Selenski erstmals in Serbien willkommen: Was hinter Vucics Einladung steckt
Hinter der Einladung des prorussischen serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic stehen strategische Eigeninteressen. Für Moskau ist der Besuch ein Rückschlag.08.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAm Samstag reist Se...
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Hinter der Einladung des prorussischen serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic stehen strategische Eigeninteressen. Für Moskau ist der Besuch ein Rückschlag.
08.08.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten

Am Samstag reist Selenski zu Vucic: Die Einladung aus Serbien bedeutet eine Abkehr von einer jahrelangen Politik.
AP
Serbiens Präsident Aleksandar Vucic rollt am Samstag den roten Teppich für den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski aus. Es ist dessen erster Staatsbesuch in Belgrad. Ein solcher hätte ursprünglich bereits im Mai stattfinden sollen, wurde dann aber kurzfristig von Kiew abgesagt. Serbien pflegt seit dem Ausbruch des russischen Angriffskriegs eine Schaukelpolitik: Zwar unterstützt es die territoriale Integrität der Ukraine, gleichzeitig trägt es aber die europäischen Sanktionen gegen Russland nicht mit.
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Dass Belgrad nun Moskaus grössten Widersacher empfängt, kommt einem politischen Tabubruch gleich. Vucic stellte am Donnerstag bei der Ankündigung des Treffens zwar direkt klar, dass Serbien an seiner Russlandpolitik festhält und sich den Sanktionen vorerst nicht anschliessen wird. Er betonte aber auch die Potenziale einer Zusammenarbeit mit der Ukraine. Es gebe einige wichtige Themen zu besprechen, sagte er. Hinter der Einladung stehen strategische Eigeninteressen.
Dialogbereitschaft demonstrieren
Vucic will das Treffen nutzen, um sich als Partner Kiews bei der EU-Integration zu inszenieren. Er erklärte, den EU-Beitrittsprozess beider Länder bei dem Gespräch thematisieren zu wollen. Kiew wie auch Belgrad stünden vor ähnlichen Herausforderungen im europäischen Integrationsprozess. Man wolle darüber sprechen, wie man sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen könne. Serbien ist bereits seit 2012 offizieller Beitrittskandidat. Obwohl die Ukraine diesen Status erst zehn Jahre später erhielt, hat sie Serbien beim Reformtempo überholt.
Die serbischen Beitrittsverhandlungen mit Brüssel liegen derweil seit Jahren brach. Die EU kritisiert Belgrads mangelnde Rechtsstaatlichkeit, die fehlenden Fortschritte in der Kosovo-Frage und nicht zuletzt die Weigerung, die Russland-Sanktionen mitzutragen. Der Empfang Selenskis wird darum als Versuch Vucics gewertet, der EU und dem Westen Entgegenkommen sowie Dialogbereitschaft zu demonstrieren – und auch eine vorsichtige Distanzierung gegenüber Russland.
Des Weiteren festigt Vucic mit der Einladung Selenskis die Partnerschaft mit der Ukraine in der Kosovo-Frage. Kiew anerkennt die Unabhängigkeit Kosovos nicht und hat bei den beiden Südosteuropa-Ukraine-Gipfeln die Regierung in Pristina nicht eingeladen. Vucic zeigte sich am Donnerstag erkenntlich dafür. «Das müssen wir respektieren», sagte er. Für Belgrad bleibt es strategisch wichtig, dass Kiew bei dieser Position bleibt. Das ist auch der Grund dafür, weshalb Vucic die territoriale Integrität der Ukraine immer wieder betont.
Bei den Gesprächen wird wohl auch die Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich ein Thema sein. Belgrad verkauft seit Jahren serbische Munition an Drittstaaten wie Polen, Tschechien oder Bulgarien. Von dort gelangt sie an die ukrainische Front. Vucic verteidigt das Geschäft als wirtschaftliche Notwendigkeit. Vucic betont zudem, dass die Lieferungen in die Ukraine ohne serbische Beteiligung geschehen. Für Selenski hat die Sicherung des Munitionsnachschubs derweil grosse Wichtigkeit bei der Verteidigung seines Landes gegen Russland.
Auch eine gemeinsame Drohnenproduktion könnte auf der Agenda stehen. Laut der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» gibt es Pläne für eine trilaterale Kooperation in diesem Bereich zwischen Serbien, der Ukraine und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Weiter stehen die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen und eine Zusammenarbeit im Strom- und Energiesektor weit oben auf der Prioritätenliste.
Diplomatische Niederlage für Putin
Das Treffen ist zwar ein Zeichen der Annäherung zwischen den beiden Ländern, bleibt aber ein Balanceakt: Belgrad wird seine Kontakte zu Russland weiter aufrechterhalten. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Serbien bezieht sein Erdgas derzeit noch fast vollständig aus Moskau. Um diese Abhängigkeit zu brechen, vollzieht das Land seit einigen Jahren aber eine Diversifizierung seiner Gasversorgung mit Lieferungen aus Aserbaidschan und über europäische Flüssiggastanks.
Auch in der Kosovo-Frage ist Russland für Serbien wichtig. Mit seinem Vetorecht im Uno-Sicherheitsrat blockiert es seit fast zwei Jahrzehnten die völkerrechtliche Anerkennung und den Uno-Beitritt Kosovos. Hinzu kommt, dass die serbische Bevölkerung Russland historisch nahesteht. Diese Verbundenheit gründet auf der gemeinsamen slawisch-orthodoxen Tradition und festigte sich durch Moskaus Unterstützung als militärischer und diplomatischer Schutzpatron. Vucics Machtbasis besteht aus prorussischen Wählern, die er nicht verprellen darf. Den Besuch von Selenski verkauft er ihnen als pragmatischen Staatsakt.
Noch mehr Unbehagen löst das Treffen aber in Moskau aus. Russland hatte in der Vergangenheit bereits die serbischen Munitionslieferungen an die Ukraine scharf kritisiert und von Verrat gesprochen. Zum bevorstehenden Empfang für Selenski hat sich der Kreml bisher nicht geäussert. Zwar kann er sich damit trösten, dass Vucic versicherte, an seinem Russlandkurs festzuhalten. Der Besänftigungsversuch ändert aber nichts daran, dass das Gipfeltreffen in Belgrad für Putin ein strategischer Rückschlag ist. Selenski sitzt nun mit Moskaus wichtigstem Verbündeten auf dem Balkan am Verhandlungstisch. Für Kiew ist dies wiederum ein symbolischer Erfolg. Dem Land gelingt es, in die Einflusssphäre Russlands vorzudringen.
1 Kommentar
Vincent Kraeutler
vor 1 Stunde
2 Empfehlungen
Ich halte es fuer eine positive Entwicklung, dass sich osteuropaeische Laender wieder verstaerkt um direkten Interessensausgleich bemuehen.
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