Hessische Badeseen: Schwimmen nicht empfohlen trotz bester Wasserqualität
Es klingt wie ein Widerspruch: Jedes Jahr im Mai meldet das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) zu Beginn der Badesaison, dass die hessischen Badeseen eine Topwasserqualität aufweis...
- 4 min read
Es klingt wie ein Widerspruch: Jedes Jahr im Mai meldet das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) zu Beginn der Badesaison, dass die hessischen Badeseen eine Topwasserqualität aufweisen. Doch kaum wird es richtig heiß und die Sehnsucht nach Abkühlung groß, wird vom Baden in bestimmten Seen abgeraten. Der Schultheis-Weiher in Offenbach ist seit Anfang Juli sogar gesperrt. Das eine hat mit dem anderen nur bedingt etwas zu tun, wie das Beispiel des Licher Waldschwimmbads zeigt. „Ausgezeichnete Qualität“ weist das Bad nach der EU-Badegewässerrichtlinie auf. Doch direkt neben dem Symbol eines Schwimmers mit drei Sternen ist ein durchgestrichener in einem roten Kreis zu sehen: Baden wird nicht empfohlen.
Den Unterschied erläutert eine Sprecherin des HLNUG. Bei der europäischen Richtlinie geht es um die hygienische Qualität. Dazu wird das Wasser von den zuständigen Gesundheitsämtern mindestens einmal im Monat auf die Konzentration zweier Bakterien untersucht, Escherichia coli und Intestinale Enterokokken. Ihr Vorkommen ist ein Hinweis darauf, dass Fäkalien in das Gewässer gelangt sind. Auf der Internetseite des Landesamts sind auf einer Karte alle 61 hessischen Badeseen eingezeichnet. Über die Markierungsfähnchen lassen sich zudem nähere Angaben zu den jeweiligen Seen abrufen. Und so zeigen die zuletzt am 22. Juni entnommenen Proben für das Licher Waldschwimmbad, dass die Werte der Fäkalbakterien mit 15 Einheiten je 100 Milliliter weit unter den Grenzwerten liegen und nicht nur unbedenklich sind, sondern das Prädikat „Ausgezeichnete Wasserqualität“ verdienen.
Grünes Wasser mit vielen Blaualgen
Dass das Schwimmen trotzdem nicht angeraten ist, liegt an den Blaualgen. Eigentlich handelt es sich nicht um Algen, sondern um Cyanobakterien, die das Wasser eher grün färben. Von ihnen erzeugte Gifte können zu Übelkeit, Durchfall und Magen-Darm-Beschwerden führen, bei empfindlichen Menschen auch zu Haut- und Schleimhautreizungen und allergischen Reaktionen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn man größere Mengen Wasser verschluckt. Sichtbare Algenteppiche und stark grün gefärbtes Wasser sollte man daher meiden. Das gilt insbesondere für Kleinkinder, die am Ufer spielen. Dort treibt der Wind häufig die Algenteppiche zusammen, sodass dort die Konzentration besonders hoch ist. Für Hunde seien die Blaualgen hochgiftig, sagt die Sprecherin des Landesamts.
Für drei Badeseen in Hessen wird wegen hoher Blaualgen-Konzentration vom Baden abgeraten. Das sind neben dem Licher Waldschwimmbad der Grüne See unweit von Witzenhausen in Nordhessen und der Guckaisee im Naturpark Hessische Rhön. Das Landesamt nennt eine Faustregel: Wer knietief im Wasser steht und seine Füße nicht mehr sehen kann, sollte sich eine andere Badestelle suchen. Liegt die Sichttiefe unter zwei oder gar unter einem Meter, wird zudem die Rettung Ertrinkender erschwert. Das ist der Hauptgrund, warum auf der Übersichtskarte des Landesamts elf Badeseen zwar zum Baden freigegeben, aber mit einem Hinweis versehen sind.
Die Algenblüte wird durch hohe Temperaturen und ein reiches Angebot an Phosphat begünstigt. Die Nährstoffe für die Cyanobakterien kommen auch von außen ins Wasser, etwa durch Vögel, aber auch die Badegäste selbst. Wer sich den Gang zur Toilette spart, kann sich daher unter Umständen später die Fahrt zum gesperrten Badesee sparen. Fast alle Seen in Hessen sind künstlich entstanden, vor allem flache Gewässer mit geringem Zufluss sind regelmäßig von Blaualgen betroffen. Der Große Woog in Darmstadt etwa war vor Kurzem für einige Tage geschlossen und ist inzwischen wieder freigegeben worden.
Immer wieder versuchen Kommunen, gegen das Phänomen vorzugehen. Im Hattsteinweiher in Usingen, dem einzigen Badesee im Taunus, wurden vor einigen Jahren Hechte ausgesetzt, um den Bestand an Weißfischen wie Rotauge und Rotfeder zu reduzieren. Diese hätten zu viele Wasserpflanzen gefressen, die sonst Gegenspieler der Algen seien. Auch mit Eisen und Aluminium ist das Wasser behandelt worden.
Die Stadt Offenbach hatte 2022 begonnen, dem Wasser des Schultheis-Weihers mit einer Eliminierungsanlage Phosphor zu entziehen. Sie wurde voriges Jahr aus Kostengründen abgestellt. Für ein Urteil darüber, ob sie positive Auswirkungen hatte, sei die Betriebsdauer zu kurz gewesen, heißt es seitens des Offenbacher Umweltamts. Jetzt soll ein ganzheitlicher Ansatz die Wasserqualität verbessern und ein Fischsterben verhindern. Er reicht vom Management der Wasserpflanzen, der Fisch- und Krebsbewirtschaftung, einer Gestaltung des Ufers über das Gänsemanagement bis zur Notfallbelüftung bei kritischen Sauerstoffverhältnissen. Doch die Stadt dämpft die Erwartungen: Vollständig verhindern ließen sich Blaualgenblüten und Badeverbote auch künftig nicht.