Anna Giacometti schreibt: «Ich werde vor der Verhandlung, nach Rücksprache mit meinem Anwalt, keine Medientermine wahrnehmen.»
Die beiden Mitarbeiter des Bündner Amts für Wald und Naturgefahren schreiben Blick identische E-Mails zurück: «Da die Hauptverhandlung unmittelbar bevorsteht, möchte ich mich zum jetzigen Zeitpunkt nicht öffentlich zu den inhaltlichen Fragen äussern. Ich denke, es ist richtig, dass die unterschiedlichen Sichtweisen nun zunächst vor Gericht dargelegt und beurteilt werden.»
Erst vor Gericht wird auch bekanntwerden, welche Strafen die Staatsanwaltschaft fordert. Für mehrfache, fahrlässige Tötung stehen bis zu viereinhalb Jahre Gefängnis im Raum. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Der Prozess um den Bergsturz von Bondo findet ab Montag, 9 Uhr, am Regionalgericht Maloja im Kongresszentrum in Pontresina GR statt. Blick berichtet live aus dem Engadin.
* Name geändert